Montag, 16. Juli 2018

25. Die zweite Exkursion zu den Bienenfressern

Ich streife durch meine Gegend und gehe schon wieder über den Feldweg neben dem Zwiebelfeld. Das Feld wurde inzwischen umgepflügt, dabei wurden auch ein paar von den Erntemaschinen nicht erfasste Zwiebel zerquetscht. Deshalb riecht es hier immer noch sehr intensiv wie an der Salattheke in der Dönerbude. Beim Parken des Moppeds ist mir ein PKW mit vier Personen aufgefallen. Große Taschen haben sie aus dem Kofferraum des Autos geholt, nachdem sie ausgestiegen sind. Deshalb beeile ich mich, um vor ihnen zu dem Unterstand zu kommen, den der NaBu zur Vogelbeobachtung eingerichtet hat. Das sah mir alles verdächtig nach Birdwatching-Picknick aus. Da muss ich zusehen, dass ich noch einen Platz auf den schmalen Holzbänken bekomme.

Merops apiaster
Das Bild entstand zu einem späteren Zeitpunkt
 mit einem anderen als dem im Text beschriebenen Objektiv.
Die Gruppe aus dem Auto ist tatsächlich zum Birdwatching gekommen. Aber ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Hier wird nicht gepicknickt. Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier. Alle haben dicke Kameras dabei, einer sogar eine professionelle Canon mit einem Teleobjektiv, das mich an ein mittleres Flugabwehrgeschütz erinnert. Das Objektiv hat sogar eine Stoffhülle im Camouflage-Look, was die militärische Anmutung noch verstärkt. Es gibt schwere Stative und einen Bohnensack als Aufstützhilfe für die Canon.

Wo waren wir stehen geblieben beim Insektensterben? Sie hatten doch nicht etwa erwartet, dass ich mit dem Thema schon durch bin? Ach ja: Über die Zahlen hatten wir gesprochen und über die möglichen Folgen. Fehlen noch die Ursachen und die Frage danach, wie wir dem entgegenwirken können. Im Grunde kann man da nur raten, und das tun die Wissenschaftler auch. Aber da die Zeit drängt, können wir nicht auf wissenschaftlich belastbare Theorien warten. Wir müssen gegensteuern, und zwar auf allen Ebenen und sofort.

Um der Frage nach den Ursachen nachzugehen, habe ich in den letzten Tagen viel recherchiert und eigene, nicht repräsentative Nachforschungen angestellt. Ich habe gezielt ganz unterschiedliche mögliche Lebensräume für Insekten abgeklappert und die angetroffenen Arten gezählt. Feldränder, bepflanzte Verkehrsinseln und Parkplätze waren ebenso dabei wie eine Wiese in einem Seitental des Pfälzer Walds. Das war so weit abgelegen, dass ich schon fürchtete, vom Rand der Scheibe herunterzufallen, wenn ich nicht aufpasse. Und ich muss sagen: Hier in der Pfalz scheint noch alles in Ordnung zu sein. Hier gibt es eine vielfältige Gliedfüsserfauna, teilweise mit aus wärmeren Gegenden eingewanderten Neozoen wie zum Beispiel der Gottesanbeterin oder der Wespenspinne.

die japanische Steingartenverkehrsinsel
(mit Mopped und Helm)
Verkehrsinsel als Wingert,
gesehen in Bad Bergzabern
Kaum, dass meine mit-Birdwatcher angekommen sind, verteilen sie sich flächendeckend in der kleinen Hütte. Wie man unschwer an der Sprachfärbung erkennen kann, handelt es sich um ein Rudel Exilrheinländer. Es wird überaus konzentriert fotografiert, und dabei kommen wir ins Gespräch. Das Exil ist irgendwo im Hessischen, und die Rheinländer kommen offensichtlich öfter her. Nur der Mann mit der Canon ist derart in seine Arbeit vertieft, dass es sich am Gespräch nicht beteiligt. Man hört nur das machinengewehrartige klickern seines Auslösers. Im Prinzip muss ich nicht mehr durch den Sucher schauen. Da ich heute wieder nur das alte 300er dabei habe, ich wollte ihm einfach noch mal eine Chance geben, ist mein Bildausschnitt relativ groß und die Vögel auf ihrer Sitzwarte immer im Bild, wenn ich Kamera und Objektiv in einer bestimmten Art und Weise aufstütze. Den Autofokus habe ich abgeschaltet und manuell auf die Sitzwarte der Tiere fokussiert. Ich muss jetzt nur noch abwarten, bis einer der Vögel den Zweig anfliegt und abdrücken, damit ich sie genau im richtigen Augenblick mit weit ausgestreckten Flügeln erwische. Im Grunde genommen muss ich nicht einmal mehr beobachten. Ich muss nur in dem Augenblick den Auslöser drücken, wenn neben mir die Canon losknattert. Das führt zwar zu erstaunlich guten Ergebnissen, macht aber nicht so viel Spaß wie meine letzte Sitzung. Ich sitze also noch eine Weile im Weg herum, verabschiede mich dann und mache mich auf den Weg. Ich wollte hier in der Nähe noch bei einem Freund vorbeischauen und es dräut ein Gewitter, also habe ich gleich mehrere gute Gründe, aufzubrechen. Ganz in der Nähe der Gerolsheimer Gruben fällt mir noch eine Verkehrsinsel auf, die wie ein japanischer Steingarten aussieht. Ohne Blühende Pflanzen, aber mit Steinen in farbenfrohen Grautönen. Seltsam, welche Blüten die Verkehrsinselgestaltung in der Pfalz treibt: Kunstwerke habe ich schon gesehen. Kleine Biotope und einen kleinen Weinberg. Und jetzt ein Steingarten.

