Samstag, 14. Mai 2011

11. Die alte Villa

Ich streife durch die Straßen meiner Stadt, und dieses mal bin ich nicht ziellos: Ich passiere den wiederbelebten Teil des Speyerbachs, biege um die Ecke und stehe nach einer weiteren Straßenüberquerung vor einem riesigen, schmiedeeisernen Tor. Im alten Park der Villa Böhm möchte ich heute Bilder machen. Eine Kollegin hat mich dazu eingeladen. Heute gibt es hier etwas ganz besonderes zu fotografieren. Als seien die Villa selbst und der sie umgebende Park nicht schon besonders genug. Nicht der überdimensionale Harlekin interessiert mich heute, der mit stolzgeschwellter Hose seine Boxhandschuhfäuste zur Siegerpose gen Himmel reckt. Auch die mächtigen, über 100 Jahre alten Sequoias lasse ich links liegen. Ich gehe weiter, immer weiter in die alte Parkanlage hinein.


1886 entwarf der renomierte Landauer Architekt Ludwig Levy die Villa im Stil der Neorenaissance für Adolf Dacqué. Levy baute überwiegend Synagogen, repräsentative Wohnhäuser und Vereinsheime, aber auch eine Kirche. Der Bankier Dacqué musste für seine Dienste tief in die Tasche greifen: 450.000 Mark soll das prächtige Bauwerk damals gekostet haben. Die Schule in der ich heute arbeite wurde nur wenige Jahre später für 300.000 Mark errichtet. Im Vergleich zur Villa Böhm geradezu ein Schnäppchen. Nur um das richtig einzuordnen: Der Salär für einen Schulmeister betrug in dieser Zeit 1.200 Mark. Im Jahr! 1900 ging das Anwesen dann in den Besitz der Weinhändlerfamilie Hoch über. Als 1907 eine Tochter der Familie den Weinhändler Georg Böhm heiratete und mit ihm gemeinsam hier einzog, änderte sich nicht nur der Name des Mädchens, sondern auch der des Hauses: Aus Fräulein Hoch wurde Frau Böhm, und das Gebäude heißt seitdem Villa Böhm.


Auf der schönen Terrasse steht ein älterer Herr mit einem Gehstock. Eigentlich könnte der mit seiner Halbglatze und seinem Bart ganz sympathisch wirken. Ein netter Großvater von nebenan eben. Wenn er nicht die ganze Zeit auf einen vor ihm auf dem Boden liegenden jungen Mann eindreschen würde. Mal schlägt er ihm mit dem Stock mit voller Wucht die Beine unter dem Leib weg, mal pufft er ihn mit der Spitze der Gehhilfe in den Bauch, wenig später reißt er dem Jüngling brutal am Ohr. Was ist denn da los? Und warum wehrt sich der Jüngere nicht? Er wirkt auf mich kerngesund und sein durchtrainierter Körper sieht aus wie der eines antiken Halbgotts. Mit dem prügelnden und schimpfenden Weißhaarigen würde er sicher spielend fertig. Aber stattdessen lässt er sich weiter verdreschen, windet sich laut schreiend und lamentierend auf dem Boden während der Alte ihn ebenso laut beschimpft und dabei immer weiter mit dem Knüppel drangsaliert. Um die beiden herum stehen mehrere Leute verschiedenen Alters, schrauben gelassen an Holzaufbauten herum und nehmen keine Notiz von der Züchtigung. Meine Kollegin beobachtet das Treiben seelenruhig von einer Parkbank aus. Dafür gibt es nur eine Erklärung: Die Neustadter Schauspielgruppe probt ihr neuestes Stück.


Die Villa Böhm wurde schließlich im Jahr 1935 von der Stadt Neustadt erworben. Ein gewisser Josef Bürckel sollte in Zukunft hier wohnen und arbeiten. Herr Bürckel war ein Kollege von mir. Als Volksschullehrer hat er seinerzeit Kindern im heutigen Ortsteil Mußbach das Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht. Nun hatte die Stadt Neustadt aber nicht vor, meinen Kollegen in der Villa Böhm Kinder unterrichten zu lassen. Herr Bürckel hatte in den vergangenen Jahren Karriere gemacht und dabei auf das richtige Pferd gesetzt. Er war längst nicht mehr Lehrer, sondern er war inzwischen zum Leiter des Gaus Saarpfalz aufgestiegen. Und als solcher benötigte er natürlich repräsentative Wohn- und Arbeitsräume. Und die gibt es in der Villa Böhm. Von hier aus plante er dann wohl auch für Adolf Hitler die Deportation der jüdischen Bevölkerung der späteren Westmark. Dieser Deportation fiel ironischerweise auch die Witwe des Architekten zum Opfer, der viele Jahre zuvor die Villa Böhm gebaut hatte. Flora Levy verstarb 1942 im Alter von 74 Jahren im Konzentrationslager Theresienstadt. Die Synagogen, die von Levy einst entworfen wurden, verbrannte der braune Mob in der so genannten Kristallnacht im Jahr 1938. Und so ist ausgerechnet die ehemalige Residenz des Gauleiters Bürckel eines der wenigen verbliebenen Zeugnisse vom Schaffen des jüdischen Architekten Ludwig Levy.


 Zunächst habe ich gewisse Hemmungen, während einer Theaterprobe zu fotografieren. Ich möchte mit dem Auslösergeräusch nicht die Konzentration der Akteure stören. Aber meine Kollegin ermuntert mich: "Du störst nicht!" versichert sie, "Die WOLLEN fotografiert werden!". Als schließlich eine Darstellerin zum ersten Mal das Make-Up ausprobiert, das sie während der Vorstellung um mindestens 40 Jahre altern lässt, beginne ich, ihr das zu glauben. Die junge Frau verwandelt sich vor meinen Augen durch Maske, Körperhaltung und Bewegungen in eine schrullige alte Schachtel, und diese posiert dann regelrecht für mich. Ich bin hingerissen von der falschen Greisin. Und irgendwann bei meinem zweiten Probenbesuch brennt bei mir eine Sicherung durch. Ich fotografiere wie im Rausch. Will jede große Geste einfangen, jeden Stunt und jede hochgezogene Augenbraue. Mit der Zeit traue ich mich näher an das Geschehen heran und bewege mich zwischen den Schauspielern und um sie herum. An diesem einen Wochenende drücke ich über 500 mal auf den Auslöser. Dabei erlebe ich ganz nebenbei, wie Theaterarbeit funktioniert. Ich begreife, dass sich die Akteure zusammen mit der Regisseurin das Stück mühevoll erarbeiten. Jede Bewegung wird besprochen und diskutiert, jede Veränderung der Stimme zig mal geprobt. Was bei einer Aufführung am Ende so spielerisch wirkt, ist in Wirklichkeit hart erarbeitet während endlos erscheinender Proben.


Inzwischen kenne ich Teile des Stücks auswendig. Doch ich freue mich sehr auf die Aufführung. Ich bin äußerst gespannt, wie alles zusammenwirkt. Der Neustadter Schauspielgruppe bin ich sehr dankbar für diese tolle Gelegenheit, sie bei den Proben beobachten und fotografieren zu dürfen.


Lesens- und sehenswert in diesem Zusammenhang: