Mittwoch, 4. April 2018

21. Der Frühlingsanfang

#1161

Ich streife durch meine Wahlheimat und finde mich vor dem Restaurant "alter Kastanienhof" in Rhodt unter Rietburg wieder. Vor der Gaststätte  ziehe ich mir aus einem Automaten 90 Minuten Parkzeit und bewundere dann das Denkmal für den "Rohdter Piff". Sie glauben wahrscheinlich, dass das 500 Milliliter fassende Pfälzer Schoppenglas groß ist. Nun: In den "Rhodter Piff" passen davon 1000.

Eigentlich ist es zum Mittagessen noch etwas zu früh, aber das gebe ich mir jetzt. Der "Kastanienhof" in der Theresienstraße ist in der Tat einer der schönsten Plätze der Welt. Nicht nur weil die Theresienstraße selbst ein geradezu entzückendes Kleinod der Pfalz darstellt. Rhodt wurde bereits mehrfach ausgezeichnet im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden – unser Dorf hat Zukunft“ - nicht zuletzt wegen eben dieser Straße. Nein, auch der Kastanienhof ist eine Perle: Ein altes landwirtschaftliches Anwesen wurde hier nach und nach zu einer der schönsten Gaststätten in der Pfalz ausgebaut. Neben den geschmackvoll eingerichteten Räumlichkeiten im Inneren des Gebäudekomplexes gibt es im Innenhof des ehemaligen Bauernhofes eine Außenterasse, auf die jetzt die Sonne scheint. Das Gasthaus hat noch eine zweite Außenterasse. Die liegt hinter dem Haus auf der Südseite und ist quasi in einen Wingert hineingebaut worden. Einmalig! Es ist der erste richtig warme Tag im Frühjahr 2018, über 20 Grad sind angekündigt und ich freue mich jetzt sehr auf einen Platz in der Sonne.

Mein ursprünglicher Plan sah eigentlich ganz anders aus. Auf meinem Schreibtisch liegt noch ein Stapel mit zu korrigierenden Arbeiten. Ein dicker Stapel. Die erste Ferienwoche habe ich mir bewusst frei genommen. Eine Woche Abschalten ist zwischendurch auch mal wichtig. Aber heute wollte ich die Ärmel hochkrempeln und möglichst viel wegschaffen. Doch dann kam alles ganz anders: Ich war noch nicht richtig wach, da summte und brummte es. Nicht etwa, dass mich Insekten in meinem Schlafzimmer besucht hätten. Es waren Telefon und Tablett, die unentwegt irgendwelche Meldungen auf dem Bildschirm anzeigten. Geräusche habe ich bei den Geräten längst abgeschaltet, also ist das "Summen und Brummen" eher metaphorisch zu verstehen. Aber Sie ahnen vielleicht was ich meine. SMS, WhatsApp, Telegramm, Facebook-Messenger oder Email: auf allen möglichen Kanälen schalmeite es: "Herzlichen Glückwunsch zum Wiegenfest!", "Lass' es ordentlich krachen!" oder "Feier' schön." Ach herrje! Das hatte ich ja völlig verdrängt! Ich habe Geburtstag. Was mache ich denn jetzt?

Der Wirt baut im Innenhof gerade die Außenbestuhlung auf. Vielleicht ist die andere Terasse, meine Lieblingsterasse, ja schon fertig. Ich frage freudig und freundlich danach. In dem Augenblick, da ich die Frage abschicke merke ich schon, das ich besser die Klappe gehalten hätte. Ich finde zunächst keine rationale Erklärung für seine Reaktion. Aber Tonfall (durchaus beherrscht, aber man spürt bei jedem Wort Blutdruck und Puls), abgesendete Informationen (sinngemäß: wir bauen hier gerade erst auf, dann müssen wir die Tische und Stühle noch abwischen und ich weiß jetzt schon nicht, wo mir der Kopf steht...) und Körpersprache (arbeitet weiter, während er mit mir spricht, und zwar heftig! Mann! Hat der Kraft!) sind eindeutig und lassen nur eine Interpretation zu: Der Wirt hat Stress. Und zwar richtig. Ich bin selber in einem gastronomischen Betrieb aufgewachsen und weiß deshalb, welch extremen Stressbelastungen ambitionierte Gastronomen wie der vor mir stehende ausgesetzt sind. Das respektiere ich uneingeschränkt und deshalb tut mir sofort meine Frage leid. Ich versuche zu beschwichtigen, entschuldige mich so höflich es geht und betrete die Gaststube. Himmelarschundzwirn! Der Laden ist ja jetzt schon brechend voll. Und auf den wenigen noch freien Tischen stehen "reserviert" Schildchen. Ich bitte einen der Kellner, mir einen kleinen Tisch zu geben, und es gibt noch genau einen. Später erfahre ich zufällig, dass außerdem noch eine Gesellschaft in einem Reisebus erwartet wird. Der Wahnsinn. Wir haben den ersten schönen Tag im Frühling, und hier geht schon die Post ab! Es ist noch nicht einmal halb Zwölf, und hier sind alle 80 Plätze im Innenbereich ausgebucht. Da habe ich ja mit meiner Frage nach der Terrasse in ein Wespennest gestoßen. Entschuldigung! Das wollte ich wirklich nicht.

