Leider riecht es an meiner Bank an Gleis sieben des Berliner Hauptbahnhofs etwas nach Kanalisation. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wie Kanalisation riecht. Da hängt man ja auch nicht alle Tage ab. Stellen Sie sich vor, Sie lassen in Badewanne und Toilette die Siphone austrocknen, zum Beispiel während einer längeren Reise. Dann steigt der Geruch aus dem Abflussrohr ins Badezimmer auf. So riecht das.
Ich sitze auf der seitlich neben der Bank aufgehängten Gepäckablage, futtere meinen Obstsalat mit tropischen Früchten aus dem hiesigen Lebensmittelmarkt und denke über die vergangenen Tage nach: Himmel, war das schön! Bin schon lange nicht mehr in Berlin gewesen, zuletzt im Oktober 1989, also vor 37 Jahren. Wenige Wochen später ist die Mauer gefallen und Deutschland befand sich auf dem Weg zur Wiedervereinigung. Ich bekomme heute noch feuchte Augen, wenn ich darüber nachdenke. Was Andere aus ihren Geschichtsbüchern kennen, habe ich noch live in den Tagesthemen gesehen.
Doch der Reihe nach: Ich bin unter Anderem deshalb an einem ziemlich heißen Tag nach Berlin gefahren, weil ich eine befreundete Familie besuchen wollte. ER spielte um 19.00 Uhr in einem Theaterstück, das ich mir gerne angesehen hätte. Natürlich wollte ich auch nachsehen, was sich in den letzten Jahrzehnten in „meinem“ Berlin geändert hat, dazu aber später mehr.
Um dem geneigten Leser die Turbulenzen während der Fahrt zu veranschaulichen, gebe ich hier einfach mal den nur unwesentlich bearbeiteten WhatsApp-Chatverlauf wieder der zwischen IHM und MIR während der Fahrt entstanden ist:
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(Die Zugprotokolle - Anfang)
ER (9.38): Wir können dich auch vom Hotel abholen.
ICH (10.15): Schwierig: ich sitze noch nicht im ICE, und der hat schon zwei Stunden Verspätung. Ob ich den reservierten Sitzplatz bekomme, ist auch ungewiss, denn es wird ein anderes (kleineres) Fahrzeug kommen als geplant. Stand jetzt: Ankunft 18.10 Berlin Hbf. Ich halte euch auf dem Laufenden, sobald ich mehr weiß.
ER (10.31): Wir können dich auch vom Hbf abholen. Du hältst uns auf dem Laufenden.
ICH (11.10): Die DB-App redet z. Zt. wirres Zeug. Ich melde mich wieder, wenn ich im ICE sitze.
ICH (13.18): Ich sitze jetzt in einem 30 Min. verspäteten ICE, der trotzdem 17.36 im HBF einlaufen soll. Wenn ihr Lust, Zeit und ein Auto habt, wäre eine Abholung natürlich angenehm, ich kann aber genauso auch ein Taxi nehmen.
ER (13.20): Klasse wir holen dich ab! Sag welches Gleis.
ICH (13.23): Angeblich Gleis 3. Aber das ist die Deutsch Bahn! Die bringen ohne rot zu werden Dinger, für die sich ein Japanischer Lokführer unaufgefordert einem Seppuku unterziehen würde.
ICH: (14.17): Aktuelle Prognose: 17.58 Uhr. Wer sagt‘s denn…
ICH (14.32): Und es geht weiter: Kaputte Weiche! Wir stehen.
ICH (15.03): Wir stehen immer noch. Die Weichentechniker müssen wohl erst herbeigeschafft werde. Hoffentlich fahren die nicht mit dem Zug….
ICH (15.10): Plan „B“ wird gerade erklärt, denn die Weiche ist nicht zu reparieren: Der Lockführer wechselt in den hinteren Führerstand und fährt fünf Kilometer zurück. Daselbst wechseln wir auf das parallele Gleis und versuchen es erneut.
Hoffentlich verfahren wir uns nicht.
Ironischerweise wurden wir eben von einem anderen ICE überholt.
Das mit dem Abholen können wir, glaube ich, vergessen, denn sonst verpasst du heute das Theaterstück. Und da wolltest du doch unbedingt hin.
ICH (15.17): Ein weiterer ICE überholt gerade, wir stehen immer noch. Vermutlich ist der Lokführer nicht so gut zu Fuß.
ICH (15.20): Die Auflösung kommt über Lautsprecher: Hinter uns steht noch ein Regionalexpress. Der kann sich natürlich nicht in Luft auflösen und muss ebenfalls zurücksetzen.
ICH (15.21): Noch ein ICE fährt vorbei…
ICH (15.31): Die Zugführerin dreht gerade völlig ab: Die Weiche hinter uns ist auch defekt. Sie musste noch leicht irre kichern, bevor sie das Mikro ausgeschaltet hat.
ER (15.39, Sprachnachricht): Das Tagebuch des Adolf Kluth im ICE!
ICH (15.40): Bin im Ruheabteil. Hier kann ich keine Sprachnachricht abhören.
ICH (15.49): Der Lokführer ist gerade ausgestiegen. Offenbar hat er die Nase voll.
ICH: (16.14): Angeblich konnte die Weiche nun doch noch irgendwie hingedengelt werden Wir warten jetzt noch auf die neuen Streckenpläne und die Freigabe. Und dann kann’s schon losgehen. Bis zur nächsten Panne.
ICH (16.18): Die Bahn: Und sie bewegt sich doch… Augenblick mal… Wo ist eigentlich der Lokführer?
ICH (16.20): Neue Prognose: 19.28 Uhr.
Ich geh’ dann direkt ins Hotel und hoffe auf die Sonntagsvorstellung. Oder ich freue mich einfach auf einen Kaffee mit euch.
ER (17.28): Alles klar mein Guter, dann frühstücken wir morgen um 10:00 in der neuen Liebe! Morgen Abend die Vorstellung findet statt.
(Die Zugprotokolle - Ende)
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Angekommen bin ich dann ziemlich genau um 20.00 Uhr.
Sie ahnen: Ich war ziemlich gebügelt, als ich mit mehreren Stunden Verspätung im Hauptbahnhof der Bundeshauptstadt angekommen bin. Diesen Bahnhof gab es übrigens vor 37 Jahren noch nicht, hier standen Trümmer und Ruinen. (West-)Berlin war noch kuschelig eingemauert, eine Insel im Ozean des totalitären Sozialismus. Hier lebten viele Junge Menschen, die sich aus der Bundesrepublik abgesetzt hatten. Berlin stand nämlich noch unter Vier-Mächte-Status, wer hier lebte, musste weder seinen damals noch obligatorischen Wehrdienst ableisten, noch ersatzweise seinen Zivildienst. Durch die zugezogenen „Bundis“, die vielen Studenten und nicht zuletzt durch die seinerzeit schon recht große türkische Gemeinde, entstand eine schillernde kulturelle Gemengelage, die in manchen Vierteln schon einem Paralleluniversum ähnelte. Außerdem gab es in Berlin keine Sperrstunde wie in Westdeutschland: Clubs, Kneipen und Cafés durften rund um die Uhr geöffnet bleiben. So war auch das Nachtleben knallbunt. Ich habe seinerzeit mal mit einem US-Amerikaner gesprochen. Er war von New York ins eingemauerte West-Berlin gezogen, denn er war der Überzeugung, dass hier deutlich mehr los sei als im Big Apple.
Andererseits gab es auch viele schmuddelige Ecken, heruntergekommene Mietskasernen mit Klo im Treppenhaus (das im Winter einfror), Trümmergrundstücke, die fucking Mauer mit Todesstreifen und bis an die Zähne bewaffneten Wachposten, an den Straßenrändern auftauender Hundekot im Frühling und, und, und...
Das Berlin des kalten Kriegs war nicht schön. Der Zeitgeist dieser Zeit war Angst. Aber Berlin war aufregend. Niemand investierte freiwillig hier, dennoch war Berlin „the place to be“. Berlin war bunt und kaputt, Berlin nahm Drogen und soff wie ein Loch. Einerseits wie ein ungezogenes Kind, andererseits eine richtige kleine Schlampe. Ich liebte Berlin, bis die Mauer fiel. Bin oft hingepilgert, einmal sogar im Winter bei Schnee und Eis hingetrampt - macht heute kein Mensch mehr: Man stellt sich an die Straße, hält den Daumen und ein Pappschild mit dem Reiseziel hoch, und irgendein Auto hält dann schon und nimmt einen ein Stück mit. Und dann fängt das Spiel von Vorne an.
Nach dem Mauerfall hatte ich irgendwie keine Zeit mehr für Berlin. Oder ich habe mich nicht getraut.
Achtung: Gleich erzählt der alte Mann wieder vom Krieg!
