Montag, 18. Juni 2018

22. Der Umweg

Ich streife durch meine Gegend. Zwischen meinen Knien schnurrt der Boxer, in einer Woche beginnen die Sommerferien und ich lasse das fast vergangene Schuljahr Revue passieren. Es war ungewöhnlich anstrengend und ich fühle mich deshalb wie durch den Wolf gedreht. Die Fahrt auf dem Motorrad durch meine geliebte Pfalz genieße ich deshalb ganz besonders. Motorradfahren wird für mich zunehmend zur Meditation. Stressabbau vom allerfeinsten. Um den Feierabendverkehr in Neustadt zu umgehen, fahre ich erst einmal in die falsche Richtung. Eigentlich möchte ich nach Süden, zunächst aber geht es nach Norden. In Gimmeldingen gibt es ein ziemlich verstecktes Sträßchen, das mich an einem malerischen Bachlauf entlang direkt in den Pfälzer Wald bringt. Ein Forstweg, aber für den allgemeinen Straßenverkehr durchaus freigegeben. Das weiß nur kaum jemand und viele Kartendienste im Internet weisen deshalb hier zwar einen Weg, nicht aber eine befahrbare Straße aus. Das ist ein Abstecher genau nach meinem Gusto. Glücklich strahlend erreiche ich den Parkplatz am oberen Ende des kleinen Tals. Von dort aus geht es über Lindenberg, Lambrecht und Frankeneck ins Elmsteiner Tal. Das ist zwar für Motorräder gesperrt, aber nur an Wochenenden und Feiertagen. Und auf den Wegweisern der Hauptstraße wird diese Sperrung auch nur ohne diese Einschränkung ausgewiesen. Erst direkt an der Einfahrt ins Tal wird klar, dass ich an einem Freitagnachmittag völlig legal die Strecke genießen darf. Ist schon schön, wenn man sich etwas auskennt. Aber ich wohne ja nicht erst seit gestern in der Pfalz.

Was war an dem Schuljahr eigentlich so anstrengend? Warum fühle ich mich so gebügelt?
Nun: Zunächst einmal war das Schuljahr aufgrund der Ferienregelungen extrem kurz. Dadurch drängelten sich Termine für Leistungsüberprüfungen im Kalender, die Kinder standen unter permanentem Prüfungsstress und als Lehrer hat man ständig einen Berg Arbeit auf dem Tisch liegen. In den Hauptfächern ist immer eine genaue Anzahl von Klassenarbeiten vorgeschrieben. Die Abstände zwischen zwei Klassenarbeiten desselben Fachs und den Klassenarbeiten mehrerer Fächer unterliegen einem komplizierten Regelwerk, da darf man als Lehrer keinen Fehler machen, sonst ist die Zeugnisnote anfechtbar. Außerdem hat man als Lehrer eine „hinreichende Anzahl von unterschiedlichen Leistungsnachweisen“ im nicht schriftlichen Bereich einzufordern. Was auch immer das heißen soll - aber auch hier: Anfechtbarkeit der Zeugnisnote wenn der Lehrer einen Fehler macht. Auch die den Vertretungsplan betreffenden Termine folgten dichter aufeinander als in einem längeren Schuljahr. Das ist natürlich für mich als den Vertretungsplanverantwortlichen eines mittelgroßen Gymnasiums ein nicht unerheblicher Stressfaktor.

Zunächst fahre ich an dem Wegweiser nach Iggelbach vorbei. In meinem Kopf rattert die Suchmaschine. Über diesen Ort hat ein ehemaliger Schüler aus einem Erdkunde-Leistungskurs einmal eine interessante Facharbeit geschrieben. Ehemalige Wüstung, dann wiederbesiedelt mit Einwanderern aus Frankreich und der Schweiz. Ist alles schon ewig her. Merkt man inzwischen auch nur noch an den Nachnamen, ansonsten sind das ja jetzt echte Pfälzer. Wer lange genug hier lebt, gehört irgendwann dazu. War da nicht auch noch eine bezaubernde Route am hinteren Ortsausgang von Iggelbach? In meinem Kopf tauchen verschwommene Bilder eines verträumten Sträßchens auf, auf das ich vor vielen Jahren einmal zufällig gestoßen bin. Ich drehe am nächsten Parkplatz um und nehme den Abzweig in das kleine Dorf. Vielleicht entdecke ich ja so einen weiteren der von mir inzwischen so geliebten Umwege in der Pfalz.

