„Augenblick mal!“ Eine innere Stimme meldet sich in fragendem und fast vorwurfsvollem Tonfall: „Ende Mai - kurz vor Pfingsten? Müsstest du da nicht in der Schule auf Hochtouren laufen? Kursarbeiten, HÜ’s und einzusammelnde Hausaufgaben korrigieren? Gruppenarbeiten bewerten? Nach Pfingsten bleibt nicht mehr viel Zeit bis zum Noteneintrag. Und dann kommt ja möglicherweise noch eine Hitzewelle mit Kurzstunden, die die weitere Planung ganz unzuverlässig macht. Dazu Arbeitskreise zur Planung des nächsten Schulfestes oder der nächsten Projektwoche am Nachmittag, pädagogische Konferenzen, Elterngespräche, Sprechstunde und so ein Zeug. Wie kannst du jetzt in Hamburg abhängen?“
Nun - es ist so: In den letzten Jahren leide ich zunehmend unter Rückenbeschwerden. Skoliose. Wurde bei mir viel zu spät diagnostiziert und kann nicht mehr behandelt werden. Hinzu kommt exorbitant hoher Blutdruck, den ich wohl auch der Zusatztätigkeit am Vertretungsplan zu verdanken habe: Sitzende Bürotätigkeit und Dauerstress fordern ihren Tribut. Zugegeben: Mein Übergewicht trägt sicher ebenfalls seinen Teil dazu bei.
Und dann sind da noch die Kinder: Während der Coronazeit wurde mir zunehmend klar, dass sie den Regierenden und der Verwaltung offensichtlich weitgehend egal sind. Wie man die Kinder in der Coronazeit behandelt hat, war mehr als schäbig. Das werde ich den zuständigen Leuten nie verzeihen. Niemals!
Ist man erst einmal in diese Richtung sensibilisiert, hört man irgendwann auf, Dinge in der Schule auszublenden, die man bisher ignoriert hat: Die seit Jahrzehnten undichten Fenster, die schlecht funktionierende Heizung, der ekelhafte Zustand der Toiletten, die Gleichgültigkeit der Verwaltung, wenn eine Baustelle mal wieder über zwei Jahre lang Teile des Schullebens lahmlegt oder den ohnehin schon viel zu kleinen Schulhof halbiert oder Lärm erzeugt, der Abiturklausuren stört. Material wird geliefert und steht dann monatelang herum, weil keine Kapazitäten für die Montage frei sind. Naturwissenschaftliche Räume in der obersten Etage werden komplett neu aufgebaut, aber das undichte Dach dabei nicht repariert. Räume fertig - Starkregen - alles wieder versaut. Mal fällt der Strom aus, mal das Internet, mal regnet es durchs Dach in mehrere Klassenräume, die dann wochen- oder monatelang nicht benutzt werden können und, und, und. Ich könnte noch unendlich lange davon erzählen!
Und anstatt dass sich irgendjemand mal um diese ganz elementaren Probleme kümmert, damit wir Lehrer einfach nur unsere Arbeit machen können und damit die Kinder mit der Schule einen Ort haben, in dem sie sich zurecht finden und sich geborgen und sicher fühlen, wird von Seiten des Ministeriums alle paar Jahre eine neue Sau durchs Dorf getrieben: NaWi, AQS, Stundentafel wird geändert, MINT und Informatik in der Mittelstufe: Alle Nase lang werden neue Fächer erfunden für die niemand ausgebildet ist, fehlende Lehrerstunden von einem Fach auf das Nächste verschoben, es wird der Mangel nur verwaltet und kaschiert anstatt ihn zu beheben. Und so gärte es in mir seit Jahren. Als Vertretungsplaner wurde ich täglich mit dieser Mangelverwaltung konfrontiert - ich war Teil dieses Systems. Ich war immer der Erste, der es mitbekommen hat, wenn KollegInnen an diesem System zerbrochen sind. Zunächst häufen sich die Krankmeldungen - immer nur für ein paar Tage. Dann trudelt auf einmal eine Krankschreibung über vier Wochen ein die dann alle vier Wochen verlängert wird. Diese kommt zunächst vom Hausarzt, die Verlängerung irgendwann von einem Neurologen oder Psychologen. Ich hatte selber schon Burnout, Depressionen mit Alles und viel scharf. Ich erkenne die Muster! Ich kann es riechen, wenn ein Kollege mit Vollgas auf den Abgrund zurast. Es ist wie bei den Protagonisten aus „Interview mit einem Vampir“: sie erkennen einander, als gäbe es ein geheimes Zeichen, ein Stigma das nur die Betroffenen wahrnehmen können. Wie dieser Zusammenbruch dann aussieht, ob jemand heulend auf dem Flur vor der Klasse hockt, ob jemand Monate- oder gar jahrelang ausfällt oder ob jemand hyperaktiv immer weiter auf Verschleiß fährt (das war eher so mein Ding), ist unterschiedlich. Aber gesund ist das nicht.Ich habe dann einen Kassensturz gemacht: Die Besoldungsstelle hat mir meine Pensionsansprüche ausgerechnet, ich habe Lebens- und private Rentenversicherungen überschlagen und kam zu dem Schluß: Das tue ich mir nicht länger an. Um es kurz zu machen: Ende Juli 2025 wurde ich gemäß §39, Abs 1 Landesbeamtengesetz in den Ruhestand versetzt. Das war das schönste Papier meines Lebens und ich will es euch nicht vorenthalten.
