Freitag, 21. November 2008

4. Das Café in der Baustelle

Ich streife an einem Tag in den Herbstferien durch meine Küche...

Ja! Ich habe das Verb "streifen" ganz bewusst gewählt. Der Blog heißt "Streifzüge". Ich kann ihn ja schlecht für jede Folge umbenennen. Welches Verb hätte denn Ihrer Meinung nach besser gepasst? Schleichen? Schlurfen? Trotten? Gehen? Laufen? Rennen? Rasen? Marschieren? Trampeln? Wuseln? Staksen? Flanieren? Stolzieren? Schreiten? Hopsen? Schlendern? Tänzeln?


Das ist immer noch mein Blog. Hier kann ich Verben einsetzen, wie ich das für nötig...
Moment mal! Was tue ich eigentlich hier auf der Metaebene?

Das Beste wird sein, wenn ich einfach noch einmal von vorne anfange:

Ich streife also an einem Tag in den Herbstferien durch meine Küche und bin auf der Suche nach etwas Essbarem für ein Frühstück. Die Milch ist abgelaufen, kein Kaffee mehr da und das Brot ist auch verschimmelt. Na Bravo! Da bietet sich natürlich ein Besuch in meinem Lieblingscafé an. Das liegt an einer hübschen Straßenecke in den Räumlichkeiten einer uralten ehemaligen Drogerie. Dort gibt es sehr leckere Ciabattabrötchen. Die werden appetitlich mit Käse belegt und mit einer Gurkenscheibe sowie einer Tomatenecke obendrauf dekoriert. Da sitzt man auf gemütlichen Plätzen in der Sonne und wird von sehr pfiffigen, freundlichen Kellnerinnen betüdelt, die zudem auch noch mindestens so nett anzusehen sind wie die Brötchen mit den Tomatenecken obendrauf. Ein Genuß! Alla hopp: Buch unter den Arm klemmen, Ipod und Sonnenbrille einstecken und auf geht's. Während der paar Schritte zu meinem Café überlege ich noch, ob ich mir nicht irgendwann einmal den Spaß erlauben soll, morgens unrasiert und in Bademantel und Pantoffeln dort aufzutauchen. Nach kurzem Überlegen entscheide ich mich aber dann doch gegen ein solches Vorhaben. Eigentlich mag ich meinen Beruf sehr. Und ich bin überhaupt nicht darauf erpicht, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses vorzeitig pensioniert zu werden. Außerdem möchte ich dem freundlichen Caféhausbetreiber und seinem sympatischen Personal diesen Anblick lieber nicht zumuten. Kichernd komme ich an.

Genau genommen komme ich nur fast an. Ich muß erst einmal sehen, welchen Weg ich heute nehmen kann. An meinem Café befindet sich eine große, laute Baustelle. Sie bewegt sich seit mehreren Monaten - gefühlte zehn Jahre - um mein Café herum. Sie wandert im Zeitlupentempo durch die Straße. Bald werden hier die Betonplatten abgetragen, bald dort der Asphalt aufgerissen. Dann werden Löcher gegraben, die plötzlich voll Wasser laufen. Riesige Pumpen werden aufgestellt, um die Löcher wieder leer zu pumpen. Löcher werden geschlossen, um sie am nächsten Tag bienenfleißig erneut aufzubuddeln. Verstehen kann ich das nicht.



Zwischendurch hat die Baustelle einmal in ihrer Bewegung einen scharfen Knick nach rechts gemacht und plötzlich war mein Café regelrecht umzingelt. Immerhin wurde jetzt an zwei Enden gleichzeitig gebaut: an einem Ende wurde weiter gebuddelt, am anderen wurden neue Pflastersteine verlegt - ein Lichtblick! Ist hier etwa ein Ende abzusehen? Der tapfere Wirt hat dann in seiner Verzweiflung ein Stück der Straße zurückerobert, indem er Tische und Stühle einfach mitten in der Baustelle platzierte. Blumenkästen an die Absperrbaken, große Pflanzenkübel als Sichtschutz dazu - war richtig gemütlich. Leider konnte das den Umsatz auch nicht mehr retten, denn die Tische waren von außerhalb der Baustelle ja kaum zu erkennen. Der bedauernswerte Gastronom hat mir einmal erzählt, wieviel er inzwischen von seinem Privatkonto zuschießen musste, nur um die laufenden Kosten zu decken. Das fand ich ziemlich erschreckend. Für ihn wäre es vermutlich billiger, wenn er das Geschäft für die Dauer der Bauarbeiten schließen würde. Aber dann wären die Stammkunden weg. Und auch das tolle Personal.

Die Arbeiter machen sich offensichtlich einen Spaß daraus, mit ihren Absperrbaken jeden Tag aufs neue lustige Labyrinthe zur Erbauung der Touristen aufzubauen. Die Touristen finden das bestimmt auch ganz toll. Deshalb muss sich ein Gast in meinem Café bei jedem Besuch neu orientieren, wie er das Café betreten kann und wo eventuell Tische im Freien aufgestellt sind.



Ich orientiere mich also erst einmal: Aha! Links geht es an dem großen Bagger vorbei der gerade wieder ein neues Loch aushebt. Sehr interessanter Platz für ein Loch. "Guten Morgen, die Herren!" grüße ich die ruhelosen Bauarbeiter fröhlich. Die können natürlich nicht in dem engen Loch arbeiten, während der Bagger darin baggert. Das wäre viel zu gefährlich! Also stehen sie neben dem Loch und beobachten aufmerksam den Bagger beim Baggern. Der Lastwagenfahrer hat seinen riesigen LKW gekonnt in die enge Baustelle rangiert. Hut ab! Ich hätte das mit so wenig Platz nicht hinbekommen. Auch er hat im Augenblick nichts zu tun. Er sitzt in seinem Führerhaus, trinkt ironischerweise Kaffee und liest dabei konzentriert die "Bild". Ab und zu schaut auch er mit kritischer Mine nach dem Bagger der ihm den Kipper mir Aushub füllt.

Ich finde einen freien Tisch im schon gepflasterten Bereich. In einiger Entfernung zu meiner Linken malträtiert ein fleißiger Arbeiter den Grenzbereich zwischen neuem Pflaster und altem Asphalt mit einem martialisch aussehenden Gerät. Es erinnert mich sehr an diese futuristischen Waffen mit denen Sigourney Weaver in den Alien-Filmen immer die fiesen Monster in Stücke geschossen hat und es erzeugt ein infernalisches Getöse. Von rechts dröhnt der Bagger. Schnell die Kopfhörer auf und dann Rammstein - so laut wie es geht! Das übertönt zwar nicht die Baustelle, passt aber von der Stimmung her ganz gut. Die Kakophonie, die dadurch in meinem Kopf entsteht erweckt in mir die Vorstellung der vier apokalyptischen Reiter, die vom Himmel herabgestiegen sind, um den Untergang der Welt zu verkünden: Tod spielt die Gitarre, Krieg das Schlagzeug, am Bass hören wir Hunger und an den Keyboards heute ausnahmsweise einmal Umweltverschmutzung. Der ist für seinen Vetter Pestilenz eingesprungen. Der kann heute nicht. Der ist krank.

Ich vertiefe mich sofort in meinen historischen Roman. Da wird gerade jemand erschlagen, und das wird in dem Roman recht drastisch geschildert. Die waren ja auch nicht gerade zimperlich im Mittelalter! Noch bevor ich über die praktische Anwendung des Gelesenen auf mein aktuelles Lärmproblem weiter nachdenken kann, stellt mir die sympatischste aller Serviererinnen freundlich lächelnd einen frisch gepressten Orangensaft, ein appetitlich dekoriertes Brötchen und einen dampfenden Milchkaffee hin. Gefragt hat sie mich nicht. Das wäre bei dem Spektakel auch nicht möglich gewesen. Heute bin ich ihr dankbar dafür, dass sie mich in Ruhe gelassen hat - ich bin irgendwie komisch drauf. Ich strahle sie dankbar an, schalte den Ipod dann doch lieber aus und wende mich der Tageszeitung zu. Das Feulliton ist viel friedlicher als der blutrünstige Roman. Und die versöhnlichen Gedanken die ich beim Lesen des Feullitons entwickle passen dann auch besser zu dem appetitlich dekorierten Brötchen. Und zu der netten Kellnerin.