Im Laufe des Schuljahres erschütterten dann noch mehrere Schicksalsschläge die Schulgemeinschaft. Und ich meine jetzt nicht zerbrochene Fensterscheiben oder Liebeskummer, sondern von dem ganz harten Zeug. Dinge, die junge Menschen besser nicht erleben sollten und im Normalfall auch nicht erleben. Besonders meine liebenswerten Pubertiere aus der neunten Klasse hat es schlimm gebeutelt. Am Anfang des Schuljahres sind sie mir ja noch gehörig auf die Nerven gegangen. Aber als ich gesehen habe, wie sie in einer Krisensituation zusammenrücken können, wie sie sich, alle Rivalitäten über Bord werfend, gegenseitig unterstützen und aufrichten, war ich doch arg gerührt. Auch die Kolleginnen und Kollegen haben sich in der Krisensituation vorbildlich und sehr engagiert verhalten. Alle sind daran gewachsen und haben zueinander gefunden. Und gestern, am Tag der Zeugniskonferenzen, standen kurz vor der Dienstbesprechung einige meiner Pubertiere vor der versammelten Lehrerschaft, um sich dafür mit selbst gebackenem Kuchen zu bedanken. Ich war einigermaßen gerührt. Ich bin sehr stolz darauf, Teil einer so großartigen Schulgemeinschaft zu sein.

Das Mopped am Trifels
Hinter Iggelbach gibt es tatsächlich eine kleine und sehr hübsche Straße, die mich letzten Endes nach Annweiler bringt. Dort fahre ich noch bis zur Burg Trifels, genauer gesagt zum Parkplatz unterhalb der Burg, den ich aber sogleich wieder verlasse. Ich will heute nicht wandern, ich möchte nur fahren. Schon auf dem Hinweg zur Burg ist mit der Parkplatz zu einem Naturfriedhof aufgefallen, auf dem mehrere Moppeds herumstanden. Die Aussicht von dort wirkte von der Straße aus sehr vielversprechend und ist es tatsächlich, wie ich später feststelle. Das könnte ein neuer Lieblingsplatz werden.

Im vergangenen Schuljahr habe ich mich wieder stärker mit wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Literatur zum Thema Pubertät beschäftigt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich das Phänomen völlig neu bewerten muss. Bisher dachte ich in diesem Zusammenhang immer an eine Art Krankheit: „Gehirn wegen Umbau geschlossen“.
Aber damit macht man es sich wohl zu einfach. In dieser Zeit werden ganz wesentliche Teile des Gehirns völlig neu verkabelt und verdrahtet. Am Anfang der Pubertät stehen Kinder mit kindlichen Gemütern. Am Ende sind es mehr oder weniger erwachsene Menschen mit völlig unterschiedlichen Denkstrukturen. Das ist für die Pubertiere extrem anstrengend und verwirrend und das Resultat grenzt an ein Wunder! Vielleicht sollten wir es einmal so sehen und diesen jungen Menschen in einer schwierigen Zeit des Umbruchs mehr Verständnis entgegen bringen. Ich meine jetzt nicht, dass wir ihnen alles durchgehen lassen sollten. Aber vielleicht würde es die Metamorphose erleichtern, wenn wir Erwachsenen die Pubertät wieder mehr als das begreifen würden, was sie tatsächlich ist: ein wichtiger, unverzichtbarer und wunderbarer Vorgang auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Es geht einfach nicht ohne, und da müssen alle durch. Und wir Lehrer eben noch ein Bisschen häufiger. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Meistens.

