Montag, 22. Juni 2026

33. Der große Bahnhof (2)

Ich streife durch den großen Bahnhof. Und wenn ich sage „groß“, dann meine ich das auch: 430 Meter im Quadrat, mehrere übereinander liegende Ebenen, acht Gleise in den beiden Tiefgeschossen, sechs im Obergeschoss, dazu noch mehrere Gleise für S- und U-Bahn. Von Außen sieht man halbtransparent spiegelndes Glas, Stahl und Aluminium. Kuben, Kuppeln, Glasdächer. Geil! Ich stehe auf hypermoderne Architektur.

Leider riecht es an meiner Bank an Gleis sieben des Berliner Hauptbahnhofs etwas nach Kanalisation. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wie Kanalisation riecht. Da hängt man ja auch nicht alle Tage ab. Stellen Sie sich vor, Sie lassen in Badewanne und Toilette die Siphone austrocknen, zum Beispiel während einer längeren Reise. Dann steigt der Geruch aus dem Abflussrohr ins Badezimmer auf. So riecht das.

Ich sitze auf der seitlich neben der Bank aufgehängten Gepäckablage, futtere meinen Obstsalat mit tropischen Früchten aus dem hiesigen Lebensmittelmarkt und denke über die vergangenen Tage nach: Himmel, war das schön! Bin schon lange nicht mehr in Berlin gewesen, zuletzt im Oktober 1989, also vor 37 Jahren. Wenige Wochen später ist die Mauer gefallen und Deutschland befand sich auf dem Weg zur Wiedervereinigung. Ich bekomme heute noch feuchte Augen, wenn ich darüber nachdenke. Was Andere aus ihren Geschichtsbüchern kennen, habe ich noch live in den Tagesthemen gesehen.

Doch der Reihe nach: Ich bin unter Anderem deshalb an einem ziemlich heißen Tag nach Berlin gefahren, weil ich eine befreundete Familie besuchen wollte. ER spielte um 19.00 Uhr in einem Theaterstück, das ich mir gerne angesehen hätte. Natürlich wollte ich auch nachsehen, was sich in den letzten Jahrzehnten in „meinem“ Berlin geändert hat, dazu aber später mehr.

Um dem geneigten Leser die Turbulenzen während der Fahrt zu veranschaulichen, gebe ich hier einfach mal den nur unwesentlich bearbeiteten WhatsApp-Chatverlauf wieder der zwischen IHM und MIR während der Fahrt entstanden ist:  

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(Die Zugprotokolle - Anfang)  

ER (9.38): Wir können dich auch vom Hotel abholen.

ICH (10.15): Schwierig: ich sitze noch nicht im ICE, und der hat schon zwei Stunden Verspätung. Ob ich den reservierten Sitzplatz bekomme, ist auch ungewiss, denn es wird ein anderes (kleineres) Fahrzeug kommen als geplant. Stand jetzt: Ankunft 18.10 Berlin Hbf. Ich halte euch auf dem Laufenden, sobald ich mehr weiß.

ER (10.31): Wir können dich auch vom Hbf abholen. Du hältst uns auf dem Laufenden.

ICH (11.10): Die DB-App redet z. Zt. wirres Zeug. Ich melde mich wieder, wenn ich im ICE sitze.

ICH (13.18): Ich sitze jetzt in einem 30 Min. verspäteten ICE, der trotzdem 17.36 im HBF einlaufen soll. Wenn ihr Lust, Zeit und ein Auto habt, wäre eine Abholung natürlich angenehm, ich kann aber genauso auch ein  Taxi nehmen.

ER (13.20): Klasse wir holen dich ab! Sag welches Gleis.

ICH (13.23): Angeblich Gleis 3. Aber das ist die Deutsch Bahn! Die bringen ohne rot zu werden Dinger, für die sich ein Japanischer Lokführer unaufgefordert einem Seppuku unterziehen würde.

ICH: (14.17): Aktuelle Prognose: 17.58 Uhr. Wer sagt‘s denn…

ICH (14.32): Und es geht weiter: Kaputte Weiche! Wir stehen.

ICH (15.03): Wir stehen immer noch. Die Weichentechniker müssen wohl erst herbeigeschafft werde. Hoffentlich fahren die nicht mit dem Zug….

ICH (15.10): Plan „B“ wird gerade erklärt, denn die Weiche ist nicht zu reparieren: Der Lokführer wechselt in den hinteren Führerstand und fährt fünf Kilometer zurück. Daselbst wechseln wir auf das parallele Gleis und versuchen es erneut. 

Hoffentlich verfahren wir uns nicht. 

Ironischerweise wurden wir eben von einem anderen ICE überholt.

Das mit dem Abholen können wir, glaube ich, vergessen, denn sonst verpasst du heute das Theaterstück. Und da wolltest du doch unbedingt hin.

ICH (15.17): Ein weiterer ICE überholt gerade, wir stehen immer noch. Vermutlich ist der Lokführer nicht so gut zu Fuß.

ICH (15.20): Die Auflösung kommt über Lautsprecher: Hinter uns steht noch ein Regionalexpress. Der kann sich natürlich nicht in Luft auflösen und muss ebenfalls zurücksetzen.

ICH (15.21): Noch ein ICE fährt vorbei…

ICH (15.31): Die Zugführerin dreht gerade völlig ab: Die Weiche hinter uns ist auch defekt. Sie musste noch leicht irre kichern, bevor sie das Mikro ausgeschaltet hat.

ER (15.39, Sprachnachricht): Das Tagebuch des Adolf Kluth im ICE!

ICH (15.40): Bin im Ruheabteil. Hier kann ich keine Sprachnachricht abhören.

ICH (15.49): Der Lokführer ist gerade ausgestiegen. Offenbar hat er die Nase voll.

ICH: (16.14): Angeblich konnte die Weiche nun doch noch irgendwie hingedengelt werden Wir warten jetzt noch auf die neuen Streckenpläne und die Freigabe. Und dann kann’s schon losgehen. Bis zur nächsten Panne.

ICH (16.18): Die Bahn: Und sie bewegt sich doch… Augenblick mal… Wo ist eigentlich der Lokführer?

ICH (16.20): Neue Prognose: 19.28 Uhr.

Ich geh’ dann direkt ins Hotel und hoffe auf die Sonntagsvorstellung. Oder ich freue mich einfach auf einen Kaffee mit euch.

ER (17.28): Alles klar mein Guter, dann frühstücken wir morgen um 10:00 in der neuen Liebe! Morgen Abend die Vorstellung findet statt.

(Die Zugprotokolle - Ende)

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Angekommen bin ich dann ziemlich genau um 20.00 Uhr.  

Sie ahnen: Ich war ziemlich gebügelt, als ich mit mehreren Stunden Verspätung im Hauptbahnhof der Bundeshauptstadt angekommen bin. Diesen Bahnhof gab es übrigens vor 37 Jahren noch nicht, hier standen Trümmer und Ruinen. (West-)Berlin war noch kuschelig eingemauert, eine Insel im Ozean des totalitären Sozialismus. Hier lebten viele Junge Menschen, die sich aus der Bundesrepublik abgesetzt hatten. Berlin stand nämlich noch unter Vier-Mächte-Status, wer hier mit dem Hauptwohnsitz gemeldet war, musste weder seinen damals noch obligatorischen Wehrdienst ableisten, noch ersatzweise seinen Zivildienst. Durch die zugezogenen „Bundis“, die vielen Studenten und nicht zuletzt durch die seinerzeit schon recht große türkische Gemeinde, entstand eine schillernde kulturelle Gemengelage, die in manchen Vierteln schon einem Paralleluniversum ähnelte. Außerdem gab es in Berlin keine Sperrstunde wie in Westdeutschland: Clubs, Kneipen und Cafés durften rund um die Uhr geöffnet bleiben. So war auch das Nachtleben knallbunt. Ich habe seinerzeit mal mit einem US-Amerikaner gesprochen. Er war von New York ins eingemauerte West-Berlin gezogen, denn er war der Überzeugung, dass hier deutlich mehr los sei als im Big Apple. 