Zurück nach Hamburg: Ich sitze in der Cafébar „Barbarossa“. Es perlt leichter Jazz aus den Lautsprechern - „easy listening“ nennt man das wohl - also quasi Fahrstuhlmusik. Ich trinke eine Zitronenlimonade und esse ein Fischbrötchen. Ich kenne meine Pflichten als Tourist in der Hansestadt! Matjes - und damit sind wir wieder beim Hering. Durch die großen Fenster sehe ich Touristen und Einheimische. Autos, halb offene Doppeldeckerbusse auf Stadtrundfahrt, Fahrräder auf sehr breiten, durchgehenden und an kritischen Stellen auch baulich vom restlichen Verkehr getrennten Fahrradspuren - geht doch! Schülergruppen werden von ihren Lehrern durch die Speicherstadt getrieben und zugetextet. Dabei könnten die jetzt auch im Miniaturwunderland ihren Spaß haben. Oder im „Hamburg Dungeon“, einer Art Gruselwachsfigurenkabinett. Theater und Musical gibt es hier auch, große Kinos und natürlich die Elbphilharmonie.
Boah! Ist die schön! Die Formensprache dieses Gebäudes haut mich echt um. Aber es war ja auch recht kostspielig. Wäre schade, wenn es dann kacke aussehen würde. In Wirklichkeit ist die Elbphilharmonie überwältigend! Der Sockel wurde errichtet unter Einbeziehung der entkernten Fassade eines alten Speichers und passt sich deshalb harmonisch und organisch ins Ensemble der Backsteingotik der Speicherstadt ein. Der oben aufgesetzte Teil glitzert in der Sonne und spiegelt den Himmel wider, als sei er ein Teil davon. Das Ding ist riesig (110 Meter hoch), aber es stört nicht, es ist vielmehr ein Schmuckstück! Ein Edelstein, der aus der Speicherstadt herausragt. Ich küsse den Boden, auf dem der Architekt gelaufen ist! Ich wusste nicht, dass dieses Gebäude so schön ist, denn Bilder können das kaum einfangen. Man muss schon bei unterschiedlichen Beleuchtungsverhältnissen davor stehen, sonst erfährt man es nie. Hier bekommt man als Steuerzahler noch etwas geboten für sein Geld.Schaut auf diese Stadt!
Ich bezahle - das geht in Hamburg selbstverständlich überall mit Karte. Bankautomat? Ich weiß jetzt schon nicht mehr, wie das geht. Mal schauen, ob im Fleetschlößchen noch ein Platz frei ist. Wir lesen uns später. (Denken Sie sich jetzt einfach 15 Minuten Pause.)
Es waren noch Plätze zu haben. Das ist selten, denn das Fleetschlößchen ist winzig. In seiner wechselvollen Geschichte war es einst eine Dienststelle des Zolls - die Speicherstadt war damals noch Teil des Freihafens. Später wurde es Feuerwache, dann Toilettenhäuschen und schließlich Kaffeebude für die Hafenarbeiter. Heute beherbergt es ein entzückendes Café, wo die Fischbrötchen noch besser sind als die im Barbarossa. Ich entscheide mich für Krabben. Das sind zwar eigentlich keine Fische, aber die sind auch lecker. Vom sprichwörtlichen „dürren Hering“ könnte ich jetzt nicht weiter entfernt sein.
Morgen fahre ich wieder nach Neustadt. Ich bin noch so voller Eindrücke. Nach nur drei Tagen…
Das Herz geht einem über und man möchte weinen vor Glück!


