Montag, 10. Oktober 2011

12. Der Tod des Apfelmanns

Ich streife durch meine Gegend und lande schließlich im prächtigen Kopfbahnhof von Frankfurt am Main. Frankfurt ist für ein Landei wie mich schon eine ziemliche Metropole. Groß, unübersichtlich und laut kommt sie mir vor, diese Stadt. Überall liegt Dreck herum, Penner und Punks schnorren, ständig habe ich Paranoia, dass mir jemand das Portemonnaie aus der Tasche zieht. Wenn man den Bahnhof verlässt, ist man zudem auch noch sofort im Rotlichtbezirk. Da fühle ich mich überhaupt nicht wohl, denn da riecht es nach "hoffentlich sieht mich keiner"-Angstschweiß und nach Menschenhandel.
Aber es ist wie es ist: alle paar Monate zieht es den kleinen Adolf in die große Stadt, ab und zu muss er einfach weg von der guten Landluft und rein ins Getümmel. Und da kommt die räumliche Nähe Neustadts zur Bankenstadt sehr gelegen: ab in den Zug, einmal umsteigen und schon bin ich da. Ich habe eigentlich keine konkreten Pläne. Schauen, was los ist und was man Unternehmen kann, evtl. noch bei Manufaktum ein lange begehrtes Lineal aus Metall kaufen. Einen USB-Hub für meine Backup-Laufwerke brauche ich auch noch. Den bekommt man im Laden mit dem angebissenen Apfel. Den ganzen Krempel hätte ich natürlich auch von Zuhause aus bestellen können. Das wäre mit Sicherheit günstiger gewesen als die Zugfahrt. Aber was soll's: Es sind Ferien, und man kann ja nicht den ganzen Tag in der Bude hocken.


Beim Betreten der Innenstadt habe ich "Super Heavy" auf den Ohren. Das ist Multikulti-Reggae mit Superstar-Besetzung. Ein angemessener, entspannender Soundtrack für diesen Kultur-Schmelztiegel - den deutschen „Big Apple“ sozusagen. Während ich noch darüber nachdenke, ob nun Joss Stone oder Mick Jagger den knackigeren Hintern hat, legt neben mir an der Fußgängerampel eine Comicfigur an. Eine riesige, gertenschlanke Asiatin wächst zu meiner Linken dem Himmel entgegen. Sie ist ausschließlich in Schwarz und farbenfrohem Dunkelgrau gekleidet. Ihre pechschwarzen, endlos langen Haare treffen sich irgendwo an ihrer Körpermitte mit den ebenfalls beeindruckend langen Beinen. Von hinten scheint sie somit nur aus Haaren und Beinen zu bestehen. In der rechten Hand hält sie lässig und elegant ein iPad. Schon trippelt sie auf gesundheitsschädlich hoch anmutenden Absätzen weiter und lässt mich derart verblüfft stehen, dass ich glatt die Grünphase der Ampel verschlafe während ich ihr mit offenem Mund hinterherglotze. Wer jemals einen Comic des französischen Autoren mit dem Künstlernamen Möbius gelesen oder seine Entwürfe in dem Film „Das fünfte Element“ bewundert hat, kann vielleicht nachvollziehen, in welche Welt ich mich entführt glaubte.


Angeregt durch die Möbiuserscheinung wechsle ich die Musik: Simon Rattle dirigiert John Adams "Short Ride in a Fast Machine". Klassische amerikanische Minimalmusic passt vielleicht doch besser zu dem Gewimmel um mich herum und auch zu den hohen Häusern. Das iPad der Comicikone bringt mich auf die Idee, die Apfeldichte auf meinem Weg zum Apple-Store zu erfassen. Ich zähle also iPhones, iPads und weiße Kopfhörer. Das Ergebnis dieser spontanen statistischen Erhebung ist verblüffend: Jedes zweite in der Frankfurter Innenstadt gesichtete Telefon ist eines mit einem angebissenen Apfel. Fast alle gesichteten Kopfhörer sind weiß. Das ist mir unheimlich. Sieht ein Wenig nach totaler Kontrolle durch den Apfelkonzern aus. Nur gut, dass man mit den Ohrstöpseln und mit den Telefonen keine Gehirnwellen beeinflussen kann. Hoffentlich!


Am Apple-Store angekommen fällt mir sofort der improvisierte, kleine Altar links neben dem Eingang ins Auge. Viele Apfelfreunde haben hier unter einem Foto des kürzlich verstorbenen Steve Jobs Blumen abgelegt und angebissene Äpfel. Sie haben auch kleine Zettel an die Schaufensterscheibe des Geschäfts geklebt mit persönlichen Gedanken zum Tod des Apple-Gründers. In der Tat hat das Ende des Apfelmanns letzte Woche, obwohl lange erwartet, ziemliche Bestürzung ausgelöst. Und das nicht nur unter seinen Fans. Alle Nachrichten und die Titelseiten der Tageszeitungen waren voll mit Artikeln zu diesem Thema. Der Spiegel zeigte ein schönes Bild des Firmenchefs aus besseren Tagen mit der Überschrift: „Steve Jobs - Der Mann, der die Zukunft erfand“. Obwohl mich das Ereignis selbst nicht unbewegt gelassen hat, finde ich derlei Pathos doch etwas übertrieben. Er war nicht mehr und nicht weniger als ein ziemlich guter Verkäufer, der die Bedürfnisse seiner Kunden und die Funktionalität und Schönheit seiner Produkte sehr ernst genommen hat. Trotzdem rührt mich der kleine Altar derart an, dass ich beschließe, beim Verlassen des Ladens ebenfalls einen angebissenen Apfel zu hinterlassen. Man weiß ja nie, ob es nicht doch gut für das Karma ist. Doch zunächst gehe ich erst einmal hinein, ich brauche ja noch einen USB-Hub.

Im Laden ist es wie immer: Schicke Geräte auf minimalistischen Regalen und Tischen drapiert. Aha! Meine Musik passt also immer noch. Diensteifrige und freundliche Verkäufer in blauen T-Shirts mit weißem Apfellogo wuseln zwischen den Kunden herum und versuchen, ihnen zu helfen. Man nimmt ihnen ab, dass sie an ihrer Arbeit Freude haben. Über eine gläserne Wendeltreppe geht es in den ersten Stock zum Zubehör. Und mit „gläserne Treppe“ meine ich nicht: „Treppe mit gläsernem Geländer“. Das Ding ist wirklich aus Glas, und zwar vollständig. Ich glaube irgendwo gelesen zu haben, dass Apple oder sogar der verstorbene Steve Jobs höchstpersönlich, ein Patent auf diese Treppe hält. Irre! Beim Zubehör habe ich eine Frage. Der Verkäufer bemüht zunächst einen Kollegen und ergoogelt schließlich die Antwort ratzfatz. Nicht, dass ich das nicht selbst gekonnt hätte, aber so ist es schöner. Eine Kasse gibt es scheinbar nicht. Ich erkundige mich bei einer Verkäuferin, die scannt sofort mit einem leicht pummelig aussehenden iPhone den Barcode meines Kartons und schiebt meine Plastikgeldkarte in ein bis dahin unauffällig deponiertes Lesegerät. Prompt kommt aus einem kleinen, fast unsichtbaren Schlitz in der Wandverkleidung die Quittung. Die Rechnung gibt es per Email und das war‘s auch schon.