Geburtstag geht mir ja eigentlich am A**** vorbei. Ein völlig willkürlich festgelegtes Datum, an dem man auf Kommando feiern soll. Und alle bohren in der Wunde herum: Du bist inzwischen schon wieder ein Jahr älter. Ein weiterer Schritt auf deinem Weg zu Siechtum und Tod. Ein Jahr näher an deiner ultimativen Verabredung mit dem Sensenmann. Geplant war eigentlich preußisches "business as usual". Und dann schrieb mein großer Bruder unter Anderem: "...gönne dir was!". Und mir schoß ein völlig aus dem Zusammenhang gerissenes Satzfragment durch den Kopf, das ich in den letzten Monaten immer häufiger benutze: "...wann, wenn nicht jetzt?"



Habt Sie das Video gesehen? Haben Sie es auch verstanden?

Ich antwortete meinem Bruder also:
"...wenn du es sagst... Dann gehe ich einmal nachsehen, ob ich im Tank noch ein paar Kilometer finde." Ich nehme mir erneut vor, wieder bewusster zu leben: Bei schlechtem Wetter wird disziplinierter gearbeitet, damit bei gutem Wetter der Schreibtisch möglichst leer ist und ich die schöne Landschaft in der ich lebe auch auskosten kann. "...wann, wenn nicht jetzt?"

Ich bestelle ein Gericht mit Rahm-Champignons. Die Küche arbeitet schnell, die Kellner sind trotz des inzwischen bis auf den letzten Tisch besetzten Restaurants freundlich und gut organisiert. Das Essen ist köstlich, sehr zu empfehlen. Mehr als satt und überaus zufrieden verlasse ich den Kastanienhof und fahre weiter gen Süden. Inzwischen hat die Frühlingssonne die Luft schon ordentlich erwärmt. Überall blühen sich Mandelbäume um den Verstand, Osterglocken säumen gelb leuchtend die Straße und auch freilebende Tulpen stehen herum.

#1160

Das Herz geht mir auf bei diesem Anblick. Es ist der perfekte Tag. So kann es jetzt bleiben bis Ende November.

Ich fahre noch eine ganze Weile bis an die französische Grenze. Normalerweise würde ich jetzt in der Konditorei Rebert in Wissenbourg noch ein Stück Kuchen essen. Aber nach dem verfrühten Mittagessen im Kastanienhof bin ich noch derart pappsatt, dass ich diesen Programmpunkt getrost ausfallen lassen kann. Ich überfahre die Grenze also nur, um später erzählen zu können, dass ich in Frankreich war. Am ersten Kreisverkehr drehe ich um und freue mich, dass die deutsch-französische Grenze inzwischen so bedeutungslos geworden ist, dass man sie kaum noch wahrnimmt. Das ehemalige Zollhäuschen auf der französischen Seite wird inzwischen anders genutzt, wie genau kann ich nicht erkennen. In der ehemaligen deutschen Zollstation residiert inzwischen passenderweise ein Reisebüro.

Auf dem Rückweg mache ich noch einen Umweg zu meinem Spargelbauern. Ich möchte mich nach der zu erwartenden Ernte des beliebten Pfälzer Quietschgemüses erkundigen. Es war in den letzten Wochen so kalt, dass das noch auf sich warten lässt. Und wir werden wohl auch weiterhin noch etwas Geduld haben müssen. Aber wenn es dann wieder so weit ist, hat der Frühling endgültig gewonnen.

#1162

Das passende T-shirt habe ich bereits.