Andererseits gab es auch viele schmuddelige Ecken, heruntergekommene Mietskasernen mit Klo im Treppenhaus (das im Winter einfror), Trümmergrundstücke, die fucking Mauer mit Todesstreifen und bis an die Zähne bewaffneten Wachposten, an den Straßenrändern auftauender Hundekot im Frühling und, und, und... Das Berlin des kalten Kriegs war nicht schön. Der Zeitgeist damals war Angst. "Angst" war so präsent, dass es das meistverwendete Lehnwort in vielen Sprachen der Welt war: "The German angst" oder "l'angst" oder so. Aber Berlin war aufregend. Niemand investierte freiwillig hier, dennoch war Berlin „the place to be“. Berlin war bunt und kaputt, Berlin nahm Drogen und soff wie ein Loch. Berlin war kreativ. Berlin war Kultur und Innovation. Einerseits wie ein ungezogenes Kind, andererseits eine richtige kleine Schlampe. Ich liebte Berlin, bis die Mauer fiel. Bin oft hingepilgert, einmal sogar im Winter bei Schnee und Eis hingetrampt - macht heute kein Mensch mehr: Man stellt sich an die Straße, hält den Daumen und ein Pappschild mit dem Reiseziel hoch, und irgendein Auto hält dann schon und nimmt einen ein Stück mit. Und dann fängt das Spiel von Vorne an.  

Nach dem Mauerfall hatte ich irgendwie keine Zeit mehr für Berlin. Oder ich habe mich nicht getraut.

Achtung: Gleich erzählt der alte Mann wieder vom Krieg!

Nach der anstrengenden und viel zu langen Fahrt im Zug habe ich mir ein Taxi zum Hotel gegönnt. Friedrichstadtpalast mit riesigen, leuchtenden und zappeligen Bildwänden, Fernsehturm, Reichstagkuppel und Straßenverkehr, als gäbe es kein Morgen mehr. Mit Hupen, zu schnell fahren, Radfahrer zwischendrin und Elektrotretroller und „ROOOT!“ - Quiiiietsch! Uff - gerade noch mal gut gegangen!  

Mir schoss durch den Kopf: „Ganz schön erwachsen geworden, die kleine Schlampe!“

Nach dem verunglückten Start wurde dann aber alles doch noch sehr schön. Das Wichtigste zuerst: Das Theaterstück habe ich einen Tag später doch noch gesehen. Kurz vorher habe ich noch einen ehemaligen Mitschüler erreicht, der inzwischen als bildender Künstler (und Performance-Artist, Musiker, Fotokünstler, Autor für die TAZ und, und, und) in Berlin lebt. Spontan hat er sich entschlossen, mit seiner Partnerin ebenfalls zu dem Theaterstück zu kommen, und es schien ihm gefallen zu haben. Vielleicht ist so die Keimzelle einer möglichen Kooperation entstanden: Schauspiel und Literatur kooperieren mit bildender Kunst, Performance und Musik. Vielleicht können die beiden Parteien sich aber auch einfach nur vernetzen, um sich gegenseitig bei der Suche nach Spielstätten oder anderen Ressourcen zu unterstützen. Dann wäre mein Besuch in der Bundeshauptstadt wenigstens noch zu etwas nützlich gewesen.

Ich möchte nicht alle weiteren Abenteuer aufzählen, aber meine Freunde habe sich wirklich rührend um den kleinen Adolf gekümmert. Wir haben zusammen gefrühstückt und zu Abend gegessen, Ausflüge gemacht, bei denen ER sehr kompetent Gebäude in den historischen Kontext setzen konnte. SIE hat uns unermüdlich durch die Gegend kutschiert, der wohlriechende Sohn und die liebe Schwiegermutter (aus NW) waren auch mit dabei. Wir haben die geradezu spektakuläre alte Nationalgalerie besichtigt - da könnte ich glatt eine ganze Woche verbringen und hätte immer noch nur knapp 10% gesehen. Und dann bräuchte ich noch Monate für die neue Nationalgalerie und die zahlreichen Außenstellen. Wir haben sogar eine klassische Touristenrundfahrt mit dem Boot unternommen, das wollten wir uns dann doch noch geben. 

Ich glaube, ich habe mich gerade in die gereifte Schlampe Berlin neu verliebt. (Sorry Hamburg - ich hab’ dich natürlich auch nicht weniger lieb! "...und Eifersucht, das ist eine Krankheit: Ich liebe alle, alles gut!" (Nina Hagen - New York, New York))

Nur das Hotel fand ich fast schon etwas drüber: Ich mag es nicht, mit „Der Herr,“ angesprochen zu werden, „darf ich Ihnen noch einen Crémant für den Start in den Tag kredenzen?“ Ich benötige keine devoten oder servilen Dienstboten um mich herum. Ich stehe auch nicht darauf, in einem Restaurant in Berlin eine Speisekarte vorzufinden, die ausschließlich in englischer Sprache verfasst ist. Mein Schulenglisch umfasste keine gastronomischen oder gar kulinarischen Termini. Ich mag es einfach nicht, wenn ich schon vor dem ersten Kaffee den Arsch geleckt bekomme. 

Trage ich etwa Reitstiefel und komme gerade von einem Ausritt über meine umfangreichen Latifundien zurück? Oder bin ich mit einem Vierspänner vorgefahren? Hat mir ein livrierter Chauffeur die Türe am Silver Shadow aufgehalten?

„Und weil der Mensch ein Mensch ist,
Drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern’.
Er will unter sich keinen Sklaven sehn’,
Und über sich keinen Herrn!“ (Brecht/Eisler, Einheitsfrontlied)

Oder um es mit Wolfgang Niedecken zu sagen: „JEDER möht enne Rolls Royce hann! Jeder!“

Mein vorläufig letzter Tag in Berlin ist angebrochen. Ich bin um halb sechs aufgestanden, habe im Hotel ausgecheckt und gefrühstückt. Jetzt ist es kurz vor acht und ich warte vor dem Besucherzentrum des Reichstagsgebäudes darauf, die berühmte, in einem langwierigen Dialog mit dem Bundestag von Norman Forster gestaltete Kuppel auf dem Gebäude zu besichtigen. Als ich schließlich in 24 Metern Höhe das Dach des hohen Hauses betrete, über dem die Kuppel dann noch einmal fast 24 Meter aufragt, beginnen meine Beine weich zu werden und meine Hände fangen an, zu zittern. Da war doch noch was…? 

Ach ja! Ich erinnere mich: Ich habe doch Höhenangst. Ich bin seit dem Ende meines Studiums ein Akrophobiker reinsten Wassers und habe hier sogar schon davon berichtet. Ich schlurfe langsam aber stetig eine der beiden spiralförmigen Rampen nach oben auf die Aussichtsplattform. Dabei achte ich stets darauf, nicht nach unten zu sehen und mich möglichst auf der Außenseite zu bewegen. Von dort kann man den Boden nicht in nächster Nähe sehen, so wird die Höhe etwas Abstraktes, vor dem man keine Angst haben muss. Die Strukturen im Inneren der Kuppel wirken etwas verstaubt. Da hätte man ja ruhig noch einmal durchfeudeln können, wenn ich mich schon auf die lange, beschwerliche Reise mache, um das Bauwerk zu inspizieren. Andererseits: In meinem Bad sieht es auch nicht besser aus. Dann will ich mal nicht so sein und nörgle nicht. Vermutlich bin ich von dem Etepetete-Hotel einfach zu verwöhnt, da war nämlich alles blitzblank. Schließlich komme ich oben an - als Erster! Die Aussicht ist atemberaubend: Tiergarten, Fernsehturm, die Silhouette der Stadt… Toll! Schaut auf diese Stadt!

Ihr Völker der Welt! Schaut auf diese Stadt!“   

Mit diesem Appell wandte sich 1948 der damalige Bürgermeister Ernst Reuter an die Welt, Berlin nicht im Stich zu lassen. Was war geschehen?  