Das Modenbachtal:
Das Herz geht einem auf und man möchte weinen vor Glück.
Von Annweiler aus taste ich mich zunächst nach Bad Bergzabern vor. Jetzt ist das Terrain wieder vertraut, den Weg entlang der Weinstraße und zurück nach Neustadt würde die langbeinige Bajuvarin auch ohne mein Zutun finden. Doch ich möchte es ihr nicht zu leicht machen, deshalb nehme ich einen weiteren Umweg und biege kurz hinter Burrweiler ins Modenbachtal ab. Besonders bezaubernd ist es hier im Frühling, aber auch im Frühsommer hat das Tal seine Reize: Es ist weiter als andere Täler im Pfälzerwald, lichter. Auf den Wiesen weiden Pferde und es riecht nach Kiefernharz und Blumen. Fingerhut leuchtet rot und giftig. Das Herz geht einem auf bei diesem Anblick. Nach etlichen Kilometern durch den Wald führt der Weg schließlich durchs Edenkobener Tal zurück an die Weinstraße. Dann noch ein kleiner Schlenker über St. Martin. Normalerweise würde ich an dieser Stelle auch noch einen Abstecher über die Kalmit genießen, aber da war ich heute schon. Lange vor dem Frühstück habe ich mir von dort aus den Sonnenaufgang angesehen, deshalb lasse ich diesen Umweg jetzt aus.

Schlaflos in Neustadt
Ein weiterer Grund für meine Erschöpfung fällt mir jetzt ein: Schlafmangel. Mit zunehmendem Alter neige ich dazu, abends erst lange nach Mitternacht einzuschlafen um dann morgens schon vor fünf Uhr wieder zu erwachen. Im Sommer schlägt diese Art der senilen Bettflucht inzwischen besonders gnadenlos zu und halst mir monatelang ein Schlafdefizit nach dem anderen auf. Wenn es sehr warm ist, bleibe ich bisweilen auch die ganze Nacht wach. Wenn nach dem Mittagessen dann das Suppenkoma einsetzt, könnte ich mich theoretisch gut und gerne eine Stunde aufs Ohr hauen. Aber praktisch funktioniert das nicht: Mittags zu schlafen ist mir noch nie gelungen, selbst nach einer durchwachten Nacht nicht. Und so bin ich heute morgen schon sehr früh aufgestanden, habe mich auf das Mopped gesetzt und bin auf die Kalmit gefahren. So kann ich die schlaflose Zeit wenigstens nutzen. Morgenmeditation nenne ich das. So beginnt der Arbeitstag zwar immer noch unausgeschlafen, aber wenigstens tiefenentspannt und mit einem mit Sauerstoff aufgeladenen Gehirn.

Wenn das stimmt...
In Neustadter Stadtteil Hambach ist wegen einer Baustelle die Ortsdurchfahrt gesperrt. Ich muss mich entscheiden: Rechts abbiegen bedeutet ein relativ rasches Erreichen der Umgehungsstraße, die ich normalerweise meide wie der Teufel das Weihwasser. Links geht es hingegen hinauf zum Schloss. Zum Hambacher Schloss, dem Symbol für das Einheits- und Demokratiebestreben der Deutschen im 19. Jahrhundert. Außerdem führt der Weg zum Schloß noch ein ganzes Stück durch den Wald - eine gute Wahl. Doch dieses mal entscheide ich mich für die Schnellstraße. Ich will schauen, ob mein Lieblingsgraffito noch existiert. Ich habe es vor etwa anderthalb Jahren entdeckt, sofort fotografiert und erwarte seitdem den September 2018 mit großer Sehnsucht. Denn wenn das Wandgemälde Recht hat, dann werde ich zu diesem Zeitpunkt Pfälzer. Dann lebe ich nämlich seit 19 Jahren in Neustadt. Ich kann das noch gar nicht glauben und bin eigentlich auch ziemlich skeptisch, ob das wirklich stimmt. Aber wie dem auch sei: Im kommenden September werde ich mir aus dem Wandgemälde ein T-Shirt machen lassen. Mal schauen, wer es versteht.

Mittwoch, 4. April 2018

21. Der Frühlingsanfang


Ich streife durch meine Wahlheimat und finde mich vor dem Restaurant "alter Kastanienhof" in Rhodt unter Rietburg wieder. Vor der Gaststätte  ziehe ich mir aus einem Automaten 90 Minuten Parkzeit und bewundere dann das Denkmal für den "Rohdter Piff". Sie glauben wahrscheinlich, dass das 500 Milliliter fassende Pfälzer Schoppenglas groß ist. Nun: In den "Rhodter Piff" passen davon 1000.

Eigentlich ist es zum Mittagessen noch etwas zu früh, aber das gebe ich mir jetzt. Der "Kastanienhof" in der Theresienstraße ist in der Tat einer der schönsten Plätze der Welt. Nicht nur weil die Theresienstraße selbst ein geradezu entzückendes Kleinod der Pfalz darstellt. Rhodt wurde bereits mehrfach ausgezeichnet im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden – unser Dorf hat Zukunft“ - nicht zuletzt wegen eben dieser Straße. Nein, auch der Kastanienhof ist eine Perle: Ein altes landwirtschaftliches Anwesen wurde hier nach und nach zu einer der schönsten Gaststätten in der Pfalz ausgebaut. Neben den geschmackvoll eingerichteten Räumlichkeiten im Inneren des Gebäudekomplexes gibt es im Innenhof des ehemaligen Bauernhofes eine Außenterasse, auf die jetzt die Sonne scheint. Das Gasthaus hat noch eine zweite Außenterasse. Die liegt hinter dem Haus auf der Südseite und ist quasi in einen Wingert hineingebaut worden. Einmalig! Es ist der erste richtig warme Tag im Frühjahr 2018, über 20 Grad sind angekündigt und ich freue mich jetzt sehr auf einen Platz in der Sonne.

Mein ursprünglicher Plan sah eigentlich ganz anders aus. Auf meinem Schreibtisch liegt noch ein Stapel mit zu korrigierenden Arbeiten. Ein dicker Stapel. Die erste Ferienwoche habe ich mir bewusst frei genommen. Eine Woche Abschalten ist zwischendurch auch mal wichtig. Aber heute wollte ich die Ärmel hochkrempeln und möglichst viel wegschaffen. Doch dann kam alles ganz anders: Ich war noch nicht richtig wach, da summte und brummte es. Nicht etwa, dass mich Insekten in meinem Schlafzimmer besucht hätten. Es waren Telefon und Tablett, die unentwegt irgendwelche Meldungen auf dem Bildschirm anzeigten. Geräusche habe ich bei den Geräten längst abgeschaltet, also ist das "Summen und Brummen" eher metaphorisch zu verstehen. Aber Sie ahnen vielleicht was ich meine. SMS, WhatsApp, Telegramm, Facebook-Messenger oder Email: auf allen möglichen Kanälen schalmeite es: "Herzlichen Glückwunsch zum Wiegenfest!", "Lass' es ordentlich krachen!" oder "Feier' schön." Ach herrje! Das hatte ich ja völlig verdrängt! Ich habe Geburtstag. Was mache ich denn jetzt?

Der Wirt baut im Innenhof gerade die Außenbestuhlung auf. Vielleicht ist die andere Terasse, meine Lieblingsterasse, ja schon fertig. Ich frage freudig und freundlich danach. In dem Augenblick, da ich die Frage abschicke merke ich schon, das ich besser die Klappe gehalten hätte. Ich finde zunächst keine rationale Erklärung für seine Reaktion. Aber Tonfall (durchaus beherrscht, aber man spürt bei jedem Wort Blutdruck und Puls), abgesendete Informationen (sinngemäß: wir bauen hier gerade erst auf, dann müssen wir die Tische und Stühle noch abwischen und ich weiß jetzt schon nicht, wo mir der Kopf steht...) und Körpersprache (arbeitet weiter, während er mit mir spricht, und zwar heftig! Mann! Hat der Kraft!) sind eindeutig und lassen nur eine Interpretation zu: Der Wirt hat Stress. Und zwar richtig. Ich bin selber in einem gastronomischen Betrieb aufgewachsen und weiß deshalb, welch extremen Stressbelastungen ambitionierte Gastronomen wie der vor mir stehende ausgesetzt sind. Das respektiere ich uneingeschränkt und deshalb tut mir sofort meine Frage leid. Ich versuche zu beschwichtigen, entschuldige mich so höflich es geht und betrete die Gaststube. Himmelarschundzwirn! Der Laden ist ja jetzt schon brechend voll. Und auf den wenigen noch freien Tischen stehen "reserviert" Schildchen. Ich bitte einen der Kellner, mir einen kleinen Tisch zu geben, und es gibt noch genau einen. Später erfahre ich zufällig, dass außerdem noch eine Gesellschaft in einem Reisebus erwartet wird. Der Wahnsinn. Wir haben den ersten schönen Tag im Frühling, und hier geht schon die Post ab! Es ist noch nicht einmal halb Zwölf, und hier sind alle 80 Plätze im Innenbereich ausgebucht. Da habe ich ja mit meiner Frage nach der Terrasse in ein Wespennest gestoßen. Entschuldigung! Das wollte ich wirklich nicht.