Beim Verlassen das Apple-Stores beobachte ich noch eine Dame, die mit süßsäuerliche Miene die angebissenen Äpfel aus dem improvisierten Altar klaubt. Sie gibt zu erkennen, dass sie von der Trauer der Kunden ebenfalls gerührt ist, möchte aber keine Ungezieferplage riskieren. Es käme mir nun gemein vor, noch einen dazu zu legen. Also schlendere ich, aus vollen Backen meinen Apfel kauend, in Richtung des Manufaktum-Geschäfts. Angesichts des emsigen Großstadttreibens und der dicht an dicht stehenden Hochhäuser habe ich inzwischen auf den Soundtrack des Films Matrix umgeschaltet. Der passt auch prima zu den vielen Herren in dungelgrauen und schwarzen Anzügen. Irgendwie erwarte ich die ganze Zeit, dass aus der Menge die Frau mit dem roten Kleid auftaucht. Doch sie kommt nicht.


Stattdessen erscheint irgendwo hinter der Alten Oper der Manufaktum-Laden: Konsumlustschloss für Oberstudienräte, Tempel der Dinge, die niemand wirklich braucht, die man aber trotzdem unbedingt haben möchte. Das harmoniert dann wieder gut mit der Marke des angebissenen Apfels. Ein Glück, dass ich kein Oberstudienrat bin. Das macht mich vermutlich immun. Das Lineal ist rasch gefunden, aber es überkommt mich die Lust, durch die Regale zu streifen und zu schauen. Das ist ein Fehler! Letzten Endes verlasse ich das Geschäft um mehrere, wie außerirdische Parasiten in mein Gehirn gepflanzte Konsumwünsche reicher und um etliche Euronen ärmer. Zugegeben: neben dem schönen Lineal ist noch ein wunderbarer Kopfhörer herausgesprungen.


Auf dem Rückweg zum Bahnhof bemerke ich, dass der Akku meines Apfelfons inzwischen kaum noch Energie enthält. Da ich das Ding aber für die Fahrplansuche und für Emails unterwegs noch zu brauchen glaube, verzichte ich notgedrungen auf Musik. Nur dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass mir in einem kleinen Park ein Bettelmusikant auffällt, der auf seiner Geige erstaunlich präzise und doch gefühlvoll Mozart interpretiert. Ich höre also auf, nach der Frau im roten Kleid Ausschau zu halten, lausche dem Geiger und werfe ihm ein paar Münzen in den Geigenkoffer. Er bedankt sich, ich antworte höflich: Ich habe zu danken!“ und verabschiede mich. In Zukunft werde ich wohl öfter mal mit offenen Ohren durch die Gegend laufen und sicher auch wieder mehr Äpfel essen.

Samstag, 18. Juni 2011

11. Der Park der alten Villa

 Ich streife durch die Straßen meiner Stadt...
Nein.
Heute streife ich ja gar nicht.
Ich eile. Und das nicht nur weil es regnet.
Zielstrebig den Weg entlang, den ich schon an anderer Stelle beschrieben habe: An der Ampel links an der Polizei und dem neuen Grünzug am Ufer des Speyerbachs vorbei, an der nächsten Ampel wieder die Straße überqueren und dann rechts abbiegen. Nach einigen Metern gehe ich mit klopfendem Herzen durch das schmiedeeiserne Tor. Im Park schnell den Berg hinauf, rechts die Seqoias, links die stolzgeschwellte Hose. Ich kann es kaum erwarten, zu "meinen" Schauspielern zu kommen, denn heute ist Generalprobe. Dabei geht mir ausgerechnet jetzt ein altes Lied nicht aus dem Kopf:


"Leute, nehmt eure Wäsche weg, schließt die Gartentür zu:
Musikanten sind in der Stadt!
Bringt die Katz ins Versteck, die Wäscheleine dazu:
Musikanten sind in der Stadt!
Und was da nicht ganz niet- und nagelfest ist,
Und was keinen Riegel vor hat,
Das wird sofort geklaut und bleibt ewig vermißt:
Musikanten sind in der Stadt!
Erbarmen, Musikanten sind in der Stadt!"