Die Nazis hatten die Welt in Brand gesetzt, und die Welt hatte die Deutschen nicht im Stich gelassen. Die Alliierten kämpften, bis Nazi-Deutschland besiegt und die Deutschen von der Pest des Nationalsozialismus befreit waren. Aber Deutschland wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen, es lag am Ende des Krieges in Trümmern. 1945 hissten Soldaten der Roten Armee schließlich auf den Ruinen des Reichstags die Flagge der Sowjetunion. 1948 hatten sich die Spannungen zwischen den westlichen Alliierten und ihrem ehemaligen Verbündeten im Osten derart zugespitzt, dass dieser sich entschloss, die Versorgungskorridore Berlins zu blockieren. Berlin war damit abgeschnitten vom Nachschub an Lebensmitteln und Kohlen zum Heizen. Strom aus Ostdeutschen Kraftwerken wurde auch nicht mehr geliefert. Es drohte eine Katastrophe. Und wieder geschah Unglaubliches: Wieder ließen die Siegermächte uns Deutsche nicht fallen. Die Amerikanische und die Britische Luftwaffe errichteten eine Art fliegende Brücke, die „Luftbrücke“. Später beteiligten sich auch andere Nationen daran, Berlin und seine Bevölkerung mehr als ein Jahr lang aus der Luft zu versorgen. 

All das sehe ich, wenn ich über diese Stadt schaue. Das, und noch viel mehr. Und jetzt bricht eine neue Zeit an: Die USA unter dem Präsidenten mit dem Eichhörnchen auf dem Kopf möchten sich weniger in die NATO einbringen. Die Nutzung ihrer europäischen Basen und die Überflugrechte über Europäische Staaten möchten sie jedoch behalten und vertraglich absichern. Europa soll sich wieder selber und mehr um seine Verteidigung kümmern. Die Entscheidung, wie stark sich die Vereinigten Staaten von Amerika in der NATO engagieren, obliegt allein den USA, das können wir nicht mitbestimmen. Was Europa aber entscheiden kann ist, wie wir damit umgehen. 

Ich bin der Meinung, dass wir näher zusammenrücken müssen. Wir brauchen das Selbstbewusstsein, die strategische Bedeutung Europas, auch für die USA, bei Verhandlungen stärker in die Waagschale zu werfen. Und wir brauchen die Vereinigten Staaten von Europa. Gerne auch mit Island, wo man bereits mit den Hufen scharrt, auch mit der Ukraine und Moldawien. Und von mir aus dürfen Kanada und Kalifornien auch mitmachen. Und eines fernen Tages vielleicht auch ein Belarus ohne Lukaschenko oder ein Russland ohne Putin und die Oligarchen. Ich habe gehört, dass in diesen Ländern auch eine Menge kluger und netter Menschen leben sollen. Die würde ich wirklich gerne kennen lernen. Wir sind doch keine Feinde! Wir kommen alles aus demselben Topf!

Warum eigentlich nicht?



 

Dienstag, 19. Mai 2026

32. Die große Stadt

Ich streife durch die Straßen meines Viertels. Es ist noch früh am Morgen und die Sonne scheint. Die Temperaturen sind angenehm. Trotzdem schwitze ich im T-Shirt schon ganz ordentlich. Die Einheimischen hingegen tragen fast alle dünne Jacken oder leichte Mäntel. Dies ist sozusagen die Stadt der Übergangsjacken. Die werden schon wissen, warum. Mir ist das Latte, ich schwitze. Ging mir schon immer so. Andere frieren und frösteln, mir ist es zu warm. Selbst, als ich noch ein dürrer Hering war - darauf kommen wir später noch einmal zurück. Heutzutage verschärft sich die Situation durch meine inzwischen erhebliche, schwer auszukühlende Körpermasse. Dabei hat der Sommer noch nicht einmal angefangen. Wir schreiben das Jahr 2026, es ist Dienstag, der 19. Mai und ich bin schockverliebt. Ich bin völlig vernarrt in diese Stadt. Dabei habe ich die Speicherstadt und die Hafencity noch nicht ein einziges Mal verlassen. Himmel ist das zauberhaft hier. Hamburg: Du bist meine große Liebe.

„Augenblick mal!“ Eine innere Stimme meldet sich in fragendem und fast vorwurfsvollem Tonfall: „Ende Mai - kurz vor Pfingsten? Müsstest du da nicht in der Schule auf Hochtouren laufen? Kursarbeiten, HÜ’s und einzusammelnde Hausaufgaben korrigieren? Gruppenarbeiten bewerten? Nach Pfingsten bleibt nicht mehr viel Zeit bis zum Noteneintrag. Und dann kommt ja möglicherweise noch eine Hitzewelle mit Kurzstunden, die die weitere Planung ganz unzuverlässig macht. Dazu Arbeitskreise zur Planung des nächsten Schulfestes oder der nächsten Projektwoche am Nachmittag, pädagogische Konferenzen, Elterngespräche, Sprechstunde und so ein Zeug. Wie kannst du jetzt in Hamburg abhängen?“

Nun - es ist so: In den letzten Jahren leide ich zunehmend unter Rückenbeschwerden. Skoliose. Wurde bei mir viel zu spät diagnostiziert und kann nicht mehr behandelt werden. Hinzu kommt exorbitant hoher Blutdruck, den ich wohl auch der Zusatztätigkeit am Vertretungsplan zu verdanken habe: Sitzende Bürotätigkeit und Dauerstress fordern ihren Tribut. Zugegeben: Mein Übergewicht trägt sicher ebenfalls seinen Teil dazu bei. 

Und dann sind da noch die Kinder: Während der Coronazeit wurde mir zunehmend klar, dass sie den Regierenden und der Verwaltung offensichtlich weitgehend egal sind. Wie man die Kinder in der Coronazeit behandelt hat, war mehr als schäbig. Das werde ich den zuständigen Leuten nie verzeihen. Niemals! 

Ist man erst einmal in diese Richtung sensibilisiert, hört man irgendwann auf, Dinge in der Schule auszublenden, die man bisher ignoriert hat: Die seit Jahrzehnten undichten Fenster, die schlecht funktionierende Heizung, der ekelhafte Zustand der Toiletten, die Gleichgültigkeit der Verwaltung, wenn eine Baustelle mal wieder über zwei Jahre lang Teile des Schullebens lahmlegt oder den ohnehin schon viel zu kleinen Schulhof halbiert oder Lärm erzeugt, der Abiturklausuren stört. Material wird geliefert und steht dann monatelang herum, weil keine Kapazitäten für die Montage frei sind. Naturwissenschaftliche Räume in der obersten Etage werden komplett neu aufgebaut, aber das undichte Dach dabei nicht repariert. Räume fertig - Starkregen - alles wieder versaut. Mal fällt der Strom aus, mal das Internet, mal regnet es durchs Dach in mehrere Klassenräume, die dann wochen- oder monatelang nicht benutzt werden können und, und, und. Ich könnte noch unendlich lange davon erzählen!

Und anstatt dass sich irgendjemand mal um diese ganz elementaren Probleme kümmert, damit wir Lehrer einfach nur unsere Arbeit machen können und damit die Kinder mit der Schule einen Ort haben, in dem sie sich zurecht finden und sich geborgen und sicher fühlen, wird von Seiten des Ministeriums alle paar Jahre eine neue Sau durchs Dorf getrieben: NaWi, AQS, Stundentafel wird geändert, MINT und Informatik in der Mittelstufe: Alle Nase lang werden neue Fächer erfunden für die niemand ausgebildet ist, fehlende Lehrerstunden von einem Fach auf das Nächste verschoben, es wird der Mangel nur verwaltet und kaschiert anstatt ihn zu beheben. Und so gärte es in mir seit Jahren. 