Geburtstag geht mir ja eigentlich am A**** vorbei. Ein völlig willkürlich festgelegtes Datum, an dem man auf Kommando feiern soll. Und alle bohren in der Wunde herum: Du bist inzwischen schon wieder ein Jahr älter. Ein weiterer Schritt auf deinem Weg zu Siechtum und Tod. Ein Jahr näher an deiner ultimativen Verabredung mit dem Sensenmann. Geplant war eigentlich preußisches "business as usual". Und dann schrieb mein großer Bruder unter Anderem: "...gönne dir was!". Und mir schoß ein völlig aus dem Zusammenhang gerissenes Satzfragment durch den Kopf, das ich in den letzten Monaten immer häufiger benutze: "...wann, wenn nicht jetzt?"



Habt Sie das Video gesehen? Haben Sie es auch verstanden?

Ich antwortete meinem Bruder also:
"...wenn du es sagst... Dann gehe ich einmal nachsehen, ob ich im Tank noch ein paar Kilometer finde." Ich nehme mir erneut vor, wieder bewusster zu leben: Bei schlechtem Wetter wird disziplinierter gearbeitet, damit bei gutem Wetter der Schreibtisch möglichst leer ist und ich die schöne Landschaft in der ich lebe auch auskosten kann. "...wann, wenn nicht jetzt?"

Ich bestelle ein Gericht mit Rahm-Champignons. Die Küche arbeitet schnell, die Kellner sind trotz des inzwischen bis auf den letzten Tisch besetzten Restaurants freundlich und gut organisiert. Das Essen ist köstlich, sehr zu empfehlen. Mehr als satt und überaus zufrieden verlasse ich den Kastanienhof und fahre weiter gen Süden. Inzwischen hat die Frühlingssonne die Luft schon ordentlich erwärmt. Überall blühen sich Mandelbäume um den Verstand, Osterglocken säumen gelb leuchtend die Straße und auch freilebende Tulpen stehen herum.


Das Herz geht mir auf bei diesem Anblick. Es ist der perfekte Tag. So kann es jetzt bleiben bis Ende November.

Ich fahre noch eine ganze Weile bis an die französische Grenze. Normalerweise würde ich jetzt in der Konditorei Rebert in Wissenbourg noch ein Stück Kuchen essen. Aber nach dem verfrühten Mittagessen im Kastanienhof bin ich noch derart pappsatt, dass ich diesen Programmpunkt getrost ausfallen lassen kann. Ich überfahre die Grenze also nur, um später erzählen zu können, dass ich in Frankreich war. Am ersten Kreisverkehr drehe ich um und freue mich, dass die deutsch-französische Grenze inzwischen so bedeutungslos geworden ist, dass man sie kaum noch wahrnimmt. Das ehemalige Zollhäuschen auf der französischen Seite wird inzwischen anders genutzt, wie genau kann ich nicht erkennen. In der ehemaligen deutschen Zollstation residiert inzwischen passenderweise ein Reisebüro.

Auf dem Rückweg mache ich noch einen Umweg zu meinem Spargelbauern. Ich möchte mich nach der zu erwartenden Ernte des beliebten Pfälzer Quietschgemüses erkundigen. Es war in den letzten Wochen so kalt, dass das noch auf sich warten lässt. Und wir werden wohl auch weiterhin noch etwas Geduld haben müssen. Aber wenn es dann wieder so weit ist, hat der Frühling endgültig gewonnen.


Das passende T-shirt habe ich bereits.

Donnerstag, 29. März 2018

20. Das "Hindenburg"

Ich streife durch meine Gegend und finde mich schließlich am Dom zu Speyer wieder. Augenblick mal! Hier bin ich doch schon einmal gewesen! Richtig! Hier hat vor fast zehn Jahren alles angefangen. Also dieser Blog hat damals angefangen, "alles" hat viel früher angefangen, nämlich ziemlich genau 13,7 Mrd. Jahre früher. So gegen Mittag.
Im September 2008 wollte ich hier das Domgebirge fotografieren und ein Tourist ging mir dabei auf die Nerven. Aus dem Bedürfnis heraus, die Geschichte des daraus resultierenden Bildes zu erzählen, entstand damals dieser Blog mit meinen kleinen mürrischen Geschichten. Mannomann! Wie die Zeit vergeht!


Und natürlich hat sich in diesen zehn Jahren die Welt gewaltig verändert: Die USA hatten ihren ersten dunkelhäutigen Präsidenten. In Russland regierte unterdessen immer noch Wladimir Putin. Kriege wurden beendet und neue Kriege begonnen. Diktatoren zum Teufel gejagt und Oligarchen haben sich ins Ausland abgesetzt. Die beiden jungen Frauen von Pussy Riot gingen für mehrere Jahre ins Arbeitslager und kamen wieder heraus. Multinationale Konzerne haben in mehrstelliger Milliardenhöhe Steuern "vermieden" und Wahlen wurden manipuliert, von wem weiß man noch nicht so genau. In den USA ist inzwischen der Mann mit dem Eichhörnchen auf dem Kopf Präsident. In Russland immer noch Putin. Das scheint die einzige Konstante zu sein. In Deutschland gewinnen sogenannte "besorgte Bürger" an Einfluss. Ein Rechtsruck geht durch die Gesellschaft, wie ich ihn noch vor wenigen Jahren für völlig unmöglich gehalten hätte. Aber Deutschland ist damit nicht allein. Auf der ganzen Welt machen sich Nationalismus und Rassismus breit, als habe es die 70er Jahre nie gegeben. Zur Zeit lese ich ein interessantes Buch über dieses Phänomen, was ich an anderer Stelle zu gegebener Zeit besprechen werde. Immerhin war  Kim Jong-un, seit Jahren mein persönlicher "sexiest man alive", gestern auf Staatsbesuch in Peking. In einem gepanzerten Zug. Das finde ich nun wirklich cool. Also den gepanzerten Zug. Nicht den dicken Mann mit den Atomwaffen.


Ich setze mich ins "Café Hindenburg". Hier gibt es den besten Espresso nördlich der Alpen. Und falls du, lieber Hubert, das jemals lesen solltest: Der ist wirklich ausgezeichnet! Nicht nur in Eichstätt gibt es guten, italienischen Kaffee. Und die Geschichte dahinter wird dich, mein Freund in deiner Eigenschaft als Historiker, besonders interessieren: Als der später im Dom zu Speyer bestattete Heinrich IV. von seinem Gang nach Canossa im Jahr 1077 zurückkehrte, brachte er einen arabischen Sklaven aus Italien mit ins Rheinland, der sich hervorragend auf die Zubereitung eines in seiner Heimat sehr beliebten Getränks namens "qahwa" verstand. Heinrich liebte es wegen seiner anregenden und, in größeren Dosen genossen, auch leicht euphorisierenden Wirkung. Dieser Sklave, sein Name ist nicht überliefert, wurde von Heinrich schließlich aus Dankbarkeit in die Freiheit entlassen und mit einem stattlichen Sümmchen ausgestattet. Er ließ sich in Speyer nieder und gründete 1084 das erste Kaffeehaus Deutschlands. Das "Hindenburg" versteht sich als Teil dieser langen Tradition und deshalb gibt es hier den besten Espresso nördlich der Alpen. Der in Eichstätt ist natürlich auch ganz gut, denn da wurden die ersten Bohnen vom Archaeopteryx höchstpersönlich eingeflogen. In der Jurazeit. Vor 150 Millionen Jahren.

Noch einmal zurück zu den besorgten Bürgern. Ich versuche, ihre Sorgen ernst zu nehmen und zu verstehen. Ich schaue mich um, und sehe tatsächlich viele Menschen, die irgendwie fremd aussehen. Ein junger Mann mit dunklem Teint fällt mir auf. Sein Haupthaar ist an den Seiten und im Nacken modisch superkurz und oben etwas länger. ("Undercut" nennt man das, glaube ich.) Er trägt einen dichten Vollbart. Jeans, Parka, Smartphone - soweit ich das beurteilen kann: kein billiges. Ein alleinreisender syrischer Flüchtling? Taliban oder doch nur Hipster? Als er näher kommt kann ich ihn in sein Handy sprechen hören: Er babbelt lupenreines Pfälzisch. Diese Frage wäre dann also geklärt. Aber jetzt mal im Ernst: Laufen wir Gefahr, durch Fremde überrannt zu werden? Werden wir "umgevolkt"? (Diese Vokabel habe ich tatsächlich irgendwo gelesen!) Was ist ein "Volk" überhaupt? Die Wikipedia bietet ein Füllhorn an verschiedenen Definitionen, die uns aber meines Erachtens nicht weiterbringen.

Nehmen wir doch einfach einmal ein praktisches Beispiel: Das deutsche Volk, insbesondere das am Rhein, wo wir schon einmal hier sind. Hier waren zunächst irgendwelche Leute, deren Namen wir nicht kennen, die aber Spuren hinterlassen haben.


Zum Beispiel den Gollenstein bei Blieskastel. Das liegt zwar nicht am Rhein, ist aber trotzdem ein gutes Beispiel, denn es liegt mitten in Deutschland und ich habe zufällig gerade ein schönes Bild von dem Menhir zur Hand. Dieses Artefakt ist über 4000 Jahre alt und ist präkeltisch. Hat ziemlich lange gehalten, bis die Nazis es umgeworfen haben und es dabei zerbrach. Halten wir fest: Schon vor den Kelten gab es hier Leute, die so etwa zustande gebracht haben.

Dann kamen die Kelten. Und wie das so ist, wenn Leute irgendwo einwandern: Man beäugt sich zunächst, möglicherweise skeptisch. Aber irgendwann geht man vorurteilsfrei miteinander um. Und irgendwann vermischen sich die Leute. Und das ist auch gut so. Durch das Vermischen von genetischem Material entstehen widerstandsfähigere Individuen. So war das schon immer. Auch unsere aus Afrika eingewanderten Homo-sapiens-Vorfahren in Europa haben sich mit den schon anwesenden Neandertalern (ursprünglich auch aus Afrika eingewandert - findet euch damit ab, ihr Rassisten: Wir sind alle Afrikaner!) vermischt, das ist mit modernen gentechnischen Methoden zweifelsfrei belegt worden. So wird man zum Beispiel gegen mehr Krankheiten immun. Vielleicht auch mit neuen Fähigkeiten ausgestattet. Der eingewanderte Kelte kennt vielleicht ein paar Tricks beim Ackerbau, die der präkeltischen Zivilisation noch nicht bekannt waren. Und so weiter, und so weiter.

Deutsche gab es damals noch gar nicht. Dann wanderten verschiedene germanische Stämme ein. Ein ziemlich kleiner davon, die Alemannen, war dann der Namensgeber für uns. Zumindest in der romanischen Welt. Halten wir fest, was bisher geschah: Mischung aus präkeltischer Bevölkerung und Kelten vermischt sich mit verschiedenen Stämmen, die wir heute als Germanen bezeichnen.

Dann kamen die Römer.


Man muss kein Historiker sein um zu wissen, dass man im Rheinland nur den Finger in die Erde zu stecken braucht, um sofort auf ein römisches Artefakt zu stoßen. In Köln fürchten Bauherren nichts mehr als den Tag, an dem die Baugrube ausgehoben wird. Es könnte ja sein, dass sich ein wertvolles römisches Artefakt findet, das dann archäologisch verarztet werden muss und den Bau um Monate oder gar Jahre verzögert bis einem die Finanzierung gepflegt um die Ohren fliegt. Die Römer haben sich hier wirklich eine ganze Weile gehalten. Und mit "Römer" meine ich jetzt nicht die Einwohner Roms. Im römischen Reich war es üblich, in den eroberten Gebieten Hilfstruppen anzuwerben, die dann in jeweils anderen Teilen des Reichs eingesetzt wurden. Anders hätte man den Laden auch nicht in Betrieb halten können. Was bedeutet das? In Spanien angeworbene Hilfstruppen wurden zu Beispiel in Palästina eingesetzt. Die aus Palästina in Nordafrika, und die aus Nordafrika in Germanien und so weiter. Die Veteranen bekamen nach einer gewissen Zeit im Dienst (20 Jahre, wenn mich nicht alles täuscht) ein Stück Land zugesprochen und trugen als Gutsherren zur Lebensmittelversorgung der Truppen und der Bevölkerung in den Provinzen bei.

Und was machen Leute, die mehrere hundert Jahre zusammenleben? Na was wohl? Ein Veteran der römischen Armee war im günstigsten Fall noch nicht einmal 40 Jahre alt. Wenn er 20 Jahre im Dienst der Legion überlebt hat, dann vermutlich unversehrt oder zumindest nur leicht beschädigt. Was ist ein gesunder Mann, wohlhabend und weltoffen, für ein Mädchen irgendwo in der germanischen Provinz? Richtig: eine gute Partie! Vernunftehe nennt man so etwas. Vielleicht hat er auch geglänzt mit Bildung und Humor. Schließlich war er geprägt von einer Hochkultur. Vielleicht war Liebe im Spiel und nicht nur schnödes Kalkül.

Aber das Ergebnis liegt auf der Hand: Bevölkerungsgruppen vermischen sich. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Ich bin es leid, das jetzt in jedem Einzelfall mit historischen Tatsachen zu unterfüttern. Deshalb zitiere ich hier einfach nur Carl Zuckmayer:

"Vom Rhein. Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas!

Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf!"
(aus "Des Teufels General")

Was ich damit sagen will ist ganz einfach: Es gibt kein "deutsches Volk". Deshalb kann man uns auch nicht "umvolken". Wir sind eine Treppenhausmischung der Geschichte. Und das ist auch gut so. Ich bin stolz darauf, dass in mir genetisches Material aus vielen Gegenden der Welt vereinigt ist. Welches genau werde ich hoffentlich bald erfahren, denn mein scheidender Biologie-LK hat mir ein tolles Abschiedsgeschenk gemacht. Ich wäre enttäuscht, wenn ich nicht wenigstens zwei Kontinente in mir repräsentiert fände. Lieber noch drei.

Sehr nachdenklich mache ich mich wieder auf den Heimweg.
Und wieder einmal finde ich für die bezaubernden Weinprinzessinnen und Gebietsweinköniginnen, die mich von den Plakaten an jedem Ortseingang in der Pfalz anlächeln, keinen Platz in der Geschichte. Wie schade. Ich hatte mich so darauf gefreut, sie endlich einmal in den Blog einzubauen. Ach was soll's? Ich mach' das jetzt einfach.


Manche sehen so jung aus, dass ich mich ernsthaft frage ob sie, bei strenger Beachtung des Jugendschutzgesetzes, überhaupt schon in der Öffentlichkeit Wein trinken dürfen. Einige sind so entzückend anzuschauen, dass es mich in verkehrsgefährdender Weise vom Straßenverkehr ablenkt. Andere eher nicht. Ja, Beate, ich weiß! Das ist sexistisch. Aber wenn du solche Bemerkungen über George Clooney raushauen darfst, dann darf ich auch unsere Weinhoheiten toll finden und mich öffentlich dazu bekennen.

Und ja: Die ganze Geschichte um den Espresso, den in Speyer und den in Eichstätt, ist völlig frei erfunden.