Nach der anstrengenden und viel zu langen Fahrt habe ich mir ein Taxi zum Hotel gegönnt. Friedrichstadtpalast mit riesigen, leuchtenden und zappeligen Bildwänden, Fernsehturm, Reichstagkuppel und Straßenverkehr, als gäbe es kein Morgen mehr. Mit Hupen, zu schnell fahren, Radfahrer zwischendrin und Elektrotretroller und „ROOOT!“ - Quiiiietsch! Uff - gerade noch mal gut gegangen!
Mir schoss durch den Kopf: „Ganz schön erwachsen geworden, die kleine Schlampe!“
Nach dem verunglückten Start wurde dann aber alles doch noch sehr schön. Das Wichtigste zuerst: Das Theaterstück habe ich einen Tag später doch noch gesehen. Kurz vorher habe ich noch einen ehemaligen Mitschüler erreicht, der inzwischen als bildender Künstler (und Performance-Artist, Musiker, Fotokünstler, Autor für die TAZ und, und, und) in Berlin lebt. Spontan hat er sich entschlossen, mit seiner Partnerin ebenfalls zu dem Theaterstück zu kommen, und es schien ihm gefallen zu haben. Vielleicht ist so die Keimzelle einer möglichen Kooperation entstanden: Schauspiel und Literatur kooperieren mit bildender Kunst, Performance und Musik. Vielleicht können die beiden Parteien sich aber auch einfach nur vernetzen, um sich gegenseitig bei der Suche nach Spielstätten oder anderen Ressourcen zu unterstützen. Dann wäre mein Besuch in der Bundeshauptstadt wenigstens noch zu etwas nützlich gewesen.Ich möchte nicht alle weiteren Abenteuer aufzählen, aber meine Freunde habe sich wirklich rührend um den kleinen Adolf gekümmert. Wir haben zusammen gefrühstückt und zu Abend gegessen, Ausflüge gemacht, bei denen ER sehr kompetent Gebäude in den historischen Kontext setzen konnte. SIE hat uns unermüdlich durch die Gegend kutschiert, der wohlriechende Sohn und die liebe Schwiegermutter (aus NW) waren auch mit dabei. Wir haben die geradezu spektakuläre alte Nationalgalerie besichtigt - da könnte ich glatt eine ganze Woche verbringen und hätte immer noch nur knapp 10% gesehen. Und dann bräuchte ich noch Monate für die neue Nationalgalerie und die zahlreichen Außenstellen. Wir haben sogar eine klassische Touristenrundfahrt mit dem Boot unternommen, das wollten wir uns dann doch noch geben.
Ich glaube, ich habe mich gerade in die gereifte Schlampe Berlin neu verliebt. (Sorry Hamburg - ich hab’ dich natürlich auch nicht weniger lieb!)
Nur das Hotel fand ich schon fast etwas drüber: Ich mag es nicht, mit „Der Herr,“ angesprochen zu werden, „darf ich Ihnen noch einen Crémant für den Start in den Tag kredenzen?“ Ich benötige keine devoten oder servilen Dienstboten um mich herum. Ich stehe auch nicht darauf, in einem Restaurant in Berlin eine Speisekarte vorzufinden, die ausschließlich in englischer Sprache verfasst ist. Mein Schulenglisch umfasste keine gastronomischen oder gar kulinarischen Termini. Ich mag es einfach nicht, wenn ich schon vor dem ersten Kaffee den Arsch geleckt bekomme.
Trage ich etwa Reitstiefel und komme gerade von einem Ausritt über meine umfangreichen Latifundien zurück? Oder bin ich mit einem Vierspänner vorgefahren? Hat mir ein livrierter Chauffeur die Türe am Silver Shadow aufgehalten?
„Und weil der Mensch ein Mensch ist,
Drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern’.
