Mittwoch, 3. Juli 2019

29. Der große Bahnhof

Schicker Zug der SBB. Wohl in Japan gekauft.
Ich streife durch meine Gegend. Heute benutze ich dafür ausnahmsweise einmal die Bahn und lasse den Boxer Zuhause. Ich möchte nach Stuttgart auf eine Comic-Messe. Das ist mir für die Fahrt mit dem Mopped zu weit, denn ich benutze ja bekanntlich keine Autobahnen. Ohne Autobahn ist der Weg von Neustadt nach Stuttgart aber eine richtige Reise von vielen Stunden. Und das bei dem Wetter! Dann doch lieber die Eisenbahn.
Man sollte ohnehin wieder öfter mit dem Zug reisen. Die Deutsche Bahn ist, von der Pünktlichkeit abgesehen, in der Regel viel besser als ihr Ruf. Die Züge sind oft klimatisiert und das Personal freundlich und wirklich bemüht, den Fahrgast zufrieden zu stellen. An Sauberkeit mangelt es in der Regel auch nicht. Ich muss jedoch zugeben, dass ich mir in der letzten Zeit immer häufiger den Luxus der ersten Klasse gönne. Mit etwas vorausschauender Planung ist das gar nicht mal so teuer. Insofern ist der Vergleich mit meinen früheren Erlebnissen etwas unfair.

Der Regionalexpress bringt mich bis Karlsruhe, dort steige ich in einen ICE und fahre bis Stuttgart HBF. Im ICE erklärt mir eine entzückende Zugbegleiterin noch den Weg vom ICE-Gleis zur Abfahrtsstelle der S-Bahn, mit der ich bis zum Messegelände am Flughafen fahren möchte. Im Grunde genommen ist das nicht notwendig, denn innerhalb von Bahnhöfen sind die Wegstrecken immer ausgezeichnet beschildert. Außerdem könnte ich das ganze Apfelzeug an meinem Körper auch als Fußgängernavi benutzen. Aber sie meint, dass man sicherer den Weg findet, wenn man schon einmal eine ungefähre Richtung im Kopf hat. Da hat sie natürlich auch wieder Recht. Also lasse ich sie weiterplappern. Ich bin geradezu hypnotisiert von ihrem bezaubernden Akzent, dessen Herkunft ich irgendwo im westlicher Erzgebirge verorte. Es ist wirklich nur der Hauch eines Zungenschlags, eine ganz leicht eingefärbte Sprachmelodie. Aber seitdem ich fünf Jahre am Erzgebirgsrand gelebt und gearbeitet habe, empfinde ich diesen Akzent als äusserst angenehm, fast schon als erotisch. Die arme Zugbegleiterin denkt vermutlich, dass der debil grinsende ältere Herr vor ihr versucht, sie anzubaggern. Aber danach steht mir wirklich nicht der Sinn. Die junge Frau könnte mit ihren geschätzt Anfang 30 Lenzen locker meine Tochter sein und so junge Dinger fasse ich nicht an. Also reiße ich mich los und verlasse den klimatisierten Zug. Die Hitze im Bahnhof trifft mich wie ein Vorschlaghammer. Draußen müssen es jetzt schon über 30 Grad sein - so zeigt es mir zumindest das virtuelle Thermometer an der Apfeluhr. Und das im Juni. Um 10 Uhr morgens. Also nichts wie zur S-Bahn.

In der S-Bahn-Station
Den Weg finde ich leicht, auch wenn er sich bei dieser Hitze zieht wie Kaugummi. Ein junger Mann fällt mir wegen seines ungewöhnlichen Haarschnitts auf. Er trägt einen klassischen Afro-Look wie aus den frühen Siebzigern kombiniert mit einem modischen Undercut an den Seiten und am Hinterkopf. Merkwürdig! An der S-Bahn angekommen stelle ich fest, dass überhaupt keine Züge fahren. Die Anzeigetafel gibt erstaunlich detailliert Auskunft: Wegen polizeilicher Ermittlungen auf dem Bahnhof Bad Cannstatt ist die gesamte Strecke b. a. W. gesperrt. Diese Erklärung für einen Zugausfall ist tatsächlich neu. Deshalb lasse ich das mal gelten und verlasse den Bahnhof, um mir ein Taxi zu suchen. Empfand ich die Hitze beim Aussteigen aus dem klimatisierten ICE noch wie einen Schlag mit dem Vorschlaghammer, trifft sie mich jetzt wie eine Abrissbirne. Laut meiner Wetter-App beträgt die Lufttemperatur zwar „lediglich“ 30°C. Aber diese Werte gelten für Messungen im Schatten. Auf dem Bahnhofsvorplatz von Stuttgart gibt es jedoch keinen Schatten. Der Asphalt der Großstadt, die Betonwände, überhaupt alles hat sich in der prallen Sonne trefflich aufgeheizt und diese Hitze wird jetzt auf mich abgestrahlt als gälte es, mich zu garen. Und ich rede nicht vom fast zärtlichen Niedrigtemperaturgaren, wie ich es bisweilen mit einem Stückchen Lachs in meinem Backofen mache. Ich meine Oberhitze plus Unterhitze plus Grill und alles auf höchster Stufe. Der kleine Adolf: außen knusprig - innen Geschmack.

Wir müssen über das sich verändernde Klima reden, Leute. Damit habe ich mich im letzten Jahr noch zurückgehalten, obwohl es von den Temperaturen her ein Rekordjahr war. Aber es hilft ja nichts! Da müssen wir jetzt durch. Müssen wir uns ängstigen? Es hat natürlich immer wieder heiße Tage gegeben, auch ungewöhnlich warme Sommer oder besonders milde Winter. Das sind alles noch keine Gründe, Alarm zu schlagen. Der Unterschied ergibt sich aus einer mathematischen Betrachtung heraus, genauer gesagt aus einer statistischen. Ein heißer Tag macht noch keine Hitzewelle. Folgen aber mehrere Dutzend ungewöhnlich heiße Tage aufeinander, spricht man ganz selbstverständlich von einer Hitzewelle. Das würde man selbst dann noch tun, wenn die Folge sehr heißer Tage von einem oder zwei kühlen Tagen unterbrochen würde.
Ein heißes Jahr macht noch kein erwärmtes Klima. Aber eine Folge von einem Dutzend oder oder gar mehreren Dutzend heißen Jahren wäre ganz ohne Zweifel eine messbare Klimaerwärmung. Das gilt ganz besonders dann, wenn hier zusätzlich ein stetiger Trend nach oben erkennbar ist.

Def.: Klima ist der langjährige Mittelwert (i. d. R. über 30 Jahre gemittelt) der Klimaelemente Temperatur, Niederschlag, Wind, Luftfeuchte usw.

Das bedeutet, dass ein seriöser Klimaforscher niemals von einer Klimaveränderung sprechen würde, weil das Wetter mal für ein paar Tage oder Wochen verrückt spielt. Und genau das machte lange Zeit die Argumente derer, die einen Klimawandel befürchten, so angreifbar. Es gab einfach noch nicht genug vom langjährigen Mittelwert abweichende Daten. Das ist inzwischen anders. Schon in den späten 90er Jahren warnte das MPI für Meteorologie in Hamburg, dass alle statistischen Daten darauf hinweisen, dass es tatsächlich zu einer Veränderung des Klimas kommt. Das sehen alle seriösen Klimaforscher (damit meine ich jetzt die, die nicht von irgendeinem Interessensverband der Industrie bezahlt werden) schon seit einigen Jahren so und setzen aktuell sogar noch eins drauf: Diese Veränderung, da ist man sich inzwischen ebenfalls einig, ist vom Menschen verursacht und sie beschleunigt sich.

Der Taxifahrer tippt während der Fahrt fast ohne Pause auf seinem Telefon herum. Im Normalfall würde ich ihn jetzt bitten, rechts ranzufahren. Dann würde ich aussteigen und mir ohne Kommentar ein neues Taxi suchen. Aber bei diesen Außentemperaturen ist diese Vorgehensweise keine Option. Wer möchte schon als Trockenmumie enden? Am Straßenrand in Stuttgart. Trotz seines verkehrswidrigen Verhaltens bringt der Fahrer mich relativ sicher und nur mäßig zu schnell zum Messegelände am Flughafen. Am Eingang wird mein Rucksack durchsucht, wobei die Dame vom Sicherheitsdienst mit meiner Kamera sichtlich überfordert ist. Statt der geradezu zierlichen und leicht zu transportierenden D810 habe ich nämlich die vergleichsweise klobige D3 eingesteckt und das dicke Telezoom angeflanscht, mit dem ich immer bei der Schauspielgruppe Bilder mache. Die D3 ist zwar laut und hat eine viel kleinere Auflösung als die D810, aber sie ist brutal schnell und extrem zuverlässig. Noch nie hat sie die Auslösung verweigert, wenn es darauf ankam. In dieser Beziehung ist die D810 eine kleine Zicke die ich schon mehrfach während einer Fotositzung neu starten musste, indem ich den Akku herausgenommen habe. Die Dame schaut in meinen Rucksack und hat keine Vorstellung davon, wie sie den Anblick eines dicken, schwarzen Rohres deuten soll, das da aus dem Rucksack heraus auf sie gerichtet ist. Die bei mir wie immer mit schwarzem Klebeband abgedeckten Herstellerlogos und das hohe Gewicht des rätselhaften Objekts machen ihr die Interpretation des Anblicks auch nicht gerade leichter. Schließlich fragt sie, ich sage nur „Kamera“ und jetzt scheint ihr alles klar zu sein. Vielleicht auch nicht, schließlich hat sie heute schon dutzende der bizarren Waffenattrappen der Cosplayer inspiziert, wer weiß also, was sie wirklich denkt. Ist mir jetzt aber auch egal. Hauptsache, ich darf rein.

Ich fasse noch einmal zusammen:
Die Erde erwärmt sich immer schneller.
Diese Erwärmung wird vom Menschen verursacht.

Das sind die Fakten. Ich gehe davon aus, dass die Leser dieses Blogs den Erkenntnissen zustimmen, bei denen sich die überwiegende Mehrheit der zuständigen Wissenschaftler einig sind. Hier geht es nicht mehr um Meinungen, es geht hier um wissenschaftlich untermauerte Fakten. Darüber diskutiere ich nicht mehr und erkläre es auch nicht, denn wir reden hier über Schulbuchwissen. Wer das leugnet, sei gewarnt: Sie können JETZT aufhören diesen Blog zu lesen. Oder Sie müssen es ertragen, dass Sie sich möglicherweise im weiteren Verlauf dieser Episode meines Blogs brüskiert oder gar übel beschimpft fühlen. Vielleicht lernen Sie ja auch noch etwas dazu, aber ich wage das zu bezweifeln. Wenn Sie die oben genannten Fakten leugnen ist jede weitere Diskussion an dieser Stelle Zeitverschwendung. Kaufen Sie sich ein gutes, wissenschaftliches Lehrbuch der Klimatologie oder wenigstens ein Erdkundebuch für die gymnasiale Oberstufe und melden Sie sich wieder, wenn Sie es gelesen und verstanden haben. Oder kaufen Sie sich eine Rolle Aluminiumfolie und falten Sie sich einen lustigen Hut daraus. Das ist allein Ihre Entscheidung!

Noch ein kurzer Plausch mit dem Mann an der Kasse, 29 Euronen wechseln den Besitzer und dann bin ich endlich drin. Genauer gesagt bin ich nur fast drin, denn jetzt steht Boba Fett, der Kopfgeldjäger aus dem Star-Wars-Universum, vor mir und unverrückbar im Weg herum. Wir schweigen uns an, ausweichen ist keine Option. Er zückt seine futuristische Strahlenpistole, ich die D3. Er gibt auf und ich gewinne das Duell. Leider vergesse ich in der Aufregung völlig, ein Bild von ihm zu machen. Ein unverzeihlicher Fehler, aber da muss ich jetzt wohl durch. Schon jetzt wird mir klar, dass ich im nächsten Jahr auf ein weiteres Duell mit Boba Fett wiederkommen muss.

In den Messehallen ist es dank einer gigantischen Klimaanlage angenehm kühl.

Klimaanlage liefert das Stichwort. Die Klimamaschine Erde ist viel zu kompliziert, als dass wir sie in einfachen, linearen Zusammenhängen denken dürften. Deshalb kursieren ein paar gravierende Missverständnisse, die von Klimaleugnern (gemeint sind: Leugner der globalen, durch den Menschen verursachten Erwärmung) gerne für plakative Meme genutzt werden. Diese Meme kursieren dann in den einschlägigen Filterblasen und verfestigen dort die irrige Meinung, dass eine einzige knackig kalte Woche im Februar oder ein besonders schneereicher Monat in den Dolomiten im Widerspruch zur globalen Erwärmung stehen würden. Sogar der Mann mit dem Eichhörnchen auf dem Kopf entblödet sich nicht, dies so in seinen Twitter-Meldungen zu thematisieren.

Mit diesen Missverständnissen und Vereinfachungen möchte ich an dieser Stelle aufräumen, zumindest exemplarisch. „Globale Erwärmung“ bedeutet nämlich nicht zwingend, dass es auf dem gesamten Planeten gleichmäßig wärmer wird. Im Gegenteil. Die Erwärmung des Planeten kann regional sehr unterschiedlich erfolgen. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass sich einzelne Regionen im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung abkühlen könnten. Klingt komisch - ist aber so. Das zu verstehen ist gar nicht so schwierig. Benötigt werden ein paar grundlegende geographische und physikalische Kenntnisse aus der Mittelstufe. Und los gehts:


Dass unterschiedliche Regionen der Erde unterschiedlich auf globale Erwärmung reagieren hat, unter Anderem, mit ihrer Albedo zu tun, also mit der Fähigkeit von Oberflächen, elektromagnetische Strahlung (Eigentlich sind das Wellen, aber wir wollen nicht pingelig sein.) in den Weltraum zurück zu reflektieren. Diese Fähigkeit zu reflektieren ändert sich bei einigen Oberflächen kaum, ob sie nun kalt oder warm sind. Es gibt aber Oberflächen, bei denen sich die Albedo ziemlich radikal ändert, wenn sie erwärmt werden. Wasseroberflächen zum Beispiel. Die flüssige Oberfläche eines Meeres absorbiert deutlich über 90% der einfallenden Strahlung und reflektiert nicht einmal 10%. Die Energie der absorbierten Strahlung wird dabei auf die Wassermoleküle übertragen, die der reflektierten, vereinfacht gesagt, in den Weltraum zurückgeworfen. Die schneebedeckte Oberfläche von Eis (Ob Gletscher oder Meereis spielt dabei keine Rolle) reflektiert hingegen über 90% der einfallenden Strahlung, nur weniger als 10% werden absorbiert. Da Eisflächen auf diesem Planeten aber (noch) recht ungleichmäßig verteilt sind (in der Nähe der Pole sehr viel, in der Nähe des Äquators eher wenige) reagiert die Albedo der Erdoberfläche breitengradabhängig auf die globale Erwärmung: Am Äquator ändert sie sich wenig, an den Polen jedoch nimmt sie bei durch die schmelzenden Eisflächen dramatisch ab. Das führt dann zu einer weiteren Erwärmung dieser Flächen, denn plötzlich reflektieren sie nicht mehr 90% der einfallenden Energie, sondern absorbieren 90%. Deshalb schaukelt die die globale Erwärmung in der Nähe der Pole quasi selbst hoch und die Polarregionen erwärmen sich im Rahmen der Klimaänderung viel dramatischer als die Äquatorregionen. Von solchen Rückkopplungseffekten im Zusammenhang mit dem Thema werden wir noch öfter sprechen, jedoch nicht in dieser Folge des Blogs.

Man darf schon verrückt sein. Aber bitte mit Stil!
Nach dem Durchqueren des Foyers betrete ich die große Messehalle. Ich bin überwältigt: Comicstand reiht sich an Comicstand, Zeichner signieren ihre Werke mit kleinen Zeichnungen, Devotionalien werden gehandelt, futuristische oder mittelalterlich-martialische Waffenreplikate kann man ebenso erstehen wie Action-Figuren in Originalverpackung. In mobilen  Fotostudios kann sich jeder in seiner Verkleidung von Profis ablichten lassen, es wird geschminkt und tätowiert. Wo wir gerade beim Thema sind: am meisten beeindrucken mich die vielen aufwändig verkleideten Besucher. Täuschend echt stellen sie futuristische Cyborg-Soldaten mit klobigen Uniformen dar. Der Boden bebt, wenn sie mit den Füßen aufstampfen. Star-Wars Figuren, Vulkanier, Klingonen, Elfen, Trolle und andere Fantasiegestalten tummeln sich. Jonathan Frakes und Brent Spinner sollen übrigens auch kommen, Richard Dean Anderson ist schon da und scherzt auf der Bühne über seine etwas aus der Form geratene Figur. Eben überholt mich eine Mutter in Hobbitkostümierung. An ihrer Hand zieht sie einen etwa sechsjährigen Superboy hinter sich her. Ich bin so geflasht, dass ich wieder über einen längeren Zeitraum das Fotografieren vergesse.

"AAARARRRGWWWH."
Schließlich mache ich dann doch noch ein paar Bilder von Chewbacca, der für einen der Fotografen posiert. Chewie ist viel zu groß für die vorbereiteten Blitzreflektoren. Der Fotograf sieht die D3 und bittet mich sofort um kollegiale Hilfe. Die D3 als Bildjournalistenausweis? Gar als VIP-Pass? So habe ich das noch nie gesehen. Das würde natürlich ganz andere Möglichkeiten bei einer solchen Veranstaltung eröffnen.


Ein weiterer Grund für die regional unterschiedlichen Auswirkungen der globalen Erwärmung ist in den Meeresströmungen zu suchen, die gewaltige Wärmemengen um den Globus transportieren. Manche Regionen werden dadurch aufgeheizt wie mit einer Fußbodenheizung, andere werden abgekühlt wie mit einer Klimaanlage. Meeresströmungen können ihren Lauf ändern und damit auch die regionale Wärmeverteilung. So etwas geschieht zum Beispiel, wenn durch Vorgänge der Plattentektonik große Landmassen zusammenstoßen und so Meeresströmungen den Weg versperren. Ein solches Ereignis ist wohl in den nächsten Jahrzehnten nicht zu erwarten. Und wenn, dann wurde es mit Sicherheit nicht durch die globale Erwärmung hervorgerufen. Aber neben den Meeresströmungen an der Oberfläche gibt es auch noch die globalen Tiefenströmungen, die mit den oberflächennahen Strömungen in lebhaftem Austausch stehen. Bei diesem Austausch spielt die salzgehalt- und temperaturabhängige Dichte des Oberflächenwassers eine entscheidende Rolle. Und Temperatur und Salzgehalt von Meerwasser ändern sich durch einströmendes Wasser vom Festland. Schmelzwasser von abtauenden Gletschern zum Beispiel. So etwas kann dann eine Meeresströmung wie den Golfstrom abreißen lassen. Das ist in der Vergangenheit schon mehrfach geschehen, und die Auswirkungen waren fatal und werden es wieder sein. Ohne den Golfstrom, so schätzen Wissenschaftler, wird die Temperatur in Europa im Schnitt um 5 bis 10 Grad sinken. Selbst wenn wir davon die ca. 1,5°C abziehen, die sich die Pfalz seit dem Anfang der Industriealisierung bereits erwärmt hat, so wären es dann in meiner Wahlheimat knackige 8,5°C kühler, als im langjährigen Mittel. Und dann gute Nacht, Riesling! Vielleicht reicht es dann ja gerade noch für den Getreideanbau. Dann gäbe es wenigstens noch Bier.

Mein persönlicher Comic-Gott
Die beiden Höhepunkte meines Comic-Con-Besuchs habe ich mir bis zum Schluß aufgehoben:
Ralf König liest aus seinem neuesten Buch „Stehaufmännchen“. Er macht das, indem er die Bilder aus seinen Comics auf eine große Leinwand projiziert und dann die Sprechblasen seiner Protagonisten mit verschiedenen Stimmen vorliest. Gerne auch die der weiblichen Figuren. Da er auch die Geräusche „vorliest“ ist das sehr unterhaltsam für das Publikum und vermutlich sehr anstrengend für den Autor.

Squaredolf
Finale Furioso: Ich mache einem mir bekannten Comiczeichner meine Aufwartung. Der ist eigentlich Grafiker oder so, zeichnet aber in seiner Freizeit witzige, ganz aus dem Leben gegriffene Comics, die er dann kostenlos im Internet veröffentlicht. Markenzeichen sind die rechteckigen Köpfe seiner Comic-Charaktere, die Squareheads, die er auch nach meinem Vorbild schon gestrichelt hat. Kennengelernt habe ich ihn, wie sollte es anders sein, bei der Neustadter Schauspielgruppe. Ich freue mich sehr ihn zu sehen und er ist offensichtlich überrascht. Hoffentlich angenehm überrascht. Wir unterhalten uns eine Weile, dann kaufe ihm zwei seiner Heftchen ab (die heißen wirklich so!) und bekomme zum Dank wieder eine entzückende Karikatur meiner Person. Wie cool ist das denn? Von mir existiert eine Comic-Version!

Stuttgart 21
Reichlich verschwitzt, aber sehr glücklich mache ich mich auf den Heimweg. Inzwischen ist das Thermometer im Glutofen Stuttgart auf 36°C gestiegen. Ich bestaune noch die riesige Baugrube des Stuttgart21-Projektes, dann will ich aber unbedingt wieder in einen klimatisierten Zug. Man gönnt sich ja sonst nichts. In Neustadt sind es dann 38°C. Es bleibt schwierig.

Freitag, 24. Mai 2019

28. Der abgeworfene Ballast (2)

Gerne bestätigt ihr mir meinen Austritt?
Wie schade! Ich hätte viel lieber noch
einmal mit euch darüber geredet.
Und wieder streife ich. In diesem Fall aber nicht durch die unendlichen Weiten meiner Festplatte, denn was jetzt kommt, hätte ich euch schon viel früher zum Lesen anbieten sollen. Deshalb liegt es auch schon seit Monaten vor meiner Nase herum. Es sind vielmehr die Windungen meines schlechten Gewissens, durch die ich streife.

Wohlan denn - ans Werk:















SPD-Parteivorstand
Direktkommunikation
Wilhelmstr. 141
10963 Berlin

Betr. Austritt des Mitglieds 80153509

Neustadt, den 2. Dezember 2018


Liebe SPD,

wir müssen reden.

Du und ich, wir haben eine wechselvolle Zeit hinter uns. Ich kenne dich schon ganz lange und habe bei Bundes-, Landtags- und Kommunalwahlen fast immer wenigstens ein Kreuz bei dir gemacht. Ich war gelegentlich auch schon einmal gegen etwas, was du auf deiner politischen Agenda stehen hattest. Aber in der Summe hast du eigentlich immer ganz gut zu mir gepasst. Oder du warst zumindest das kleinere Übel - das ist ja auch schon etwas. Sogar den Schröder habe ich dir inzwischen verziehen, man will ja nicht ewig nachkarten.

Außerdem war ich immer der Überzeugung, dass global wichtige ökologische und ökonomische Ziele am ehesten zusammen mit einer großen Partei vorangetrieben werden können, die die internationale Solidarität in ihren Liedern besingt. Politisch engagiert habe ich mich, außer auf Demonstrationen, nie. Dazu fühlte ich mich nicht berufen. Lieber habe ich mich darauf konzentriert, meinen Schülerinnen und Schülern im Unterricht die ökologischen und wirtschaftlichen Kreisläufe, sowie die Zusammenhänge zwischen diesen beiden Systemen aufzuzeigen. Ich hegte immer die Hoffnung, dass ich damit einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Welt leisten kann. Deshalb war ich auch die längste Zeit meines Lebens in keiner Partei Mitglied, auch nicht bei dir.

Und dann kam diese gruselige Bundestagswahl. Auf einmal saßen im Reichstagsgebäude wieder Politiker, die offen mit rassistischen und diffamierenden Parolen provozierten und die in beängstigender Weise wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen. Die Parteienlandschaft ist inzwischen so zersplittert, dass einem angst und bang werden kann. Wenn man CDU und CSU als zwei Parteien rechnet, und sie beweisen in der letzten Zeit immer wieder, das sie das tatsächlich sind, dann kommt man im aktuellen Bundestag auf sieben Parteien. Das sind ja Zustände wie in der Weimarer Republik. Es kann doch nicht wahr sein, dass sich vor meinen Augen Geschichte wiederholt!

Immer häufiger schrie ich abends die Tagesthemen oder das Heute-Journal an. Dabei sind Frau Miosga, Frau Slomka oder Herr Zamperoni doch nur die Überbringer der schlechten Botschaften. Ein guter Freund erzählte mir vor einem Jahr mehrfach, dass es ihm genauso gehe. Wir diskutierten viel darüber und eines Tages bekam er, und damit indirekt auch ich, von seiner Frau die unbequeme Wahrheit auf’s Brot geschmiert: „Wenn dir nicht passt, was in der Politik geschieht, dann gibt es nur einen Weg, das zu ändern: Gehe in die Politik und mach es selbst besser.“ sagte sie ihm sinngemäß. Bald setzte er das in die Tat um und wurde SPD-Mitglied. Ich selbst brauchte noch ein paar Wochen länger, bis ich zu dem Ergebnis kam, dass es an der Zeit ist, eine der großen Volksparteien zu unterstützen und meinen Beitrag zu leisten, damit sich Geschichte eben nicht wiederholt. Und seit dem 1. 4. 2018 bin ich nun Genosse. So richtig mit Mitgliedsausweis und kleinem roten Buch.

Mein Vorsatz war: Ich schaue mir diese Partei erst einmal ganz genau an, bevor ich mich reinhänge. Von innen sieht man halt doch mehr als von außen, und dann werde ich schon merken, ob die SPD wirklich zu mir passt. Ich war vom Bauchgefühl her eher skeptisch. Und so schaute ich mich um. Ich betrachtete auch die Nachrichten aus einem anderen Blickwinkel, weil mich ja jetzt die SPD-Positionen besonders interessierten. Gerade neulich habe ich mir den Livestream vom Debattencamp in voller Länge angeschaut. Das klang alles sehr gut, erfreulich und nahe an meinen Zielen. Auch die Internetpräsentation der Partei wirkt jung, frisch und hip. In meinen Augen schon etwas zu jung, frisch und hip. Fast so, als habe eine Werbeagentur dieses Image verordnet und umgesetzt.

Doch da gibt es noch eine andere Seite der Medaille. Was hauen SPD-Politiker an Statements an anderer Stelle raus? Bei Ereignissen, die nicht so durchgestylt und - geplant sind wie das Debattencamp? Was tun sie tatsächlich in ihrer politischen Arbeit? „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ sagte Helmut Kohl 1984 auf einer Pressekonferenz und lieferte damit eine unfreiwillig komische Zitiervorlage. Immer wieder erschrecken mich Nachrichten aus deinem Umfeld, liebe SPD, wundern mich oder machen mich zornig.

Ich gebe dir ein paar Beispiele:

Die SPD erhält jetzt größere Summen aus dem Topf für die Parteienfinanzierung als vor der Wahl.
Warum?
Hat sie mit weniger Abgeordneten jetzt höhere Ausgaben? Muss sie, um mit der Zeit zu gehen, viele neue Computer anschaffen? Damit sie weniger abgängig von Parteispenden wird?
Nein!
Sie erhält größere Summen, weil die Groko das so beschlossen hat. Dass die CDU ebenfalls davon profitiert, macht es nicht besser.
Das Ganze hat nicht nur ein G’schmäckle. Es fördert auch die Politikverdrossenheit.

„Wir halten Wort: 19,3 Mio. Euro für das Panzermuseum Munster.“ 
Das sagte nicht irgendwer. Das sagte der SPD Generalsekretär Klingbeil höchstpersönlich. Da schüttelt man als Bürger den Kopf und wundert sich ein Loch in den Bauch. Ein Panzermuseum? Das liest sich wie ein schlechter Witz. Selbstverständlich habe ich nichts gegen eine den Tourismus unterstützende Investition in einem strukturschwachen Raum. Auch einer Auseinandersetzung mit unserer Geschichte möchte ich nicht im Weg stehen. Aber 19 Millionen? Für ein Panzermuseum? Haben wir nicht wichtigere Probleme?

Da vergammeln doch in den Kasernen Rüstungsgüter - auch Panzer. Bei allem was da im Argen liegt drängt sich der Eindruck auf, unsere Bundeswehr verkommt zu einer nicht einsatzfähigen Gurkentruppe. Und dann werden 19 Millionen in ein Museum von äußerst fragwürdiger Ausrichtung geblasen? Das ist nicht zu fassen! Ich selbst bin Wehrdienstverweigerer, denn ich kann und konnte mir nie vorstellen, dass ich den Beruf des Soldaten ausüben könnte, ohne ernsthaften Schaden an meiner Seele zu nehmen. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass diejenigen Frauen und Männer, die das können, die in der Bundeswehr den Kopf für uns - auch für mich - hinhalten, die beste Ausbildung und Ausrüstung verdient haben, die man für Geld kaufen kann. Da müssen einfach andere Prioritäten gesetzt werden. Das Leben unserer Soldaten ist doch letzten Endes wichtiger als ein fragwürdiges Museum. Könnte es eventuell sein, dass es sich hier um ein taktisches Geschenk des Herrn Klingbeil an seinen Wahlkreis handelt? Vielleicht kuschelt der Wehrdienstverweigerer Klingbeil auch einfach nur gerne mit der Waffenlobby. Ein Schurke, wer sich Böses dabei denkt.

Oder die Vorsitzende, die sich darüber beschwerte, dass die Grünen die Maghrebstaaten nicht als sichere Herkunftsländer anerkennen wollen. Liebe Andrea: Hast du schon einmal etwas von Amnesty International gehört? Dass die Grünen diese Haltung den Maghrebstaaten gegenüber haben, könnte vielleicht daran liegen, das die Mitglieder dieser Partei die Berichte von Amnesty International zur Menschenrechtssituation in den Maghrebstaaten nicht nur gelesen, sondern auch verstanden haben.

Wo wir gerade über die Vorsitzende sprechen: Andrea will sich für den Erhalt von Arbeitsplätzen in der Braunkohle einsetzen. Hat Ätschi-Bätschi-Andrea etwa Clown gefrühstückt? Die Menschheit rast in einem voll besetzten ICE auf einen Abgrund zu, und Andrea will, dass der Zug noch schneller fährt? Ja wo hat diese Frau eigentlich Abitur gemacht? Hat sie denn in der Schule kein Erdkunde gehabt? Gerade hatten wir - mal wieder - den heißesten und trockensten Sommer seit Beginn der Klimaaufzeichnungen, die UN-Klimakonferenz rastet völlig aus und gibt tiefroten Alarm aus, und Frau Nahles will Arbeitsplätze in der Braunkohle sichern, weil da ganze Regionen dranhängen? Ich glaube, die Leute in der Region, deren Dörfer man abbaggert, fänden eine Bremse für die Braunkohle ganz gut. Auch die Menschen, die zum Beispiel auf den Fidschi-Inseln beheimatet sind, würden eine Verringerung des CO2-Ausstoßes sehr wohl befürworten. Die haben nämlich keine Heimat mehr wenn der Meeresspiegel trotz Einhaltung der Pariser Klimaziele bis 2100 um 1,80 Meter ansteigt, wie erst kürzlich von Fachleuten prognostiziert. Ich dachte tatsächlich, dass die SPD für Werte wie „internationale Solidarität“ steht. Aber diese internationale Solidarität gilt offenbar nicht für die knapp 900.000 Menschen auf Fidschi. Und auch nicht für vielen Millionen anderer Menschen auf anderen Inselstaaten. Und nicht für die vielen 100 Millionen Küstenbewohner auf diesem Planeten. Nicht für die Leute in Bangladesch. Nicht für unsere lieben Nachbarn in den Niederlanden. Hat die große Vorsitzende denn noch nie davon gelesen, wieviele Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien in den letzten Jahren entstanden sind? Vielleicht sollte man ihr das einmal ganz vernünftig erklären.

Aber innerhalb und außerhalb der Partei scheint Andrea mit dieser Haltung nicht alleine zu sein. So wundert es nicht, dass sich in der mit dem Kohleausstieg betrauten Kohlekommission mehr Vertreter von Wirtschaftsverbänden als aus der Opposition finden. Es wundert nicht, dass sich diese Kommission eher mit Wirtschaftsförderung und Strukturwandel beschäftigt, ein Ausstiegsdatum aber noch nicht benannt hat. Mir fehlt da das Visionäre. Das konsequente und radikale Vorgehen, das angesichts der akuten Bedrohungslage notwendig wäre.

Ich beobachte Dinge, die mich daran zweifeln lassen, ob es den Funktionären der Partei wirklich um die Lösung von Sachproblemen geht. Ganz offensichtlich werden in der Groko Problemlösungen so lange mit Kompromissen verwässert, bis sie an den Problemen eben nichts mehr lösen. Der Eindruck, das Geschachere um Posten, Pöstchen und Pfründe könnte den Funktionären wichtiger sein als das Lösen von Sachproblemen, ist zumindest naheliegend. Vielleicht irre ich mich ja und tue meinen Genossinnen und Genossen hier Unrecht. Dann entschuldige ich mich hiermit und behaupte das Gegenteil.

Probleme haben wir mehr als genug. Bleiben wir ruhig noch bei dem oben angesprochenen Klimawandel: Es handelt sich dabei um die aktuell größte und gefährlichste vermeidbare Gefahr für den Fortbestand der menschlichen Zivilisation wie wir sie kennen. Und nein, liebe SPD, ich übertreibe nicht. Ich bin studierter Geograph und Biologe. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich davon mehr verstehe als die meisten Politiker. Weit über 99% der Klimaforscher sind sich einig: Der Klimawandel hat nicht nur begonnen, wir haben in einigen Teilsystemen des Klimas schon den sogenannten „point of no return“ erreicht. Diese Teilsysteme kippen irgendwann von einem ehemals stabilen Grundzustand in einen neuen, dann wieder sehr stabilen Zustand um, der die Erwärmung der Erde selbst dann noch beschleunigen wird, wenn wir die CO2-Emissionen wider Erwarten in der Griff bekommen sollten. Die Eiskappe des Nordpolarmeeres hat diesen Kipppunkt bereits erreicht, denn das Meerwasser darunter hat bereits viel mehr Wärme aufgenommen, als noch vor wenigen Monaten vermutet. Das grönländische Inlandeis ist ein wahrscheinlicher Kandidat für das nächste „point of no return“-Ereignis. Oder das Methanhydrat am Boden der Ozeane. Oder, oder, oder...

Ich könnte hier noch stundenlang so weitererzählen, lasse es aber bleiben. Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass du den Klimawandel als nur eines von vielen Problemen ansiehst, die irgendwie gleichberechtigt mit Kompromissen unter einen Hut gebracht werden müssen. Klimawandel, Arbeitsplätze in der Braunkohle, KiTa-Plätze und Pöstchen in der Partei... alles irgendwie gleich wichtig. Aber das stimmt so nicht. Natürlich sind neue Arbeitsplätze für die Bergleute wichtig, KiTa-Plätze ganz sicher auch. Vielleicht sogar die Pöstchen - man will ja auch in der nächsten Legislaturperiode noch aktiv mitgestalten.

Aber der Klimawandel ist das Problem Nummer eins, die Mutter aller Probleme. Die kompromisslose Bekämpfung des Klimawandels muss deshalb allerhöchste Priorität haben. Dazu gehören dramatische Umbaumaßnahmen. Es muss aus allen Rohren gefeuert werden:

  • Völlig neue Mobilitätskonzepte, jenseits vom SUV und Elektroauto müssen erarbeitet werden. Die Automobilkonzerne, die krampfhaft an der Technik von Vorgestern festhalten, besiegeln damit ihren Untergang. Hoffentlich nicht auch noch unseren.
  • Städtebau muss sich ändern, damit das Leben in den Städten wieder lebenswert wird und damit auch der Pendlerverkehr abnimmt. Der äußerst ungünstige ökologische Fußabdruck der Städte könnte so nach unten gedrückt werden. Schau‘ dir nur die tollen Beispiele an, die man in Europa schon bewundern kann: Kopenhagen, Delft oder Wien.
  • Die Energieversorgung muss zügig umgebaut werden: weg von Kohle und Öl, und zwar so schnell wie es geht. Nicht an alter Technik festhalten! Parallel dazu müssen Energiesparkonzepte weiter voran getrieben werden.
  • Der Rückgang der Artenvielfalt, insbesondere das Insektensterben, müssen mit schnellen, drastischen und sehr konsequenten Maßnahmen bekämpft werden. Wir müssen umgehend die Landwirtschaft umstrukturieren. Wir wissen heute, dass die „grüne Revolution“ der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein großer Fehler war. Alternative Methoden in der Landwirtschaft müssen weiter erforscht und flächendeckend eingeführt werden, denn die Pestizide vergiften das Grundwasser, die schweren Maschinen verdichten den Ackerboden, die Flurbereinigungen förderten die Erosion und den Rückgang der Biodiversität.

Auch hier könnte ich noch weiter ausholen, aber ich fasse es einfach mal ganz plakativ zusammen:

Uns fliegt gerade der Planet um die Ohren!

Aber das alles scheinst du, liebe SPD, nicht auf dem Schirm zu haben oder nur als ein kleineres Problem von vielen anzusehen.

Doch die Natur schachert nicht. Mit der Natur kann man auch keine Kompromisse aushandeln. Die Natur handelt einfach nach ihren Gesetzen, den Naturgesetzen. Sie schert sich nicht darum, ob es uns Menschen gibt.

Immer mehr Wähler verstehen das inzwischen. Finde dich damit ab, liebe SPD: Wenn du es nicht bald auch begreifst, dann wirst du untergehen. Dann ist deine mehr als 150- Jährige Geschichte zu Ende. Dann bist du Geschichte und du wirst zu Grabe getragen. Und ich, liebe SPD, werde nicht trauernd an deinem Grab stehen.
Denn wir trennen uns heute.

Ich trete aus.


Mit freundlichen Grüßen


(Adolf Kluth)

Sonntag, 3. Februar 2019

27. Der abgeworfene Ballast (1)

Das Schreiben ist freundlich und klingt nach
echtem Interesse. Meinen Brief haben sie
 wohl nicht gelesen. Schade, denn ich hatte
mir sehr viel Mühe gegeben.
Ich streife mal wieder durch die unendlichen Weiten meiner Festplatte und finde das Kündigungsschreiben, das ich zur Beendigung des langjährigen Abonnements meiner Lieblings-Computerzeitschrift verfasst habe. Ich gebe das hier weitgehend unkommentiert wieder, und zwar inclusive des Antwortschreibens durch den Verlag:











Heise Medien GmbH & Co KG
Leserservice
Postfach 2469
49014 Osnabrück



Neustadt, der 29. 11. 2018

Betrifft: Kündigung des c’t-Abonnements (Kundennummer 10431922)

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe c’t-Redakteure,

seit über 20 Jahren bin ich nun Abonnent Ihrer Zeitschrift. Und es war eine tolle Zeit!
Ich habe immer viel gelernt, oft gestaunt und nicht selten auch gelacht über Ihre Artikel. Gerne habe ich die April-Ausgabe nach dem Aprilscherz durchsucht (selten gefunden) sehr amüsiert hat mich vor 20 Jahren der Briefträger, der laut schimpfend in den dritten Stock zu meiner Wohnung geklettert ist, weil eine telefonbuchdicke c’t-Ausgabe nicht in den Briefkasten gepasst hat. Ich habe durch die c’t viel gelernt, manches davon hat mich sogar beruflich voran gebracht. Ohne das Wissen, das mir Ihre Zeitschrift vermittelt hat, wäre ich vermutlich nicht Studiendirektor geworden. Dafür bin ich sehr dankbar. Nicht zuletzt deshalb habe ich mich an meiner Schule auch schon vor Jahren dafür stark gemacht, dass für unsere technische Assistentin ein c’t-Abo angeschafft wird. Jetzt lernt sie mit Ihrer Hilfe und hält an meiner Stelle Computer am Laufen.

Nach und nach haben sich meine Interessen jedoch gewandelt. Auch das ist ein Verdienst Ihrer Zeitschrift. Denn letzten Endes war es die c’t, die mich die Scheu vor Betriebssystemen jenseits der Windows-Welt verlieren ließ. So schaffte ich mir vor ziemlich genau zehn Jahren anläßlich des vorzeitigen Hinschieds des heiß geliebten ThinkPads meinen ersten Mac an. Mein Umgang mit Computern hat sich seitdem stark gewandelt.

Vor 2008 war meine Computernutzung noch geprägt durch massives Gebastel an Hard- und Software: Da wurden Steckkarten, Arbeitsspeicher, Prozessoren und Motherboards getauscht. Windows musste unbedingt modifiziert werden. Also wurde knietief in der Registry gewühlt, Shareware-Programme veränderten das Aussehen des Betriebssystems oder fügten schmerzlich vermisste Funktionen hinzu.

Nach 2008 wurde das schlagartig anders. Ursprünglicher Plan war, den Windows-Desktoprechner parallel zum MacBook zu benutzen. Aber irgendwann habe ich den PC überhaupt nicht mehr benutzt, er war nur noch das Datenlager für informationstechnische Altlasten, fraß als Server im Dachbodenzimmer Strom, während ich mit dem schicken MacBook in der großen Wohnküche saß und dort arbeitete.

Als dann eines Tages mein erster iMac auf dem Schreibtisch auftauchte, überspielte ich die Daten vom Windows-System auf ein NAS und fuhr die Kiste zum letzten Mal runter. Sie steht immer noch auf dem Dachboden, aber im Laufe des kommenden Jahres werde ich da oben einmal aufräumen und das ganze Bastelzeug entsorgen. Denn gebastelt habe ich seitdem überhaupt nicht mehr. Einmal habe ich ein paar RAM-Riegel in den iMac geschoben, aber das kann man ja wohl kaum als Basteln bezeichnen. Kein Vergleich zu früher, wo ich riesige Towergehäuse mein eigen nannte, in denen ich Weltrekorde im Verbauen von Festplatten aufstellte (sieben in einem Rechner), oder mit Schläuchen von Dunstabzugshauben die Warmluft vom Prozessor nach Außen geführt habe, weil sie ihren Weg sonst nicht schnell genug gefunden hätte.

So wurden für mich nach und nach viele Artikel in der c’t uninteressant: Was interessiert es mich, wenn Windows-Nutzer sich mit Shareware-Software ihr altes Startmenü wieder hindengeln. Notfall-Windows mit Virenschutz-Software? Ein gar meisterliches Werk! Damit habe ich bei Freunden schon mehrfach Betriebssystem und Daten gerettet. Aber heute? Heute schicke ich meine Freunde zum PC-Schrauber an der Ecke. Der kann das richtig gut und der verdient seine Brötchen damit. Das nehme ich dem doch nicht weg! Windows-Installation automatisieren? Wer’s braucht… UEFI-BIOS? Muss ich als Mac-Nutzer gar nicht wissen!

Ich verkneife es mir an dieser Stelle, weitere Beispiele aufzulisten. Aber das Ergebnis können Sie sich bestimmt vorstellen: Hier stapeln sich dutzende c’t-Ausgaben, die ich immer häufiger ungelesen ins Altpapier bringe. Und das hat die c’t nicht verdient.

Deshalb kündige ich hiermit schweren Herzens und mit feuchten Augen mein Abonnement. Ein paar Ausgaben werden Sie mir noch schicken, denn ich habe ja erst kürzlich die Jahresrechnung überwiesen. Aber dann heißt es Abschied nehmen. Sicher werde ich immer wieder am Bahnhofskiosk noch eine Mac & i erwerben, aber es ist nicht mehr dasselbe.

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg, Mut, Experimentierfreude und alles, alles Gute.

Es war eine tolle Zeit.
Aber das sagte ich ja bereits.


Mit freundlichen Grüßen



(Adolf Kluth)