Samstag, 4. Oktober 2008

2. Der Weg nach Speyerbrunn

Ich streife durch meine Gegend und dieses Mal tue ich das besonders gerne - auf nur zwei Rädern. Zwischen meinen Beinen grummelt und brummelt der 1100er V2-Motor meines Moppeds - ein dicker, gemütlicher Sessel mit einer ganzen Herde Pferde drin. Ich zuckele gemächlich durch das Elmsteiner Tal, an mir ziehen langsam Häuser aus rotem Sandstein vorbei, dann der entzückende Speyerbach mit seinen Mäandern in blumigen Wiesen und dann Wald mit mächtigen Bäumen. Es duftet hinreißend nach Harz, gerade so, als habe der liebe Gott ein Parfüm aus Kiefern, Douglasien und Fichten kreiert und dann über dem Pfälzerwald ausgegossen. Es ist warm, der Himmel ist blau wie Tinte. Ab und zu kommt mir ein anderes Mopped Marke "japanischer Joghurtbecher mit möglichst vielen Zylindern und möglichst vielen Pferden" entgegen oder überholt mich quengelnd mit kreischendem Motor. Wenn sie sich nähern kreischen die Motoren mit einer höheren Frequenz als wenn sie sich von mir entfernen. Doppler-Effekt wie aus dem Physikbuch.



Wer das Elmsteiner Tal kennt weiß, dass das nicht ganz ungefährlich ist. Das Tal ist wunderschön, aber auch kurvenreich und stellenweise recht unübersichtlich. Wer da mit dem Motorrad durchbraust, der lebt selbst dann gefährlich, wenn er seine Maschine perfekt beherrscht. Man weiß nie, was in der nächsten Kurve herumliegt oder -steht und einen zum Hinfallen bringt: eine handvoll Kiefernzapfen vielleicht, die ein besonders potenter Baum in die weite Welt hinaus geschickt hat, um neue Wälder zu gründen, oder ein paar Klumpen Erdreich, vom Anhänger eines Treckers gefallen, ein Stück Baumstamm, von einem der zahllosen Holzlaster gekullert oder einfach nur ein Mopped mit einer Panne. Und dann ist guter Rat teuer. Deshalb hat sich die Kreisverwaltung schon vor Jahren entschlossen, diese Strecke während der Motorradsaison am Wochenende für Motorradfahrer zu sperren, um größeres Unheil zu verhindern. Gerade an Wochenenden reisten nämlich früher von weit her die Kurventouristen mit den Saisonkennzeichen an, um dann im Elmsteiner Tal so richtig die Sau rauszulassen. Viele Tote und noch mehr Verletzte hat es damals gegeben. Mitlerweile gilt diese Einschränkung Gerüchten zufolge sogar ganzjährig. Ich vermute einen Zusammenhang mit der globalen Erwärmung: Wenn die Winter immer milder werden, melden immer weniger Kurvenfetischsten ihren Hobel in dieser Jahreszeit ab. Also muss man auch im Winter sperren.


Bisher war mir das egal. Mich am Wochenende in Motorradpulks durch enge Kurven zu schlängeln ist sowieso nicht meins, also würde ich auch ohne Sperrung der Strecke sicher nicht an Wochenenden ins Elmsteiner Tal fahren. Inzwischen hat sich für mich allerdings die Ausgangssituation geändert. In einem Internetforum fand ich ganz zufällig meinen alten Schulfreund Andrew wieder, den ich völlig aus den Augen verloren hatte. Und wie es der Zufall will, wohnt Andrew im lauschigen Speyerbrunn, ganz in der Nähe der Quelle des Speyerbachs. Und der Speyerbach entspringt, wie jeder Pfälzer weiß, in eben diesem Tal, das ich an Wochenenden nicht durchfahren darf.

"Kein Problem!" wird der geneigte Leser vielleicht jetzt sagen "Dann nimm doch unter der Woche Dein Mopped, und an Wochenenden das Auto, wenn Du Deinem Freund einen Besuch abstatten möchtest."
"Eben doch ein Problem." müsste ich in so einem Fall antworten. Ich gehöre schon seit über zwanzig Jahren zu jenen hartnäckigen Autoverweigerern, die sich ihr Leben weitgehend so einzurichten versuchen, dass sie kein Auto benötigen. Ich wohne immer in der Stadt, in der ich auch arbeite, achte bei der Auswahl meiner Wohnungen auf ausreichende Einkaufsmöglichkeiten sowie Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr in fussläufiger Entfernung. Und wenn es zu Fuß einmal nicht geht, dann nehme ich Fahrrad, Taxi, Bahn oder eben seit einigen Jahren das Motorrad. Summasummarum ist das viel billiger als der Unterhalt eines Autos und es bleibt viel Geld übrig für spaßigere Dinge als die Suche nach einem Parkplatz. Und ein gutes Gewissen wegen der globalen Erwärmung hat man auch.
Ein freundlicher Polizist auf der Neustadter Polizeidienststelle erklärt mir, dass ich im Bedarfsfall eine Sondergenehmigung bei der Kreisverwaltung Bad Dürkheim beantragen kann. Was er mir nicht gesagt hat ist, dass diese Sondergenehmigung 140 Euro kosten soll. So hat es mir ein Bekannter mit Motorrad und Wochenendhaus im Tal glaubhaft versichert. Also haben wohl nicht so viele Motorradfahrer eine solche Ausnahmegenehmigung. Ich natürlich auch nicht.

Es bleibt ja immer noch der öffentliche Nahverkehr, um meinen Freund Andrew am Wochenende besuchen zu fahren. Die Fahrplanauskunft der deutschen Bahn verschafft mir dann Klarheit über den Zustand des öffentlichen Personennahverkehrs im Pfälzer Wald: entweder fahre ich nachts ab 1.15 Uhr mit einem Ruftaxi, das dauert dann etwa eine halbe Stunde. Oder ich nehme eine Verbindung um 8.32 Uhr, die führt mich in einem abenteuerlichen Zickzackkurs über Hochspeyer und Johanniskreuz (zwei Stunden Fahrzeit, zwei mal Umsteigen, nur Mittwochs und Sonntags). Um 13.32 Uhr wäre dann noch eine Möglichkeit, die raumgreifende Umwegstrecke zu benutzen, da bin ich dann aber glatte drei Stunden unterwegs (ebenfalls nur Mittwochs und Sonntags).

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich werde heute mal einen Taxifahrer fragen, was der reguläre Fahrpreis zu einer für Hausbesuche üblichen Tageszeit am Wochenende ist. Ich fürchte nur, dass ich für das Geld, was mich dann ein oder zwei Wochenendbesuche in Speyerbrunn kosten würden, locker die Ausnahmegenehmigung und mehrere Tankfüllungen für's Mopped bezahlen kann.

Kommentare: