Montag, 18. Juni 2018

22. Der Umweg

Ich streife durch meine Gegend. Zwischen meinen Knien schnurrt der Boxer, in einer Woche beginnen die Sommerferien und ich lasse das fast vergangene Schuljahr Revue passieren. Es war ungewöhnlich anstrengend und ich fühle mich deshalb wie durch den Wolf gedreht. Die Fahrt auf dem Motorrad durch meine geliebte Pfalz genieße ich deshalb ganz besonders. Motorradfahren wird für mich zunehmend zur Meditation. Stressabbau vom allerfeinsten. Um den Feierabendverkehr in Neustadt zu umgehen, fahre ich erst einmal in die falsche Richtung. Eigentlich möchte ich nach Süden, zunächst aber geht es nach Norden. In Gimmeldingen gibt es ein ziemlich verstecktes Sträßchen, das mich an einem malerischen Bachlauf entlang direkt in den Pfälzer Wald bringt. Ein Forstweg, aber für den allgemeinen Straßenverkehr durchaus freigegeben. Das weiß nur kaum jemand und viele Kartendienste im Internet weisen deshalb hier zwar einen Weg, nicht aber eine befahrbare Straße aus. Das ist ein Abstecher genau nach meinem Gusto. Glücklich strahlend erreiche ich den Parkplatz am oberen Ende des kleinen Tals. Von dort aus geht es über Lindenberg, Lambrecht und Frankeneck ins Elmsteiner Tal. Das ist zwar für Motorräder gesperrt, aber nur an Wochenenden und Feiertagen. Und auf den Wegweisern der Hauptstraße wird diese Sperrung auch nur ohne diese Einschränkung ausgewiesen. Erst direkt an der Einfahrt ins Tal wird klar, dass ich an einem Freitagnachmittag völlig legal die Strecke genießen darf. Ist schon schön, wenn man sich etwas auskennt. Aber ich wohne ja nicht erst seit gestern in der Pfalz.

Was war an dem Schuljahr eigentlich so anstrengend? Warum fühle ich mich so gebügelt?
Nun: Zunächst einmal war das Schuljahr aufgrund der Ferienregelungen extrem kurz. Dadurch drängelten sich Termine für Leistungsüberprüfungen im Kalender, die Kinder standen unter permanentem Prüfungsstress und als Lehrer hat man ständig einen Berg Arbeit auf dem Tisch liegen. In den Hauptfächern ist immer eine genaue Anzahl von Klassenarbeiten vorgeschrieben. Die Abstände zwischen zwei Klassenarbeiten desselben Fachs und den Klassenarbeiten mehrerer Fächer unterliegen einem komplizierten Regelwerk, da darf man als Lehrer keinen Fehler machen, sonst ist die Zeugnisnote anfechtbar. Außerdem hat man als Lehrer eine „hinreichende Anzahl von unterschiedlichen Leistungsnachweisen“ im nicht schriftlichen Bereich einzufordern. Was auch immer das heißen soll - aber auch hier: Anfechtbarkeit der Zeugnisnote wenn der Lehrer einen Fehler macht. Auch die den Vertretungsplan betreffenden Termine folgten dichter aufeinander als in einem längeren Schuljahr. Das ist natürlich für mich als den Vertretungsplanverantwortlichen eines mittelgroßen Gymnasiums ein nicht unerheblicher Stressfaktor.

Zunächst fahre ich an dem Wegweiser nach Iggelbach vorbei. In meinem Kopf rattert die Suchmaschine. Über diesen Ort hat ein ehemaliger Schüler aus einem Erdkunde-Leistungskurs einmal eine interessante Facharbeit geschrieben. Ehemalige Wüstung, dann wiederbesiedelt mit Einwanderern aus Frankreich und der Schweiz. Ist alles schon ewig her. Merkt man inzwischen auch nur noch an den Nachnamen, ansonsten sind das ja jetzt echte Pfälzer. Wer lange genug hier lebt, gehört irgendwann dazu. War da nicht auch noch eine bezaubernde Route am hinteren Ortsausgang von Iggelbach? In meinem Kopf tauchen verschwommene Bilder eines verträumten Sträßchens auf, auf das ich vor vielen Jahren einmal zufällig gestoßen bin. Ich drehe am nächsten Parkplatz um und nehme den Abzweig in das kleine Dorf. Vielleicht entdecke ich ja so einen weiteren der von mir inzwischen so geliebten Umwege in der Pfalz.

Im Laufe des Schuljahres erschütterten dann noch mehrere Schicksalsschläge die Schulgemeinschaft. Und ich meine jetzt nicht zerbrochene Fensterscheiben oder Liebeskummer, sondern von dem ganz harten Zeug. Dinge, die junge Menschen besser nicht erleben sollten und im Normalfall auch nicht erleben. Besonders meine liebenswerten Pubertiere aus der neunten Klasse hat es schlimm gebeutelt. Am Anfang des Schuljahres sind sie mir ja noch gehörig auf die Nerven gegangen. Aber als ich gesehen habe, wie sie in einer Krisensituation zusammenrücken können, wie sie sich, alle Rivalitäten über Bord werfend, gegenseitig unterstützen und aufrichten, war ich doch arg gerührt. Auch die Kolleginnen und Kollegen haben sich in der Krisensituation vorbildlich und sehr engagiert verhalten. Alle sind daran gewachsen und haben zueinander gefunden. Und gestern, am Tag der Zeugniskonferenzen, standen kurz vor der Dienstbesprechung einige meiner Pubertiere vor der versammelten Lehrerschaft, um sich dafür mit selbst gebackenem Kuchen zu bedanken. Ich war einigermaßen gerührt. Ich bin sehr stolz darauf, Teil einer so großartigen Schulgemeinschaft zu sein.

Das Mopped am Trifels
Hinter Iggelbach gibt es tatsächlich eine kleine und sehr hübsche Straße, die mich letzten Endes nach Annweiler bringt. Dort fahre ich noch bis zur Burg Trifels, genauer gesagt zum Parkplatz unterhalb der Burg, den ich aber sogleich wieder verlasse. Ich will heute nicht wandern, ich möchte nur fahren. Schon auf dem Hinweg zur Burg ist mit der Parkplatz zu einem Naturfriedhof aufgefallen, auf dem mehrere Moppeds herumstanden. Die Aussicht von dort wirkte von der Straße aus sehr vielversprechend und ist es tatsächlich, wie ich später feststelle. Das könnte ein neuer Lieblingsplatz werden.

Im vergangenen Schuljahr habe ich mich wieder stärker mit wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Literatur zum Thema Pubertät beschäftigt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich das Phänomen völlig neu bewerten muss. Bisher dachte ich in diesem Zusammenhang immer an eine Art Krankheit: „Gehirn wegen Umbau geschlossen“.
Aber damit macht man es sich wohl zu einfach. In dieser Zeit werden ganz wesentliche Teile des Gehirns völlig neu verkabelt und verdrahtet. Am Anfang der Pubertät stehen Kinder mit kindlichen Gemütern. Am Ende sind es mehr oder weniger erwachsene Menschen mit völlig unterschiedlichen Denkstrukturen. Das ist für die Pubertiere extrem anstrengend und verwirrend und das Resultat grenzt an ein Wunder! Vielleicht sollten wir es einmal so sehen und diesen jungen Menschen in einer schwierigen Zeit des Umbruchs mehr Verständnis entgegen bringen. Ich meine jetzt nicht, dass wir ihnen alles durchgehen lassen sollten. Aber vielleicht würde es die Metamorphose erleichtern, wenn wir Erwachsenen die Pubertät wieder mehr als das begreifen würden, was sie tatsächlich ist: ein wichtiger, unverzichtbarer und wunderbarer Vorgang auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Es geht einfach nicht ohne, und da müssen alle durch. Und wir Lehrer eben noch ein Bisschen häufiger. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Meistens.

Das Modenbachtal:
Das Herz geht einem auf und man möchte weinen vor Glück.
Von Annweiler aus taste ich mich zunächst nach Bad Bergzabern vor. Jetzt ist das Terrain wieder vertraut, den Weg entlang der Weinstraße und zurück nach Neustadt würde die langbeinige Bajuvarin auch ohne mein Zutun finden. Doch ich möchte es ihr nicht zu leicht machen, deshalb nehme ich einen weiteren Umweg und biege kurz hinter Burrweiler ins Modenbachtal ab. Besonders bezaubernd ist es hier im Frühling, aber auch im Frühsommer hat das Tal seine Reize: Es ist weiter als andere Täler im Pfälzerwald, lichter. Auf den Wiesen weiden Pferde und es riecht nach Kiefernharz und Blumen. Fingerhut leuchtet rot und giftig. Das Herz geht einem auf bei diesem Anblick. Nach etlichen Kilometern durch den Wald führt der Weg schließlich durchs Edenkobener Tal zurück an die Weinstraße. Dann noch ein kleiner Schlenker über St. Martin. Normalerweise würde ich an dieser Stelle auch noch einen Abstecher über die Kalmit genießen, aber da war ich heute schon. Lange vor dem Frühstück habe ich mir von dort aus den Sonnenaufgang angesehen, deshalb lasse ich diesen Umweg jetzt aus.

Schlaflos in Neustadt
Ein weiterer Grund für meine Erschöpfung fällt mir jetzt ein: Schlafmangel. Mit zunehmendem Alter neige ich dazu, abends erst lange nach Mitternacht einzuschlafen um dann morgens schon vor fünf Uhr wieder zu erwachen. Im Sommer schlägt diese Art der senilen Bettflucht inzwischen besonders gnadenlos zu und halst mir monatelang ein Schlafdefizit nach dem anderen auf. Wenn es sehr warm ist, bleibe ich bisweilen auch die ganze Nacht wach. Wenn nach dem Mittagessen dann das Suppenkoma einsetzt, könnte ich mich theoretisch gut und gerne eine Stunde aufs Ohr hauen. Aber praktisch funktioniert das nicht: Mittags zu schlafen ist mir noch nie gelungen, selbst nach einer durchwachten Nacht nicht. Und so bin ich heute morgen schon sehr früh aufgestanden, habe mich auf das Mopped gesetzt und bin auf die Kalmit gefahren. So kann ich die schlaflose Zeit wenigstens nutzen. Morgenmeditation nenne ich das. So beginnt der Arbeitstag zwar immer noch unausgeschlafen, aber wenigstens tiefenentspannt und mit einem mit Sauerstoff aufgeladenen Gehirn.

Wenn das stimmt...
In Neustadter Stadtteil Hambach ist wegen einer Baustelle die Ortsdurchfahrt gesperrt. Ich muss mich entscheiden: Rechts abbiegen bedeutet ein relativ rasches Erreichen der Umgehungsstraße, die ich normalerweise meide wie der Teufel das Weihwasser. Links geht es hingegen hinauf zum Schloss. Zum Hambacher Schloss, dem Symbol für das Einheits- und Demokratiebestreben der Deutschen im 19. Jahrhundert. Außerdem führt der Weg zum Schloß noch ein ganzes Stück durch den Wald - eine gute Wahl. Doch dieses mal entscheide ich mich für die Schnellstraße. Ich will schauen, ob mein Lieblingsgraffito noch existiert. Ich habe es vor etwa anderthalb Jahren entdeckt, sofort fotografiert und erwarte seitdem den September 2018 mit großer Sehnsucht. Denn wenn das Wandgemälde Recht hat, dann werde ich zu diesem Zeitpunkt Pfälzer. Dann lebe ich nämlich seit 19 Jahren in Neustadt. Ich kann das noch gar nicht glauben und bin eigentlich auch ziemlich skeptisch, ob das wirklich stimmt. Aber wie dem auch sei: Im kommenden September werde ich mir aus dem Wandgemälde ein T-Shirt machen lassen. Mal schauen, wer es versteht.