Als Vertretungsplaner wurde ich täglich mit dieser Mangelverwaltung konfrontiert - ich war Teil dieses Systems. Ich war immer der Erste, der es mitbekommen hat, wenn KollegInnen an diesem System zerbrochen sind. Zunächst häufen sich die Krankmeldungen - immer nur für ein paar Tage. Dann trudelt auf einmal eine Krankschreibung über vier Wochen ein die dann alle vier Wochen verlängert wird. Diese kommt zunächst vom Hausarzt, die Verlängerung irgendwann von einem Neurologen oder Psychologen. Ich hatte selber schon Burnout, mehrere Jahre Depressionen mit Alles und viel scharf. Ich erkenne die Muster, denn sie spiegeln die Narben auf meinem Gehirn! Ich kann es riechen, wenn ein Kollege mit Vollgas auf den Abgrund zurast. Es ist wie bei den Protagonisten aus „Interview mit einem Vampir“: sie erkennen einander, als gäbe es ein geheimes Zeichen, ein Stigma das nur die Betroffenen wahrnehmen können. Wie dieser Zusammenbruch dann aussieht, ob jemand heulend auf dem Flur vor der Klasse hockt, ob jemand Monate- oder gar jahrelang ausfällt oder ob jemand hyperaktiv immer weiter auf Verschleiß fährt (das war eher so mein Ding), ist unterschiedlich. Aber gesund ist das nicht.

Ich habe dann einen Kassensturz gemacht: Die Besoldungsstelle hat mir meine Pensionsansprüche ausgerechnet, ich habe Lebens- und private Rentenversicherungen überschlagen und kam zu dem Schluß: Das tue ich mir nicht länger an. Um es kurz zu machen: Ende Juli 2025 wurde ich gemäß §39, Abs 1 Landesbeamtengesetz in den Ruhestand versetzt. Das war das schönste Papier meines Lebens und ich will es euch nicht vorenthalten.

Ich darf mich jetzt „Privatier“ nennen.

Zurück nach Hamburg: Ich sitze in der Cafébar „Barbarossa“. Es perlt leichter Jazz aus den Lautsprechern - „easy listening“ nennt man das wohl - also quasi Fahrstuhlmusik. Ich trinke eine Zitronenlimonade und esse ein Fischbrötchen. Ich kenne meine Pflichten als Tourist in der Hansestadt! Matjes - und damit sind wir wieder beim Hering. Durch die großen Fenster sehe ich Touristen und Einheimische. Autos, halb offene Doppeldeckerbusse auf Stadtrundfahrt, Fahrräder auf sehr breiten, durchgehenden und an kritischen Stellen auch baulich vom restlichen Verkehr getrennten Fahrradspuren - geht doch! Schülergruppen werden von ihren Lehrern durch die Speicherstadt getrieben und zugetextet. Dabei könnten die jetzt auch im Miniaturwunderland ihren Spaß haben. Oder im „Hamburg Dungeon“, einer Art Gruselwachsfigurenkabinett. Theater und Musical gibt es hier auch, große Kinos und natürlich die Elbphilharmonie. 

Boah! Ist die schön!  Die Formensprache dieses Gebäudes haut mich echt um. Aber es war ja auch recht kostspielig. Wäre schade, wenn es dann kacke aussehen würde. In Wirklichkeit ist die Elbphilharmonie überwältigend! Der Sockel wurde errichtet unter Einbeziehung der entkernten Fassade eines alten Speichers und passt sich deshalb harmonisch und organisch ins Ensemble der Backsteingotik der Speicherstadt ein. Der oben aufgesetzte Teil glitzert in der Sonne und spiegelt den Himmel wider, als sei er ein Teil davon. Das Ding ist riesig (110 Meter hoch), aber es stört nicht, es ist vielmehr ein Schmuckstück! Ein Edelstein, der aus der Speicherstadt herausragt. Ich küsse den Boden, auf dem der Architekt gelaufen ist! Ich wusste nicht, dass dieses Gebäude so schön ist, denn Bilder können das kaum einfangen. Man muss schon bei unterschiedlichen Beleuchtungsverhältnissen davor stehen, sonst erfährt man es nie. Hier bekommt man als Steuerzahler noch etwas geboten für sein Geld. 

Schaut auf diese Stadt!

Ich bezahle - das geht in Hamburg selbstverständlich überall mit Karte. Bankautomat? Ich weiß jetzt schon nicht mehr, wie das geht. Mal schauen, ob im Fleetschlößchen noch ein Platz frei ist. Wir lesen uns später. (Denken Sie sich hier einfach 15 Minuten Pause - ich muss kurz das Café wechseln.)


Es waren noch Plätze zu haben. Das ist selten, denn das Fleetschlößchen ist winzig. In seiner wechselvollen Geschichte war es einst eine Dienststelle des Zolls - die Speicherstadt war damals noch Teil des Freihafens. Später wurde es Feuerwache, dann Toilettenhäuschen und schließlich Kaffeebude für die Hafenarbeiter. Heute beherbergt es ein entzückendes Café, wo die Fischbrötchen noch einmal besser sind als die im Barbarossa. Ich entscheide mich für Krabben. Das sind zwar eigentlich keine Fische, aber die sind auch lecker. Vom sprichwörtlichen „dürren Hering“ könnte ich jetzt nicht weiter entfernt sein. 


Kaum habe ich bestellt, wird der Laden überrannt. Ganze Touristenhorden fallen hier ein, es wird rappelvoll, in der offenen Küche zischt und brodelt es.

„Räusper!“ Die innere Stimme quengelt wieder herum: „Du hast doch immer behauptet, dass du gerne unterrichtest. Dass du mit dem Lehrberuf deinen Traumjob gefunden hast. War das gelogen? Oder fehlt dir jetzt etwas?“ 

Mann! Versau’ mir doch nicht die Laune. Ja! Ich habe immer gerne unterrichtet. Mir fehlt etwas! 

Die Kinder fehlen mir. Auch die „Schwierigen“, die vielleicht sogar besonders. Die „Großen“ fehlen mir, diese fast erwachsenen, neugierigen Leute in der Oberstufe. Der Abschied von den Pubertanten aus der Mittelstufe reißen ein Loch in mein Herz. Es war immer so spannend, denen beim Erwachsenwerden zuzuschauen. Und die KollegInnen fehlen mir. Der Hausmeister, die Sekretärinnen, der Sozialarbeiter. Die netten Leute von der IT-Abteilung der Stadtverwaltung, mit denen ich gelegentlich dienstlich zu tun hatte. Mir fehlen sogar die Reinigungskräfte, die ich immer so gerne im Flur gegrüßt habe und die mir hin und wieder ihr Leid geklagt haben, wenn mal wieder eine neunte Klasse die Tische flächendeckend bemalt hatte. Danke für eure Arbeit. Was wären wir Lehrer in dem halb vergammelten Gebäude, wenn ihr nicht wenigstens für etwas Sauberkeit sorgen würdet?

Geld fehlt mir übrigens auch, denn die vorzeitige Pensionierung ist mit Abschlägen von den Ruhestandsbezügen verknüpft. Aber irgendwann habe ich mir die Frage gestellt: „Geld oder Leben?“ Willst du eine möglichst vollständige Pension, bist aber dann womöglich körperlich und psychisch so verschlissen, dass du davon nichts mehr hast? Mehrere KollegInnen haben mir das in den letzten Jahren vorgemacht: Kaum pensioniert: Zack - tot! Oder verzichtest du auf ein paar Prozent, hast aber dann zwei Jahre mehr Zeit, noch etwas von Europa zu erkunden? Hamburg zum Beispiel. Oder Berlin. Oder Amsterdam, Wien, Paris, Gent, Straßburg, Montreux, Prag, Köln, Rom und, und, und. Es gibt noch so viel zu entdecken. Auch ohne Flugzeug. 

Der Lotse geht von Bord.

Morgen fahre ich wieder nach Neustadt. Ich bin noch so voller Eindrücke von dieser schönen Stadt. Nach nur drei Tagen…

Das Herz geht einem über und man möchte weinen vor Glück!