Warum will mir dieses Lied nicht mehr aus dem Sinn? Musikanten, Schauspieler, Gaukler, Taschenspieler und Hausierer wurden im Mittelalter oft in einem Atemzug genannt. Bevor es Theater gab gehörten sie zum fahrenden Volk und zu den unehrlichen (ehrlosen) Berufen. Auch Scharfrichter, Hübschlerinnen (Prostituierte), Turmwächter, Zöllner und Büttel (Polizisten/Gerichtsdiener) wurden interessanterweise in diese Schublade gesteckt. Menschen am Rande der Gesellschaft, ausgegrenzt, oft in Armut gefangen und außerhalb der Stadtmauern untergebracht. Im Kriegsfall deshalb schutzlos. Ehrlos bedeutete auch wehrlos.


Im "Meyers Großes Konversations-Lexikon" von 1905-1909 steht dazu:
"Fahrende Leute, im Mittelalter die einzeln oder in Banden umherwandernden Gaukler, Taschenspieler, Erzähler, Sänger, Spielleute, Mimen und andre unterhaltsame Leute, die allmählich die alten in höherer Schätzung befindlichen Barden, Volkssänger und Harfenspieler aufsogen. Allerdings übten auch die Fahrenden Instrumentalmusik und führten im Frühjahr Schwerttänze, im Winter gymnastische Künste, Puppenspiele etc. auf. Ihre Vorführungen waren oft so halsbrecherischer Natur, daß sie sich, wie Joinville erzählt, jedesmal vorher bekreuzigten. Die Schloßherren, denen sie in ihrer Einsamkeit willkommene Besucher waren, lösten sie nachher aus der Schenke aus, zeitweise hatte auch die Geistlichkeit die Pflicht, sie zu beherbergen. Nach den Kreuzzügen erhielten sie großen Zulauf aus fahrenden Priestern, Nonnen, Beghinen, Scholaren, wie sich ihnen auch Zigeuner, Söldner und Landsknechte anschlossen. Obgleich als Verbreiter von Dichtungen, Sagen, Neuigkeiten, Schauspielen überall beliebt, blieben die Vertreter der heitern Kunst (gaya scienza) doch als sogen. unehrliche Leute anrüchig und verachtet. Gesetz und Kirche stießen sie aus, sie waren rechtlos, und die kirchlichen Sakramente blieben ihnen vorenthalten. Gleich den Knechten durften sie nicht die Tracht des freien Mannes anlegen. Die Folge war, daß sie unter sich eigentümliche, z. T. ergötzliche Formen und Vereinbarungen einführten, und so entstanden das »Königtum der fahrenden Leute im Elsaß«, das »Pfeiferrecht und der Pfeifertag (Dienstag nach Mariä Geburt) zu Rappoltsweiler«. Die Herren von Rappoltstein präsidierten als Pfeiferkönige dem Pfeifergericht. Im 14. und 15. Jahrh. waren sie etwas günstiger gestellt, seit der Reformation aber beschränkten polizeiliche Maßregeln ihre Ungebundenheit und Zahl. Während des Dreißigjährigen Krieges und später erhielten sie dann neuen Zuwachs durch Alchimisten, Geisterbeschwörer, Schatzgräber, Bärenführer, Komödianten und andre »Landstörtzer«, die namentlich aus Italien zuströmten. Ein Nachklang existiert noch heute in den Orgeldrehern und den umherziehenden Kunstreitern, Seiltänzern und Schauspielergesellschaften (sogen. Schmieren)."


"Wirte macht den Bierhahn dicht:
Sichert dreifach das Tor:
Musikanten sind in der Stadt!
Löscht im Fenster das Licht,
Nagelt Balken davor:
Musikanten sind in der Stadt!
Die singen und gröln bis der Morgen anbricht,
Die würfeln und fressen sich satt,
Die raufen und saufen und zahlen dann nicht:
Musikanten sind in der Stadt!
Erbarmen, Musikanten sind in der Stadt!"


Und tatsächlich kommt es mir im Keller der alten Villa ein Bisschen so vor, wie ich mir das Treiben in einem Zigeunerwagen vorstelle: Irgendwer hat ein paar Brotlaibe mitgebracht, Käse und Wurst sind auch da. Es herrscht gute Stimmung, obwohl die Probe buchstäblich ins Wasser zu fallen droht. "Noch ein Sektchen?" tönt es von rechts "Die Flasche ist aber schon leer!" krähen einer der Darsteller und ich im Chor, als hätten wir's abgesprochen. Irgendwie wird es schon gehen, schließlich haben sie in der Hauptprobe am vergangenen Wochenende das Stück schon einmal in einem Rutsch durchgespielt. Also warum die geliehenen Kostüme versauen? Warum auf dem nassen Bühnenboden ausrutschen, um womöglich zwei Tage vor der Premiere noch einen weiteren Darsteller verletzungsbedingt zu verlieren? Einer hat sich schon vor zwei Wochen den Arm gebrochen. Andererseits hat es bei der Hauptprobe durchaus noch ein paar Hänger gegeben. Teilweise war das zum Schreien komisch, mündete in regelrechte Kicheranfälle und Lachkrämpfe, wie ich sie sonst nur bei den Mädchen in der achten Klasse kenne. So etwas sollte in einer Vorstellung mit Publikum natürlich nicht passieren.






"An den Gasthof schreibt Ruhetag,
Alle Betten belegt:
Musikanten sind in der Stadt!
Bevor es wie ein Schicksalsschlag
Durch die Herberge fegt:
Musikanten sind in der Stadt!
Die kneifen Eure Mägde mit frevelnder Hand,
Verwüsten die Stuben euch glatt.
Wer Lieder singt, steckt auch die Herberg in Brand:
Musikanten sind in der Stadt!
Erbarmen, Musikanten sind in der Stadt!"



Die große Mehrheit der Bevölkerung war in vorindustrieller Zeit nicht im Stande, Reserven zu bilden. So konnte man in Krisenzeiten und bei Arbeitsplatzverlust schnell auf der sozialen Leiter absteigen, sein Obdach und damit auch seinen Stand verlieren. Das fahrende Volk bekam somit stetigen Zulauf. Im Durchschnitt fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung Mitteleuropas war so bis ins ausgehende 19. Jahrhundert ständig auf der Walz, in Krisenzeiten schnell auch deutlich mehr. Das Elend war unvorstellbar. Und so war es schwer, ehrlich zu bleiben. Taschendiebe und Beutelschneider reisten mit den Schauspielern und Gauklern. Während man auf den Bühnen das Publikum erheiterte, wurden Börsen aus den Taschen gezogen. Vorn spuckte jemand Feuer, hinten wurden Geldbeutel vom Gürtel geschnitten. In Kriegs- und Krisenzeiten, aber auch im Winter, wenn mit Freiluftaufführungen kein Auskommen zu erzielen war, Rekrutierten sich aus den Scharen der Obdachlosen auch Räuberbanden wie die vom Hölzerlips oder vom Schinderhannes, die auf den Reisewegen auch vor Überfällen und Morden nicht zurückschreckten.


"Krämer holt eure Habe rein,
Die Budiken schließt ab:
Musikanten sind in der Stadt!
Zählt die Flaschen Bier und Wein,
Laßt die Gitter herab:
Musikanten sind in der Stadt!
Die plündern den Keller, das Lager zerfällt,
Die feilschen und fordern Rabatt
Und zu guter Letzt samt der Kasse das Geld:
Musikanten sind in der Stadt!
Erbarmen, Musikanten sind in der Stadt!"



