Montag, 16. Juli 2018

25. Die zweite Exkursion zu den Bienenfressern

Ich streife durch meine Gegend und gehe schon wieder über den Feldweg neben dem Zwiebelfeld. Das Feld wurde inzwischen umgepflügt, dabei wurden auch ein paar von den Erntemaschinen nicht erfasste Zwiebel zerquetscht. Deshalb riecht es hier immer noch sehr intensiv wie an der Salattheke in der Dönerbude. Beim Parken des Moppeds ist mir ein PKW mit vier Personen aufgefallen. Große Taschen haben sie aus dem Kofferraum des Autos geholt, nachdem sie ausgestiegen sind. Deshalb beeile ich mich, um vor ihnen zu dem Unterstand zu kommen, den der NaBu zur Vogelbeobachtung eingerichtet hat. Das sah mir alles verdächtig nach Birdwatching-Picknick aus. Da muss ich zusehen, dass ich noch einen Platz auf den schmalen Holzbänken bekomme.

Merops apiaster
Das Bild entstand zu einem späteren Zeitpunkt
 mit einem anderen als dem im Text beschriebenen Objektiv.
Die Gruppe aus dem Auto ist tatsächlich zum Birdwatching gekommen. Aber ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Hier wird nicht gepicknickt. Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier. Alle haben dicke Kameras dabei, einer sogar eine professionelle Canon mit einem Teleobjektiv, das mich an ein mittleres Flugabwehrgeschütz erinnert. Das Objektiv hat sogar eine Stoffhülle im Camouflage-Look, was die militärische Anmutung noch verstärkt. Es gibt schwere Stative und einen Bohnensack als Aufstützhilfe für die Canon.

Wo waren wir stehen geblieben beim Insektensterben? Sie hatten doch nicht etwa erwartet, dass ich mit dem Thema schon durch bin? Ach ja: Über die Zahlen hatten wir gesprochen und über die möglichen Folgen. Fehlen noch die Ursachen und die Frage danach, wie wir dem entgegenwirken können. Im Grunde kann man da nur raten, und das tun die Wissenschaftler auch. Aber da die Zeit drängt, können wir nicht auf wissenschaftlich belastbare Theorien warten. Wir müssen gegensteuern, und zwar auf allen Ebenen und sofort.

Um der Frage nach den Ursachen nachzugehen, habe ich in den letzten Tagen viel recherchiert und eigene, nicht repräsentative Nachforschungen angestellt. Ich habe gezielt ganz unterschiedliche mögliche Lebensräume für Insekten abgeklappert und die angetroffenen Arten gezählt. Feldränder, bepflanzte Verkehrsinseln und Parkplätze waren ebenso dabei wie eine Wiese in einem Seitental des Pfälzer Walds. Das war so weit abgelegen, dass ich schon fürchtete, vom Rand der Scheibe herunterzufallen, wenn ich nicht aufpasse. Und ich muss sagen: Hier in der Pfalz scheint noch alles in Ordnung zu sein. Hier gibt es eine vielfältige Gliedfüsserfauna, teilweise mit aus wärmeren Gegenden eingewanderten Neozoen wie zum Beispiel der Gottesanbeterin oder der Wespenspinne.

die japanische Steingartenverkehrsinsel
(mit Mopped und Helm)
Verkehrsinsel als Wingert,
gesehen in Bad Bergzabern
Kaum, dass meine mit-Birdwatcher angekommen sind, verteilen sie sich flächendeckend in der kleinen Hütte. Wie man unschwer an der Sprachfärbung erkennen kann, handelt es sich um ein Rudel Exilrheinländer. Es wird überaus konzentriert fotografiert, und dabei kommen wir ins Gespräch. Das Exil ist irgendwo im Hessischen, und die Rheinländer kommen offensichtlich öfter her. Nur der Mann mit der Canon ist derart in seine Arbeit vertieft, dass es sich am Gespräch nicht beteiligt. Man hört nur das machinengewehrartige klickern seines Auslösers. Im Prinzip muss ich nicht mehr durch den Sucher schauen. Da ich heute wieder nur das alte 300er dabei habe, ich wollte ihm einfach noch mal eine Chance geben, ist mein Bildausschnitt relativ groß und die Vögel auf ihrer Sitzwarte immer im Bild, wenn ich Kamera und Objektiv in einer bestimmten Art und Weise aufstütze. Den Autofokus habe ich abgeschaltet und manuell auf die Sitzwarte der Tiere fokussiert. Ich muss jetzt nur noch abwarten, bis einer der Vögel den Zweig anfliegt und abdrücken, damit ich sie genau im richtigen Augenblick mit weit ausgestreckten Flügeln erwische. Im Grunde genommen muss ich nicht einmal mehr beobachten. Ich muss nur in dem Augenblick den Auslöser drücken, wenn neben mir die Canon losknattert. Das führt zwar zu erstaunlich guten Ergebnissen, macht aber nicht so viel Spaß wie meine letzte Sitzung. Ich sitze also noch eine Weile im Weg herum, verabschiede mich dann und mache mich auf den Weg. Ich wollte hier in der Nähe noch bei einem Freund vorbeischauen und es dräut ein Gewitter, also habe ich gleich mehrere gute Gründe, aufzubrechen. Ganz in der Nähe der Gerolsheimer Gruben fällt mir noch eine Verkehrsinsel auf, die wie ein japanischer Steingarten aussieht. Ohne Blühende Pflanzen, aber mit Steinen in farbenfrohen Grautönen. Seltsam, welche Blüten die Verkehrsinselgestaltung in der Pfalz treibt: Kunstwerke habe ich schon gesehen. Kleine Biotope und einen kleinen Weinberg. Und jetzt ein Steingarten.

Er hat mich gesehen!
Als eine der Ursachen des Insektensterbens gilt der Mangel an adäquaten und hinreichend vernetzten Lebensräumen mit einheimischen Pflanzen. Tatsächlich sind japanische Steingärten zur Zeit sehr in Mode. Sie sehen schick aus und sind zudem Pflegeleicht. Aber eben keine geeignete Bienenweide. Allenfalls Loriots Steinlaus würden hier satt. Die Streuobstwiesen meiner Kindheit (Achtung! Gleich erzählt der Alte wieder vom Krieg!) wurden ersetzt durch maschinenkompatible Spalierobstpflanzungen. Und das macht eben den Unterschied aus zwischen ein paar zehntausend Blüten an einem ausgewachsenen Apfelbaum im Frühling und bestenfalls 100 an einem Spalierbäumchen. Die verwilderten Brachgrundstücke, auf denen meine Generation spielend noch große Teile der Kindheit verbracht hat, wurden ersetzt durch Spielplätze oder fielen der innerstädtischen Verdichtung zum Opfer. In den Vorgärten sieht man heute oft gepflasterte Parkplätze und die zwischen Äckern stehenden Hecken wurden bei der letzten Flurbereinigung beseitigt. Baugrundstücke wurden immer kleiner und so schrumpfte auch der Gartenanteil in den Wohngebieten. Flüsse wurden begradigt und ihre Betten befestigt. Es fehlt einfach an allem, was Insekten zum Leben benötigen.

Bei meinem Freund angekommen überreiche ich zwei Exemplare des Plakats, das ich aus dem Ensemblebild gebastelt habe. Da das Ensemble wirklich sehr groß war, konnte ich es kostengünstig im Vierfarbdruck vervielfältigen lassen. Trotzdem ist die Qualität des Drucks unglaublich hochwertig. Wir freuen uns sehr darüber. Wir sitzen noch eine Weile auf einer kleinen Terrasse und reden. Mein Freund will keinen großen Garten, das ist ihm viel zu viel Arbeit. Und tatsächlich ist die Terrasse sehr gemütlich. Der Boden ist mit Rindenmulch bedeckt, an den Rändern stehen Blumenkübel. In einem davon blüht sich gerade ein Lavendelgebüsch um den Verstand. Summend und brummend wird es von ganz unterschiedlichen Arten von Wildbienen umschwirrt. Das freut mich. Doch leider liegen unter dem Lavendel einige tote Bienen. Mein Freund weiß auch nicht, woran das liegt. Auf den benachbarten Pflanzen tummeln sich sogar, so sagt er, leider viel zu viele unerwünschte sechsbeinige Besucher, die ihm die Pflanzen schädigen. An einer prinzipiell insektenfeindlichen Umgebung könne es also nicht liegen.

In meinem Kopf knirscht es hörbar, aber zunächst kann ich dieses Knirschen nicht enträtseln. Ich mache mich auf den Weg nach Hause. Irgendwann fällt es mir wie Schuppen von den Haaren. Da mein Spezialthema im ersten Staatsexamen die Schädlingsbekämpfung war, kenne ich mich ein Bisschen aus mit den Insektiziden. Nicht alle sind Fraßgifte und müssen mit der Nahrung aufgenommen werden. Solche können Bienen natürlich bei der Nahrungssuche gefährlich werden, nämlich immer dann, wenn Blütenpflanzen damit behandelt werden. Es gibt aber auch noch reine Kontaktgifte. Hier reicht es, wenn sich eine Biene nur auf einer behandelten Pflanze niederlässt, um sich zu vergiften. Je nach Darreichungsform eines Insektizids kann es vorkommen, dass Pflanzen versehentlich kontaminiert werden, weil der Wind das Gift verdriftet. Das funktioniert im Kleinen, also von einem Blumenkübel auf der Terrasse auf einen benachbarten, wie im Großen, also von einem Feld auf eine nahe gelegene Hecke oder den Waldrand. Ich hätte meinen Freund danach fragen sollen ob er versucht hat, die Schädlinge auf der anderen Pflanze loszuwerden. Vielleicht hätten wir so schon eine Erklärung für das kleine Bienensterben auf seiner Terrasse. Als eine weitere Ursache für den Artenschwund bei den Insekten gilt jedenfalls tatsächlich der großflächige Einsatz von Insektiziden.

Zuhause angekommen beschließe ich, die Bienenfresser gleich morgen noch einmal zu besuchen. An einem normalen Wochentag ist dort bestimmt nicht so viel los wie am Sonntag. Etwas verliebt bin ich ja schon in die kleinen Vögel.

Mittwoch, 11. Juli 2018

24. Die Exkursion zu den Bienenfressern

Die Zwiebeln werden von einer Maschine eingesammelt.
Ich streife durch meine Gegend und laufe dabei über einen Feldweg. Es riecht nach den Zwiebeln, die ein Gemüsebauer wohl am Vortag aus dem fruchtbaren Auelehmboden gebuddelt hat und die er heute einsammelt. In meiner Hand halte ich die Kamera mit dem alten 300er Teleobjektiv. Die Lichtstärke ist mit f=4,0 nicht wirklich überwältigend, aber es ist die längste Brennweite mit Autofocus, die ich besitze. Damit will ich mich an das heutige Thema herantasten, und mich im Übrigen auf die aberwitzige Auflösung der Kamera verlassen. Im Notfall kann ich immer noch Ausschnittvergrößerungen machen, wenn die Brennweite nicht mehr hergibt.
An einer kleinen, halboffenen Hütte direkt am Weg halte ich an und setze mich auf eine kleine Bank in der Hütte, und zwar mit dem Gesicht zur Rückwand. Dann öffne ich eine schmale Klappe in dieser Rückwand und habe ich sie direkt vor mir: Die Gerolsheimer Gruben. Der teilweise noch in Nutzung befindliche Tagebau zur Sand- und Kiesgewinnung beherbergt immerhin die zweitgrößte Bienenfresserkolonie in Rheinland-Pfalz.

Augenblick mal! Habe ich hier nicht großflächig das Thema verfehlt? Ich habe doch erst gestern lang und breit hinausposaunt, dass das Sommerferienthema „Makrofotografie“ heißt. Sogar mit dem Zusatz „dokumentarisch“. Und jetzt laufe ich hier mit einer 300mm-Spannerkanone herum? Nun: Es geht u. A. um Insekten. Und ein guter Indikator für den Zustand einer Population von Lebewesen ist der Zustand der Prädatorenpopulation, die sich von diesen Lebewesen ernährt. Wir müssen über Insekten reden. Das wollte ich eigentlich schon in der letzten Folge dieses Blogs, habe mich aber dann doch irgendwie verquasselt. Den Gliederfüßern geht es in der letzten Zeit überhaupt nicht gut, das belegen verschiedene Studien. In der Wikipedia findet sich zu dem Thema eine ganz ordentliche Zusammenfassung. Der Rückgang der Insekten seit den 80er Jahren ist teilweise erschreckend. Wenn wir dem nicht Einhalt gebieten, werden die Folgen katastrophal sein. Nicht nur für die Landwirtschaft. Ich bilde mir wirklich ein, dass ich mir zu diesem Thema ein Urteil erlauben kann.

In den Steilwänden des Tagebaus
brütet der Bienenfresser. 
Der Anblick, der sich mir durch das schmale Fenster bietet ist atemberaubend. Ich sitze nur ein paar Meter von einer Steilwand im Auelehm entfernt. Hier bauen die Bienenfresser ihre Nester als Höhlen in den Lehm. Und vor der Steilwand liegt ein langsam zuwuchernder Grundwassertümpel. Hier tummeln sich alle möglichen Insekten und davon ernähren sich die Bienenfresser. Es herrscht Hochbetrieb. Die für mitteleuropäische Verhältnisse ungewöhnlich bunten Vögel fangen die Kerbtiere im Flug. Dann setzen sie sich auf einen Ast, um die Beute zu töten, eventuell vorhandene Giftstachel zu entfernen und sie so für die Küken oder für den eigenen Verzehr aufzubereiten. Schnell wird klar: Der Autofocus bringt mir hier keine Vorteile. Er stört vielmehr, weil er nach jeder Änderung des Bildausschnitts die Focusebene verändert. Das kostet Zeit, in der die Vögel oft schon wieder ihren Platz gewechselt haben. Außerdem sind 300mm bei derart kleinen Tieren nicht wirklich eine lange Brennweite. Ich brauche die große Linse. Die ganz große! Alla hop: Ab auf‘s Mopped und los. Dass ich bereit bin, einfach so 60 Kilometer zu verblasen, nur um ein anderes Objektiv zu holen, zeigt wohl, wie wichtig mir die Bilder sind. Ich bin ganz wuschig vor Aufregung. Ein solchen Suchtverhalten im Zusammenhang mit Fotografie hatte ich schon lange nicht mehr.

Tatsächlich ernähren sich Bienenfresser zu 80% von
Großlibellen.
Einen Rückgang der Insektenbiomasse seit den 80er Jahren um etwa 80% stellte ein Krefelder Entomologenverein fest. Untersuchungsstandort war, und das ist vielleicht besonders alarmierend, ein Naturschutzgebiet. Nun könnte man das abtun mit Bemerkungen wie: „Das sind doch nur Amateure!“ oder „Das ist doch keine wissenschaftliche Arbeit!“. Aber ich sage: Es ist wissenschaftliche Arbeit. Gerade bei großen statistischen Erhebungen in der Biologie werden oft Studenten (im wissenschaftlichen Sinn Amateure) angelernt und dann im Feld eingesetzt. Mit der Zeit kommt die Routine, und solche angelernten Helfer sind dann zuverlässig und günstig. Langzeitstudien nur mit Doktoren und Professoren durchzuführen wäre unbezahlbar. Außerdem sind eben diese Doktoren und Professoren oft Mitglieder in den entomologischen Vereinen und leiten die anderen Vereinsmitglieder wissenschaftlich an. Die verwendeten Methoden sind dokumentiert, hier wurde sauber und wissenschaftlich belastbar gearbeitet. Und das Ergebnis lässt nur geringen Interpretationsspielraum: Wenn schon in einem Naturschutzgebiet der Rückgang an Insektenbiomasse so erheblich ist, wie groß ist er dann erst auf landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen?

Da ist noch ein 400mm-Tele mit der vergleichsweise hohen Lichtstärke von f=3,5. Das hat zwar keinen Autofocus, aber sonst hätte ich mir diese Teletröte wohl auch kaum leisten können. Für moderne Objektive mit dieser Brennweite und Lichtstärke wird man heute deutlich vierstellig, wenn nicht sogar fünfstellig zur Kasse gebeten. Der Hersteller hat seinerzeit einen 2x-Telekonverter exakt für dieses Objektiv berechnen und herstellen lassen. Auch ein solcher befindet sich in meinem Besitz, und so komme ich auf 800mm mit Lichtstärke f=7,1. Die geringe Lichtstärke kompensiert die D810 locker über die ISO-Einstellungen. Der Konverter schluckt nicht nur zwei Blendenstufen Licht, er überträgt auch die Blendenwerte nicht an die Kamera. Aber das kann ich verschmerzen. Hier ist sowieso Handarbeit angesagt. Das Telefon, inzwischen habe ich dafür eine Halterung am Lenker, bringt mich sicher von den Gruben nach Hause und wieder zurück. Das klappt mittlerweile recht gut, ganz egal, ob ich mich von Tante Google oder von Frau Apple lotsen lasse. Da ich auf dem Telefon naturgemäß bei der Firma mit dem angebissenen Apfel immer angemeldet bin, hat sich Frau Apple nach und nach auch gemerkt, dass ich die Bundesstraße 271 hasse. Ich nehme sie nie, egal, wie oft sie mir vorgeschlagen wird. Inzwischen schlägt mir Frau Apple diese also auch nicht mehr vor. Ich vermute, dass der Algorithmus selbstständig aus meinem Verhalten gelernt hat. K.I. ist auch ein Thema, über das wir noch einmal reden müssen.

Die Bedeutung der Insekten in dem uns umgebenden Ökosystem lässt sich gar nicht hoch genug einschätzen. Bestäubter, nicht nur für Nutzpflanzen, sondern für fast alle Pflanzen. Nahrung für eine Vielzahl von Tieren. Ohne Insekten gäbe es weder die leckeren Erdbeeren auf dem Neustadter Wochenmarkt, noch die prächtigen Kirschen, die ich immer mit den Worten „Der dicke Mann mit dem Obst ist da!“ in den Keller der Villa Böhm bringe. Auch die Fledermäuse, die im Villapark abends herumflattern und bei den Vorstellungen eine stimmungsvolle Atmosphäre schaffen, wären weg. Womit sollten wir sie auch anlocken? Mit in die Luft geworfenen Leberknödeln? Amseln? Fehlanzeige! Kröten und Frösche? Vergessen Sie es. Forellen? Die leben von Insektenlarven! Die gibt es dann nicht mehr. Bienenfresser?
Ich habe Biologie studiert. Ich kann das stundenlang!