Er hat mich gesehen!
Als eine der Ursachen des Insektensterbens gilt der Mangel an adäquaten und hinreichend vernetzten Lebensräumen mit einheimischen Pflanzen. Tatsächlich sind japanische Steingärten zur Zeit sehr in Mode. Sie sehen schick aus und sind zudem Pflegeleicht. Aber eben keine geeignete Bienenweide. Allenfalls Loriots Steinlaus würden hier satt. Die Streuobstwiesen meiner Kindheit (Achtung! Gleich erzählt der Alte wieder vom Krieg!) wurden ersetzt durch maschinenkompatible Spalierobstpflanzungen. Und das macht eben den Unterschied aus zwischen ein paar zehntausend Blüten an einem ausgewachsenen Apfelbaum im Frühling und bestenfalls 100 an einem Spalierbäumchen. Die verwilderten Brachgrundstücke, auf denen meine Generation spielend noch große Teile der Kindheit verbracht hat, wurden ersetzt durch Spielplätze oder fielen der innerstädtischen Verdichtung zum Opfer. In den Vorgärten sieht man heute oft gepflasterte Parkplätze und die zwischen Äckern stehenden Hecken wurden bei der letzten Flurbereinigung beseitigt. Baugrundstücke wurden immer kleiner und so schrumpfte auch der Gartenanteil in den Wohngebieten. Flüsse wurden begradigt und ihre Betten befestigt. Es fehlt einfach an allem, was Insekten zum Leben benötigen.

Bei meinem Freund angekommen überreiche ich zwei Exemplare des Plakats, das ich aus dem Ensemblebild gebastelt habe. Da das Ensemble wirklich sehr groß war, konnte ich es kostengünstig im Vierfarbdruck vervielfältigen lassen. Trotzdem ist die Qualität des Drucks unglaublich hochwertig. Wir freuen uns sehr darüber. Wir sitzen noch eine Weile auf einer kleinen Terrasse und reden. Mein Freund will keinen großen Garten, das ist ihm viel zu viel Arbeit. Und tatsächlich ist die Terrasse sehr gemütlich. Der Boden ist mit Rindenmulch bedeckt, an den Rändern stehen Blumenkübel. In einem davon blüht sich gerade ein Lavendelgebüsch um den Verstand. Summend und brummend wird es von ganz unterschiedlichen Arten von Wildbienen umschwirrt. Das freut mich. Doch leider liegen unter dem Lavendel einige tote Bienen. Mein Freund weiß auch nicht, woran das liegt. Auf den benachbarten Pflanzen tummeln sich sogar, so sagt er, leider viel zu viele unerwünschte sechsbeinige Besucher, die ihm die Pflanzen schädigen. An einer prinzipiell insektenfeindlichen Umgebung könne es also nicht liegen.

In meinem Kopf knirscht es hörbar, aber zunächst kann ich dieses Knirschen nicht enträtseln. Ich mache mich auf den Weg nach Hause. Irgendwann fällt es mir wie Schuppen von den Haaren. Da mein Spezialthema im ersten Staatsexamen die Schädlingsbekämpfung war, kenne ich mich ein Bisschen aus mit den Insektiziden. Nicht alle sind Fraßgifte und müssen mit der Nahrung aufgenommen werden. Solche können Bienen natürlich bei der Nahrungssuche gefährlich werden, nämlich immer dann, wenn Blütenpflanzen damit behandelt werden. Es gibt aber auch noch reine Kontaktgifte. Hier reicht es, wenn sich eine Biene nur auf einer behandelten Pflanze niederlässt, um sich zu vergiften. Je nach Darreichungsform eines Insektizids kann es vorkommen, dass Pflanzen versehentlich kontaminiert werden, weil der Wind das Gift verdriftet. Das funktioniert im Kleinen, also von einem Blumenkübel auf der Terrasse auf einen benachbarten, wie im Großen, also von einem Feld auf eine nahe gelegene Hecke oder den Waldrand. Ich hätte meinen Freund danach fragen sollen ob er versucht hat, die Schädlinge auf der anderen Pflanze loszuwerden. Vielleicht hätten wir so schon eine Erklärung für das kleine Bienensterben auf seiner Terrasse. Als eine weitere Ursache für den Artenschwund bei den Insekten gilt jedenfalls tatsächlich der großflächige Einsatz von Insektiziden.

Zuhause angekommen beschließe ich, die Bienenfresser gleich morgen noch einmal zu besuchen. An einem normalen Wochentag ist dort bestimmt nicht so viel los wie am Sonntag. Etwas verliebt bin ich ja schon in die kleinen Vögel.