Er will unter sich keinen Sklaven sehn’,
Und über sich keinen Herrn!“
(Brecht/Eisler, Einheitsfrontlied)
Oder um es mit Wolfgang Niedecken zu sagen:
„JEDER möht enne Rolls Royce hann! Jeder!“
Mein vorläufig letzter Tag in Berlin ist angebrochen. Ich bin um halb sechs aufgestanden, habe im Hotel ausgecheckt und gefrühstückt. Jetzt ist es kurz vor acht und ich warte vor dem Besucherzentrum des Reichstagsgebäudes darauf, die berühmte, in einem langwierigen Dialog mit dem Bundestag von Norman Forster gestaltete Kuppel auf dem Gebäude zu besichtigen. Als ich schließlich in 24 Metern Höhe das Dach des hohen Hauses betrete, über dem die Kuppel dann noch einmal fast 24 Meter aufragt, beginnen meine Beine weich zu werden und meine Hände fangen an, zu zittern. Da war doch was…?Ach ja! Ich erinnere mich: Ich habe doch Höhenangst. Ich bin seit dem Ende meines Studiums ein Akrophobiker reinsten Wassers und habe hier sogar schon davon berichtet. Ich schlurfe langsam aber stetig eine der beiden spiralförmigen Rampen nach oben auf die Aussichtsplattform. Dabei achte ich stets darauf, nicht nach unten zu sehen und mich möglichst auf der Außenseite zu bewegen. Von dort kann man den Boden nicht in nächster Nähe sehen, so wird die Höhe etwas Abstraktes, vor dem man keine Angst haben muss. Die Strukturen im Inneren der Kuppel wirken etwas verstaubt. Da hätte man ja ruhig noch einmal durchfeudeln können, wenn ich mich schon auf die lange, beschwerliche Reise mache, um das Bauwerk zu inspizieren. Andererseits: In meinem Bad sieht es auch nicht besser aus. Dann will ich mal nicht so sein und nörgle nicht. Vermutlich bin ich von dem Etepetete-Hotel einfach zu verwöhnt, da war nämlich alles blitzblank. Schließlich komme ich oben an - als Erster! Die Aussicht ist atemberaubend: Tiergarten, Fernsehturm, die Silhouette der Stadt… Toll! Schaut auf diese Stadt!
„Ihr Völker der Welt! Schaut auf diese Stadt!“
Mit diesem Appell wandte sich 1948 der damalige Bürgermeister Ernst Reuter an die Welt, Berlin nicht im Stich zu lassen. Was war geschehen?
Die Nazis hatte die Welt in Brand gesetzt, und die Welt hatte die Deutschen nicht im Stich gelassen. Die Alliierten kämpften, bis Nazi-Deutschland besiegt und die Deutschen von der Pest des Nationalsozialismus befreit waren. Aber Deutschland wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen, es lag am Ende des Krieges in Trümmern. 1945 hissten Soldaten der Roten Armee schließlich auf den Ruinen des Reichstags die Flagge der Sowjetunion. 1948 hatten sich die Spannungen zwischen den westlichen Alliierten und ihrem ehemaligen Verbündeten im Osten derart zugespitzt, dass dieser sich entschloss, die Versorgungskorridore Berlins zu blockieren. Berlin war damit abgeschnitten vom Nachschub an Lebensmitteln und Kohlen zum Heizen. Strom aus Ostdeutschen Kraftwerken wurde auch nicht mehr geliefert. Es drohte eine Katastrophe. Und wieder geschah Unglaubliches: Wieder ließen die Siegermächte uns Deutsche nicht fallen. Die Amerikanische und die Britische Luftwaffe errichteten eine Art fliegende Brücke, die „Luftbrücke“. Später beteiligten sich auch andere Nationen daran, Berlin und seine Bevölkerung mehr als ein Jahr lang aus der Luft zu versorgen.All das sehe ich, wenn ich über diese Stadt schaue. Das, und noch viel mehr. Und jetzt bricht eine neue Zeit an: Die USA unter dem Präsidenten mit dem Eichhörnchen auf dem Kopf möchten sich weniger in die NATO einbringen. Die Nutzung ihrer europäischen Basen und die Überflugrechte über Europäische Staaten möchten sie jedoch behalten und vertraglich absichern. Europa soll sich wieder selber und mehr um seine Verteidigung kümmern. Die Entscheidung, wie stark sich die Vereinigten Staaten von Amerika in der NATO engagieren, obliegt allein den USA, das können wir nicht mitbestimmen. Was Europa aber entscheiden kann ist, wie wir damit umgehen.
Ich bin der Meinung, dass wir näher zusammenrücken müssen. Wir brauchen das Selbstbewusstsein, die strategische Bedeutung Europas, auch für die USA, bei Verhandlungen stärker in die Waagschale zu werfen. Und wir brauchen die Vereinigten Staaten von Europa. Auch mit Island, wo man bereits mit den Hufen scharrt, auch mit der Ukraine und Moldawien. Und von mir aus dürfen Kanada und Kalifornien auch mitmachen. Und eines fernen Tages vielleicht auch ein Russland ohne Putin und die Oligarchen. Ich habe gehört, dass in diesem riesigen Land auch eine Menge kluger und netter Menschen leben sollen.
Warum eigentlich nicht?