Merops apiaster
Das Objektiv mit dem Telekonverter gebärdet sich zunächst etwas zickig. Es dauert eine Weile, bis ich die für meine Zwecke passenden Einstellungen gefunden habe. Aber irgendwann klappt es ganz ordentlich. Ich gewöhne mir an, eine der Sitzwarten der Vögel anzuvisieren. Dann schaue ich mit dem rechten Auge durch den Sucher und halte den Bildausschnitt möglichst so, wie ich ihn festgelegt habe. Mit dem linken Auge schaue ich seitlich an der Kamera vorbei. So sehe ich, wenn sich ein Vogel dem Zweig nähert und kann abdrücken, bevor er sitzt. Ich will den Augenblick der Landung festhalten. Mit noch ausgebreiteten Schwingen sehen die bunten Flieger viel dynamischer aus. Das macht großen Spaß und die Ergebnisse gefallen mir gut. Manchmal erwische ich zufällig auch einen Streit zwischen den Tieren. Einer plustert sich auf und verjagt einen Artgenossen schreiend vom Ast. Das wirkt alles sehr putzig. Ich könnte stundenlang abtauchen in diese Welt.

streitlustig
Auf dem Rückweg fallen mir noch die bunt blühenden Blumen am Straßenrand auf. Die beiden Neustadt umgebenden Landkreise haben in den letzten Jahren auf den Straßenrändern natürlich in Mitteleuropa vorkommende Wildkräuter aussähen lassen. Kornblumen, Disteln und Schafgarbe erkenne ich ohne abzusteigen, weitere Blütenpflanzen bereichern das Bild. Das ist gut für die Insektenwelt, und damit gut für uns.

Als ich in den Hof meines Hauses einfahre gibt das Handynavi bekannt: „Ziel erreicht. Sie sind Zuhause“. Ach Telefon: Ich bin in der Pfalz. Ich bin doch schon den ganzen Tag zuhause!

P.S.:
Einen Ordner mit der vollständigen Bilderausbeute dieses Tages können Sie hier einsehen.

Dienstag, 10. Juli 2018

23. Das Sommerthema

Gleich verschwinden die Plakate im
Wertstoffsack.
Ich streife durch meine Stadt, und dieses Mal musste ich dafür überhaupt nicht weit laufen. Ich treibe mich mal wieder im Park der Villa Böhm herum. Den Weg dorthin kennt ihr ja bereits. Und um es kurz zu machen: Ich habe den Aftershow-Blues. Das Sommerstück ist vorbei. Es war so eine schöne Inszenierung und das Publikum hat das Stück wirklich gut angenommen! Die letzten fünf Vorstellungen waren praktisch ausverkauft und wir mussten noch weitere Stühle dazustellen. Das hat wirklich gut getan! Auch der Zusammenhalt im Ensemble war großartig. Wie in einer Familie. Bis eben habe ich mit meinen Freunden aus der Neustadter Schauspielgruppe die Plakate von den Straßenlaternen entfernt. In dem Augenblick, als ich sie in die Wertstoffsäcke gestopft habe, hat es mich innerlich fast zerrissen.

So viel Arbeit steckt da drin - man macht sich ja als Außenstehender keine Vorstellung davon! Das geht nur mit einem riesigen Ensemble auf und hinter der Bühne. Allein an diesen Plakaten haben zwei Personen gewerkelt: Den Scherenschnitt von Cyrano habe ich aus einem extra dafür aufgenommenen Profilfoto mit Fotoshop erzeugt. Nicht wirklich schwierig, aber wenn man, wie ich, so gar keine Ahnung von Photoshop hat, sitzt man dennoch eine ganze Weile daran und wühlt sich durch gefühlt eine Million Menüpunkte. Eine Grafikerin hat dann damit die Plakate gebaut. Für die Nase des Cyrano wurde eigens eine professionelle Maskenbildnerin mit ins Boot geholt. Weil sie ihre ersten Gehversuche im Zusammenhang mit ihrem Beruf im Keller der Villa Böhm - also im amtlichen Hauptquartier der Neustadter Schauspielgruppe - gemacht hat, hat sie ihr professionelles Know-How selbstverständlich ehrenamtlich und kostenlos eingebracht. Wie alle hier. So standen zum Beispiel in diesem Jahr allein drei ausgebildete Theaterpädagogen auf und hinter der Bühne und betreuten Teilbereiche der Regie. Dazu viele alte Theaterhasen mit Jahrzehnten an Bühnenerfahrung. Der Tontechniker war vor seinem beruflichen Ruhestand Profi auf diesem Gebiet, und das merkt man auch. Die Kulissen bauen, zumindest teilweise, gelernte Handwerker und angemalt werden sie nicht von irgendwem, sondern von einer bekannten Künstlerin aus der Region. Selbst die blutjungen Nachwuchsschauspieler hatten teilweise schon mehrere Jahre Erfahrung auf dem Buckel.
Wir sind Amateure, keine Laien!
das sympathische Sommerensemble 2018 (teilweise)

Um mich vom Verlust meiner Sommerfamilie abzulenken mache ich Insektenbilder. Als studierter Biologe und Geograph sind eigentlich die Landschafts- und Architekturfotografie meine Domänen. Und die Makrofotografie. Klassische Bienchen- und Blümchenbilder mit dem Ziel, die bestimmungswichtigen Merkmale festzuhalten. Die Gestaltung ist dabei erst einmal nicht so wichtig. Dennoch entwickeln solche Bilder trotzdem eine gewisse Ästhetik, einfach weil die Geschlechtsorgane der höheren Pflanzen und die Kerbtiere so schön sind. Außerdem sind die Outtakes manchmal bezaubernd: Man sieht zwar keine bestimmungswichtigen Details, aber plötzlich schaut einem ein Schmetterling oder eine Gottesanbeterin direkt in die Augen. Atemberaubend! Damit habe ich mich schon viel zu lange nicht mehr beschäftigt. Alla dann: Ferienthema 2018 ist die dokumentarische Makrofotografie. Im Park der Villa Böhm gibt es ein geradezu hinreißend verwildertes Blumenbeet. Dort beobachte ich schon seit Wochen die Schmetterlinge und Wildbienen und hier beginne ich meine Exkursion in die Welt der Kleintiere. Doch die Qualität der entstehenden Bilder hält sich in überschaubaren Grenzen. Habe ganz schön viel verlernt, in den letzten Jahren.

Etwas frustriert steige ich auf’s Mopped. Der Weg führt mich zunächst auf einen bereits beschrieben Umweg. Die ganze Strecke darf nur mit maximal 30 km/h, stellenweise auch weniger, befahren werden. Und so tuckere ich gemütlich und untertourig das Sträßchen hinauf. Ich schwelge in Erinnerungen. Zum Beispiel an das hübsche Ausflugslokal in dem lauschigen Tal, wo ich mir erst vor Kurzem den Bauch vollgeschlagen habe. Während ich so träumend das Sträßchen entlangrolle streift mein Blick einen großen Doldenblütler, an dem sich auffällig viele Schmetterlinge tummeln. „Augenblick mal. Das ist doch genau das, was du suchst.“ muss ich mir selbst ins Gedächtnis rufen. Es dauert trotz der niedrigen Geschwindigkeit einige hundert Meter, bis ich eine geeignete Stelle zum Drehen finde. In der Nähe der Umbellifere biegt ein kleiner Forstweg ab. Dort kann ich den Boxer abstellen und mich mit der Kamera zu Fuß auf den Weg machen. Tatsächlich tummeln sich an den Blütenständen der Pflanze nicht nur die auffälligen orangefarbenen Kaisermäntel. Es finden sich dort auch Fliegen, mehrere Arten von Schwebfliegen und diverse Käfer ein. Insgesamt zähle ich fast ein Dutzend Arten, und das an nur einer einzigen Pflanze. Warum eine weitere Engelwurz, die nur zehn Meter weiter ihre Dolden präsentiert, völlig sexlos und unbestäubt bleibt ist mir ein Rätsel.

Der Kaisermantel schaut, aus der Nähe betrachten,
ganz schön dumm aus der Wäsche.
So langsam erinnere ich mich an die für die Insektenfotografie notwendigen Zutaten: Neben einem ordentlichen, langbrennweitigen Makroobjektiv mit 1/2 bis 3/4 zugezogener Blende und einem Blitzgerät braucht man vor Allem Geduld und Beobachtungsgabe. Welche Blüte an einer Pflanze gibt besonders viel Nektar, wird also häufiger besucht? Vor dieser Blüte legt man sich bewegungslos auf die Lauer und wartet. Den Tieren hinterherzujagen bringt nichts, damit schlägt man sie nur in die Flucht. Tatsächlich gelingen mir einige Aufnahmen, mit denen ich die Lepidoptera später zuhause bestimmen kann. Außerdem gelingt mir noch ein schönes „Schau mir in die Augen, Kleines“-Bild. Ich hatte fast schon vergessen, wie beglückend und entspannend das Abtauchen in diese Welt ist.

Wieder auf dem Motorrad fahre ich das Sträßchen bis zu dem an seinem oberen Ende gelegenen Parkplatz. Von dort aus nehme ich eine lauschige Kreisstraße, die mich mit sanften Kurven über eine Strecke von fast zehn Kilometern quer durch den Wald nach Wachenheim bringt. Hier biege ich nach links ab Richtung Bad Dürkheim. Doch dann mache ich gleich wieder ein kleiner Abstecher: Anstatt die Stadt auf dem direkten Weg zu durchqueren biege ich ab und bin mit einem Mal auf dem Holzweg. Der heißt wirklich so! Zunächst geht es durch ein Wohngebiet, und plötzlich bin ich wieder mitten im Wald. Es gibt mitten in Bad Dürkheim einen bewaldeten Berg, der fast vollständig von der Kurstadt und ihren Vororten umgeben ist. Den lasse ich das Fahrzeug jetzt erklimmen. Oben angekommen stehe ich vor der Klosterruine Limburg. Da wird heute geheiratet. Ein Schild an der Klostertüre fordert die Hochzeitsgäste auf, hier auf die Abholung durch den Standesbeamten zu warten. Da ich aber mit der Hochzeit nichts zu schaffen habe, trete ich ein und finde mich in einer ziemlich großen Kirche ohne Dach wieder. Im Inneren wachsen Platanen und es finden sich kaum noch Hinweise auf das Spektakel, welches hier noch vor wenigen Tagen stattgefunden hat: Theater unter freiem Himmel. Das „Theater an der Weinstraße“ hat in der malerischen Ruine seinen Stammsitz. In diesem Jahr gab es mit dem „eingebildet Kranken“ von Molière einen echten Schenkelklopfer. Natürlich hat es sich das Sommerensemble der Neustadter Schauspielgruppe nicht nehmen lassen, am spielfreien Wochenende fast geschlossen dort aufzuschlagen, um sich über die klassischen Komödie zu amüsieren und um der befreundeten Theatergruppe unsere Aufwartung zu machen. Schließlich wurde das Theater an der Weinstraße vor über 40 Jahren von ehemaligen Mitgliedern der Neustadter Schauspielgruppe gegründet. So erzählt man es sich zumindest. Den Wahrheitsgehalt dieser Erzählung konnte ich bislang nicht überprüfen.

Bühnenabbau auf der Limburg
Die Inszenierung fand ich sehr gelungen, nicht zuletzt weil das Regieteam das Stück beherzt zusammengestrichen hat. Das ist vermutlich der schwierigste Teil der Regiearbeit, sicher aber einer der wichtigsten. Außerdem wird es in der zugigen Klosterruine nachts recht kühl, deshalb gilt gerade hier: In der Kürze liegt die Würze! Trotzdem hatten natürlich alle etwas zu nörgeln. Der Lichtmann unserer Gruppe legte sofort den Finger in die Wunden des Bühnenlichts, der Tontechniker bemerkte Unstimmigkeiten beim Ton, Regisseure bemängelten dies, Schauspieler das. Man sollte einfach nicht mit Theaterleuten ins Theater gehen.
Ein paar Tage nach unserem Besuch bin ich noch einmal auf der Limburg gewesen und zufällig in den Abbau der surrealen Kulissen geplatzt. Eine der Darstellerinnen hat mich angesprochen und sofort mit meinem Namen begrüßt. Vermutlich eine ehemalige Schülerin meiner Schule. Ich kann hier wirklich kaum noch irgendwo auftauchen, ohne dass mich jemand erkennt.

Ich genieße noch einmal den atemberaubenden Ausblick von der Limburg. Mit der Ruhe ist es vorbei in dem Augenblick, da die Hochzeitsgesellschaft eintrifft. Zeit aufzubrechen. Der Umweg über die Limburg hat den Vorteil, dass man von hier aus ohne viel Federlesen direkt auf die B37 kommt. Klingt wenig spektakulär, ist es aber. Die B37 führt von Bad Dürkheim aus direkt in den Pfälzer Wald. Bei strahlendem Sonnenschein spüre ich den Wind auf meiner Haut, sehe liebestollen Zitronenfalterpärchen beim Hochzeitstanz zu und weiche den Tänzern aus, damit sie nicht als gelber Belag auf meinem Helmvisier enden. Und wo Sie gerade sagen „Wind auf meiner Haut?“: Ja! Ich weiß! Ich sollte nicht ohne Schutzkleidung fahren. Damit bin ich kein gutes Vorbild und das sollte ich in meinem Beruf doch unbedingt sein. Und ich bezahle ja  auch regelmäßig dafür, und zwar einen ziemlich happigen Preis. Nämlich immer dann, wenn sich ein stechendes Fluginsekt in mein T-Shirt verirrt. Aber manchmal kann ich nicht anders. Dann muss es einfach sein. Ich arbeite daran und gelobe Besserung. Bis zum nächsten Rückfall.

die Verkehrsinsel in Enkenbach-Alsenborn
Die einspurige Bundesstraße ist einfach zu fahren. Nur an einmal zwingt mich eine scharfe Doppel-S-Kurve zum Bremsen. Um es kurz zu machen: Letzten Endes führt mich mein Weg über Frankenstein (und ja: das heißt wirklich so.) nach Enkenbach-Alsenborn. Hier interessiert mich ein Kreisverkehr, den ich vor vielen Jahren zufällig bei einer Veranstaltung der (wie sollte es anders sein) Neustadter Schauspielgruppe entdeckt habe, bei der ich die Videotechnik mit gestaltet und bedient habe. Er wird dominiert vom Denkmal eines pflügenden Elefanten, dessen Geschichte Sie bitte an anderer Stelle nachlesen. Im Zusammenhang mit meinem Sommerferienthema ist seine Bepflanzung von Interesse. Lavendel übt eine geradezu unwiderstehliche Anziehungskraft auf Insekten aus. Tatsächlich entdecke ich wieder viele verschiedene Arten. Ein besonders bunter Kleinschmetterling weckt mein Interesse. Wie ich später feststelle gehört er zu den Widderchen. Dass ich mich bei einer Familie mit über 1000 Arten auf die Gattung Zygaena festlege, kommt mir im Nachhinein ziemlich vermessen vor. Das können eigentlich nur eingefleischte Spezialisten entscheiden.

ein Widderchen
Der Rückweg ist wie immer von Umwegen geprägt. Anstatt über das Lambrechter Tal direkt nach Neustadt zu fahren, verlasse ich in Frankeneck die Bundesstraße und nehme den Weg über die Kalmit nach St. Martin und Maikammer. Auch hier erinnert mich viel an meine Theatergruppe. In der Nähe der Tankstelle, wo ich den Durst meiner Maschine lösche, haben wir in der Maschinenhalle eines befreundeten Winzers Teile unserer Kulissen eingelagert. Im Gemeindehaus von Maikammer führten „meine“ Schauspieler zusammen mit Teilen der Blue Note Big Band vor einigen Jahren mit „Wir machen Musik - Davon geht die Welt nicht unter“ eine geradezu sensationelle Musikrevue mit Musik aus den 20er und 30er Jahren auf. Das war vermutlich die größte und aufwändigste Produktion der Neustadter Schauspielgruppe überhaupt, auf jeden Fall aber die größte Winterproduktion.

Und so geht es jetzt immer weiter. Es vergeht keine Viertelstunde, bis ich erneut auf Spuren der Theaterwelt stoße, in die ich vor sieben Jahren eingetaucht bin: In Hambach komme ich am „Theater in der Kurve“ vorbei. Eine Art Zimmertheater, mit dem sich ein ehemaliges Mitglied der Neustadter Schauspielgruppe wohl einen Lebenstraum verwirklicht hat. Wie schön, dass es so etwas gibt! Auch eine ehemalige Schülerin von mir, inzwischen ausgebildete Schauspielerin, macht hier regelmäßig Theater mit ihrer freien Theatergruppe „Der Petunientopf“. Großartige Nachwuchsarbeit wird hier geleistet, um junge Menschen an die Schauspielerei heranzuführen und ihnen das dafür notwendige Handwerkszeug zu vermitteln. Auch die Neustadter Schauspielgruppe hat immer wieder davon profitiert, denn schon mehrfach haben wir den talentierten und gut ausgebildeten Nachwuchs aus dieser Schauspielerschmiede in unseren Produktionen einsetzen können. Besonders stolz dürfen wir wohl auf einen jungen Darsteller aus diesem Stall sein, der auf Anhieb die Aufnahme in eine renommierte Schauspielschule in den USA geschafft hat. Danke Petunientopf, danke Theater in der Kurve!

Irgendwo fallen mir noch die Reste eines Plakates des „Dramatischen Hoftheaters“ auf. Auch diese freie Theatergruppe wurde gegründet von theaterbegeisterten Menschen, die in den Produktionen der Neustadter Schauspielgruppe über Jahre eine prägende Rolle gespielt haben. Auch heute noch arbeiten sie mit den hervorragenden Licht- und Tontechnikern der Schauspielgruppe zusammen. Daraus ergibt sich der für beide Gruppen charmante Vorteil, dass es niemals zu Terminüberschneidungen und damit zu einer Konkurrenzsituation kommen kann.

Ich kann es drehen und wenden wie ich will: Wenn ich an einem Tag mit Aftershow-Blues einen Ausflug mache, dann dreht sich in meinem Kopf doch wieder alles nur um Theater. Ganz egal, was das Thema des Ausflugs ist.

P.S.: Der Blog trägt den Untertitel „kleine mürrische Geschichten“, nicht „kleine mürrische Protokolle“. Der Ausflug hat so nie stattgefunden, das Sommerensemble hat auch nicht an der Produktion auf der Limburg herumgenörgelt und überhaupt habe ich eine ganze Menge frei erfunden. Und die tanzenden Zitronenfalter waren in Wirklichkeit Kohlweißlinge. Aber auch die werden zu gelbem Matsch, wenn sie mit einem Motorrad oder seinem Fahrer kollidieren.