Irgendwann hört der Regen damit auf, auf den Bühnenboden zu trommeln. Jetzt aber rasch, denn die Generalprobe soll pünktlich um acht beginnen. Die Nachbarn der alten Villa sind eingeladen, als Entschädigung für den Lärm an den vergangenen Wochenenden sozusagen. Es kommt also zum ersten mal reguläres Publikum. Alles muss ganz schnell gehen, deshalb fasse ich selbstverständlich mit an: Kulissen aufbauen, Bühne und Stuhlreihen trocknen. Tontechnik und Scheinwerfer werden herbeigeschleppt und angeschlossen. Die Schauspieler schlüpfen in ihre Kostüme, für die Maske bleibt keine Zeit. Und schon geht es los: Vivaldi tönt aus den Lautsprechern, die ersten drei Akte gehen reibungslos über die Bühne. Eine Pause, die Akte vier und fünf dann mit Scheinwerferlicht, denn inzwischen ist es dunkel. In der ganzen Zeit fotografiere ich nicht, denn ich habe bereits alles aus verschiedenen Perspektiven gesehen und abgelichtet. Ich brauche nur noch ein einziges Bild: Ich hoffe darauf, die Kamera nach der letzten Szene mit einem Fischauge bestückt in der Mitte des Bühnenhintergrunds aufstellen zu können. Ich möchte die Schauspieler in einer Reihe aufgestellt bei der Verbeugung ablichten, im Gegenlicht der Scheinwerfer. Dadurch hätte ich eine Aufnahme aus ihrer Perspektive: Mit dem Gesicht zum Publikum, welches man aber wegen des gleißenden Lichts nicht sehen kann.


"Bürger, bringt euch in Sicherheit,
Legt die Schrotflinten an:
Musikanten sind in der Stadt!
Macht Schwefel und Pech bereit,
Und dann rette sich wer kann:
Musikanten sind in der Stadt!
Die schänden Eure Frauen und Töchter alsbald,
Doch nicht nur was Röcke an hat,
Die machen auch vor Greis und Haustier nicht halt!
Musikanten sind in der Stadt!
Erbarmen, Musikanten sind in der Stadt!"



Jean-Baptiste Poquelin war im Frankreich des 17. Jahrhunderts ein solcher Wanderschauspieler. Er kam allerdings freiwillig und aus Leidenschaft zur Bühne, nicht aus Not. Die Wandertruppe, der er sich anschloss, hatte wohl reiche Gönner, deshalb waren ihre Mitglieder vermutlich nie auf krumme Touren angewiesen. Trotzdem ging ihnen irgendwann doch das Geld aus, und so landete Poquelin vorübergehend im Schuldturm. Doch er kam wieder frei, stieg innerhalb der Gruppe rasch auf und schrieb sogar eigene Stücke. Unter anderem auch "L'Étourdie ou Les Contretemps" ("Der Tolpatsch oder die Querstreiche"), eine in Versen verfasste Komödie im Stil der italienischen Comedia dell'arte. Immerhin 13 Jahre wanderte er umher, bis er schließlich in Paris unter dem Namen Molière erfolgreich wurde. Seine Komödie vom tollpatschigen jungen Mann, der sich in eine Sklavin verliebt und sich ohne seinen pfiffigen Diener nicht zu helfen weiß, wurde immer wieder aufgeführt, unter anderem 1973 von einer Gruppe unbekannter Laienschauspieler in Neustadt an der Weinstraße. Und eben diese Schauspielgruppe, inzwischen natürlich in anderer Besetzung, lässt es mit mit der ungereimten Übersetzung der Bühnenstücks unter dem Namen "Der Knallkopf" 38 Jahre später wieder so richtig krachen.





"Oh, Heiliger Barnabas,
Schutzpatron dieser Stadt,
Musikanten sind vor dem Tor!
Zerschlag Geige und Kontrabaß,
Die Trompeten walz platt:
Musikanten sind vor dem Tor!
Oh, schütz uns vor Sturmesflut, Feuer und Wind,
Vor Pest und vor Epidemien
Und vor Musikanten, die auf Reisen sind,
Oder laß mich mit ihnen ziehn!"


Während das Stück seinem Ende zustrebt, setzt der Regen wieder ein. Erst nieselt es nur, dann, innerhalb weniger Minuten, schüttet es wie aus Eimern. Es kann gerade noch die letzte Szene zu Ende gespielt werden, dann muss sofort gehandelt werden: Zuerst im Licht der Bühnenscheinwerfer die Kulissen retten, damit die Farbe nicht abgewaschen wird. Dann so schnell wie möglich die technischen Geräte sichern. An mein sorgfältig ausgedachtes Finalebild denke ich keine Sekunde mehr. Aber was soll's? Mache ich es eben im nächsten Jahr.


Sehens- und Lesenswert in diesem Zusammenhang:


Die Strophen des bekannten Liedes "Musikanten sind in der Stadt" entstammen der Feder von Reinhard Mey.


Nachtrag:
Zu dem von mir so herbeigesehnten Schlussbild ist es dann bei einer der späteren Aufführungen doch noch gekommen. Es sieht so aus:

Samstag, 14. Mai 2011

10. Die alte Villa

Ich streife durch die Straßen meiner Stadt, und dieses mal bin ich nicht ziellos: Ich passiere den wiederbelebten Teil des Speyerbachs, biege um die Ecke und stehe nach einer weiteren Straßenüberquerung vor einem riesigen, schmiedeeisernen Tor. Im alten Park der Villa Böhm möchte ich heute Bilder machen. Eine Kollegin hat mich dazu eingeladen. Heute gibt es hier etwas ganz besonderes zu fotografieren. Als seien die Villa selbst und der sie umgebende Park nicht schon besonders genug. Nicht der überdimensionale Harlekin interessiert mich heute, der mit stolzgeschwellter Hose seine Boxhandschuhfäuste zur Siegerpose gen Himmel reckt. Auch die mächtigen, über 100 Jahre alten Sequoias lasse ich links liegen. Ich gehe weiter, immer weiter in die alte Parkanlage hinein.


1886 entwarf der renomierte Landauer Architekt Ludwig Levy die Villa im Stil der Neorenaissance für Adolf Dacqué. Levy baute überwiegend Synagogen, repräsentative Wohnhäuser und Vereinsheime, aber auch eine Kirche. Der Bankier Dacqué musste für seine Dienste tief in die Tasche greifen: 450.000 Mark soll das prächtige Bauwerk damals gekostet haben. Die Schule in der ich heute arbeite wurde nur wenige Jahre später für 300.000 Mark errichtet. Im Vergleich zur Villa Böhm geradezu ein Schnäppchen. Nur um das richtig einzuordnen: Der Salär für einen Schulmeister betrug in dieser Zeit 1.200 Mark. Im Jahr! 1900 ging das Anwesen dann in den Besitz der Weinhändlerfamilie Hoch über. Als 1907 eine Tochter der Familie den Weinhändler Georg Böhm heiratete und mit ihm gemeinsam hier einzog, änderte sich nicht nur der Name des Mädchens, sondern auch der des Hauses: Aus Fräulein Hoch wurde Frau Böhm, und das Gebäude heißt seitdem Villa Böhm.


Auf der schönen Terrasse steht ein älterer Herr mit einem Gehstock. Eigentlich könnte der mit seiner Halbglatze und seinem Bart ganz sympathisch wirken. Ein netter Großvater von nebenan eben. Wenn er nicht die ganze Zeit auf einen vor ihm auf dem Boden liegenden jungen Mann eindreschen würde. Mal schlägt er ihm mit dem Stock mit voller Wucht die Beine unter dem Leib weg, mal pufft er ihn mit der Spitze der Gehhilfe in den Bauch, wenig später reißt er dem Jüngling brutal am Ohr. Was ist denn da los? Und warum wehrt sich der Jüngere nicht? Er wirkt auf mich kerngesund und sein durchtrainierter Körper sieht aus wie der eines antiken Halbgotts. Mit dem prügelnden und schimpfenden Weißhaarigen würde er sicher spielend fertig. Aber stattdessen lässt er sich weiter verdreschen, windet sich laut schreiend und lamentierend auf dem Boden während der Alte ihn ebenso laut beschimpft und dabei immer weiter mit dem Knüppel drangsaliert. Um die beiden herum stehen mehrere Leute verschiedenen Alters, schrauben gelassen an Holzaufbauten herum und nehmen keine Notiz von der Züchtigung. Meine Kollegin beobachtet das Treiben seelenruhig von einer Parkbank aus. Dafür gibt es nur eine Erklärung: Die Neustadter Schauspielgruppe probt ihr neuestes Stück.


Die Villa Böhm wurde schließlich im Jahr 1935 von der Stadt Neustadt erworben. Ein gewisser Josef Bürckel sollte in Zukunft hier wohnen und arbeiten. Herr Bürckel war ein Kollege von mir. Als Volksschullehrer hat er seinerzeit Kindern im heutigen Ortsteil Mußbach das Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht. Nun hatte die Stadt Neustadt aber nicht vor, meinen Kollegen in der Villa Böhm Kinder unterrichten zu lassen. Herr Bürckel hatte in den vergangenen Jahren Karriere gemacht und dabei auf das richtige Pferd gesetzt. Er war längst nicht mehr Lehrer, sondern er war inzwischen zum Leiter des Gaus Saarpfalz aufgestiegen. Und als solcher benötigte er natürlich repräsentative Wohn- und Arbeitsräume. Und die gibt es in der Villa Böhm. Von hier aus plante er dann wohl auch für Adolf Hitler die Deportation der jüdischen Bevölkerung der späteren Westmark. Dieser Deportation fiel ironischerweise auch die Witwe des Architekten zum Opfer, der viele Jahre zuvor die Villa Böhm gebaut hatte. Flora Levy verstarb 1942 im Alter von 74 Jahren im Konzentrationslager Theresienstadt. Die Synagogen, die von Levy einst entworfen wurden, verbrannte der braune Mob in der so genannten Kristallnacht im Jahr 1938. Und so ist ausgerechnet die ehemalige Residenz des Gauleiters Bürckel eines der wenigen verbliebenen Zeugnisse vom Schaffen des jüdischen Architekten Ludwig Levy.


 Zunächst habe ich gewisse Hemmungen, während einer Theaterprobe zu fotografieren. Ich möchte mit dem Auslösergeräusch nicht die Konzentration der Akteure stören. Aber meine Kollegin ermuntert mich: "Du störst nicht!" versichert sie, "Die WOLLEN fotografiert werden!". Als schließlich eine Darstellerin zum ersten Mal das Make-Up ausprobiert, das sie während der Vorstellung um mindestens 40 Jahre altern lässt, beginne ich, ihr das zu glauben. Die junge Frau verwandelt sich vor meinen Augen durch Maske, Körperhaltung und Bewegungen in eine schrullige alte Schachtel, und diese posiert dann regelrecht für mich. Ich bin hingerissen von der falschen Greisin. Und irgendwann bei meinem zweiten Probenbesuch brennt bei mir eine Sicherung durch. Ich fotografiere wie im Rausch. Will jede große Geste einfangen, jeden Stunt und jede hochgezogene Augenbraue. Mit der Zeit traue ich mich näher an das Geschehen heran und bewege mich zwischen den Schauspielern und um sie herum. An diesem einen Wochenende drücke ich über 500 mal auf den Auslöser. Dabei erlebe ich ganz nebenbei, wie Theaterarbeit funktioniert. Ich begreife, dass sich die Akteure zusammen mit der Regisseurin das Stück mühevoll erarbeiten. Jede Bewegung wird besprochen und diskutiert, jede Veränderung der Stimme zig mal geprobt. Was bei einer Aufführung am Ende so spielerisch wirkt, ist in Wirklichkeit hart erarbeitet während endlos erscheinender Proben.


Inzwischen kenne ich Teile des Stücks auswendig. Doch ich freue mich sehr auf die Aufführung. Ich bin äußerst gespannt, wie alles zusammenwirkt. Der Neustadter Schauspielgruppe bin ich sehr dankbar für diese tolle Gelegenheit, sie bei den Proben beobachten und fotografieren zu dürfen.


Lesens- und sehenswert in diesem Zusammenhang: