Dienstag, 19. Mai 2026

32. Die große Stadt

Ich streife durch mein Viertel. Es ist noch früh am Morgen und die Sonne scheint. Die Temperaturen sind angenehm. Trotzdem schwitze ich im T-Shirt schon ganz ordentlich. Die Einheimischen hingegen tragen fast alle dünne Jacken oder leichte Mäntel. Dies ist sozusagen die Stadt der Übergangsjacken. Die werden schon wissen, warum. Mir ist das Latte, ich schwitze. Ging mir schon immer so. Andere frieren und frösteln, mir ist es zu warm. Selbst, als ich noch ein dürrer Hering war - darauf kommen wir später noch einmal zurück. Heutzutage verschärft sich die Situation durch meine inzwischen erhebliche, schwer auszukühlende Körpermasse. Dabei hat der Sommer noch nicht einmal angefangen. Wir schreiben das Jahr 2026, es ist Dienstag, der 19. Mai und ich bin schockverliebt. Ich bin völlig vernarrt in diese Stadt. Dabei habe ich die Speicherstadt und die Hafencity noch nicht ein einziges Mal verlassen. Himmel ist das zauberhaft hier. Hamburg: Du bist meine große Liebe.

„Augenblick mal!“ Eine innere Stimme meldet sich in fragendem und fast vorwurfsvollem Tonfall: „Ende Mai - kurz vor Pfingsten? Müsstest du da nicht in der Schule auf Hochtouren laufen? Kursarbeiten, HÜ’s und einzusammelnde Hausaufgaben? Nach Pfingsten bleibt nicht mehr viel Zeit bis zum Noteneintrag. Und dann kommt ja möglicherweise noch eine Hitzewelle mit Kurzstunden, die die weitere Planung ganz unzuverlässig macht. Dazu Arbeitskreise zur Planung des nächsten Schulfestes oder der nächsten Projektwoche am Nachmittag, pädagogische Konferenzen, Elterngespräche, Sprechstunde und so ein Zeug. Wie kannst du jetzt in Hamburg abhängen?“

Nun - es ist so: In den letzten Jahren leide ich zunehmend unter Rückenbeschwerden. Skoliose. Wurde bei mir viel zu spät diagnostiziert und kann nicht mehr behandelt werden. Hinzu kommt exorbitant hoher Blutdruck, den ich wohl auch der Zusatztätigkeit am Vertretungsplan zu verdanken habe: Sitzende Bürotätigkeit und Dauerstress fordern ihren Tribut. Zugegeben: Mein Übergewicht trägt sicher auch seinen Teil dazu bei. 

Und dann sind da noch die Kinder: Während der Coronazeit wurde mir zunehmend klar, dass sie den Regierenden und der Verwaltung offensichtlich weitgehend egal sind. Wie man die Kinder in der Coronazeit behandelt hat, war mehr als schäbig. Das werde ich den zuständigen Menschen nie verzeihen. Ist man erst einmal in diese Richtung sensibilisiert, hört man irgendwann auf, Dinge in der Schule auszublenden, die man bisher ignoriert hat: Die seit Jahrzehnten undichten Fenster, die schlecht funktionierende Heizung, der ekelhafte Zustand der Toiletten, die Gleichgültigkeit der Verwaltung, wenn eine Baustelle mal wieder über zwei Jahre lang Teile des Schullebens lahmlegt oder den ohnehin schon viel zu kleinen Schulhof halbiert oder Lärm erzeugt, der Abiturklausuren stört. Mal fällt der Strom aus, mal das Internet, mal regnet es durchs Dach in mehrere Klassenräume, die dann wochenlang nicht benutzt werden können und, und, und. 

Und anstatt dass sich irgendjemand mal um diese ganz elementaren Probleme kümmert, damit wir Lehrer einfach nur unsere Arbeit machen können und damit die Kinder mit der Schule einen Ort haben, in dem sie sich zurecht finden und sich geborgen und sicher fühlen, wird von Seiten des Ministeriums alle paar Jahre eine neue Sau durchs Dorf getrieben: NaWi, AQS, Stundentafel wird geändert, MINT und Informatik in der Mittelstufe: Alle Nase lang werden neue Fächer erfunden für die niemand ausgebildet ist, fehlende Lehrerstunden von einem Fach auf das Nächste verschoben, es wird der Mangel nur verwaltet und kaschiert anstatt ihn zu beheben. Und so gärte es in mir. 

Als Vertretungsplaner wurde ich täglich mit dieser Mangelverwaltung konfrontiert - ich war Teil dieses Systems. Ich war immer der Erste, der es mitbekommen hat, wenn KollegInnen an diesem System zerbrochen sind. Zunächst häufen sich die Krankmeldungen - immer nur für ein paar Tage. Dann trudelt auf einmal eine Krankschreibung über vier Wochen ein die dann alle vier Wochen verlängert wird. Diese kommt zunächst vom Hausarzt, die Verlängerung irgendwann von einem Neurologen oder Psychologen. Ich hatte selber schon Burnout mit Depressionen. Ich erkenne das Muster - kann es riechen, wenn ein Kollege auf den Zusammenbruch zu rast. Es ist wie bei den Protagonisten aus „Interview mit einem Vampir“: sie erkennen einander, als gäbe es ein geheimes Zeichen, ein Stigma das nur die Betroffenen wahrnehmen können. Wie dieser Zusammenbruch dann aussieht, ob jemand heulend auf dem Flur vor der Klasse hockt, ob jemand Monate- oder gar jahrelang ausfällt oder ob jemand hyperaktiv immer weiter auf Verschleiß fährt, ist unterschiedlich. Aber gesund ist das nicht.

Ich habe dann einen Kassensturz gemacht: Die Besoldungsstelle hat mir meine Pensionsansprüche ausgerechnet, ich habe Lebens- und private Rentenversicherungen überschlagen und kam zu dem Schluß: Das tue ich mir nicht länger an. Um es kurz zu machen: Ende Juli 2025 wurde ich gemäß §39, Abs 1 Landesbeamtengesetz in den Ruhestand versetzt. Das war das schönste Papier meines Lebens und ich will es euch nicht vorenthalten.

Zurück nach Hamburg: Ich sitze in der Cafébar „Barbarossa“. Es perlt leichter Jazz aus den Lautsprechern - „easy listening“ nennt man das wohl - also quasi Fahrstuhlmusik. Ich trinke eine Zitronenlimonade und esse ein Fischbrötchen. Ich kenne meine Pflichten als Tourist in der Hansestadt! Matjes - und damit sind wir wieder beim Hering. Durch die großen Fenster sehe ich Touristen und Einheimische. Autos, halb offene Doppeldeckerbusse auf Stadtrundfahrt, Fahrräder auf sehr breiten, durchgehenden und an kritischen Stellen auch baulich vom restlichen Verkehr getrennten Fahrradspuren - geht doch! Schülergruppen werden von ihren Lehrern durch die Speicherstadt getrieben und zugetextet. Dabei könnten die jetzt auch im Miniaturwunderland ihren Spaß haben. Oder im „Hamburg Dungeon“, einer Art Gruselwachsfigurenkabinett. Theater und Musical gibt es hier auch, große Kinos und natürlich die Elbphilharmonie. 

Boah! Ist die schön!  Die Formensprache dieses Gebäudes haut mich echt um. Aber es war ja auch recht kostspielig. Wäre schade, wenn es dann kacke aussehen würde. In Wirklichkeit ist die Elbphilharmonie überwältigend! Der Sockel wurde errichtet unter Einbeziehung der entkernten Fassade eines alten Speichers und passt sich deshalb harmonisch und organisch ins Ensemble der Backsteingotik der Speicherstadt ein. Der oben aufgesetzte Teil glitzert in der Sonne und spiegelt den Himmel wider, als sei er ein Teil davon oder wenigstens transparent. Das Ding ist riesig (110 Meter hoch), aber es stört nicht, es ist vielmehr ein Schmuckstück! Ein Edelstein, der aus der Speicherstadt herausragt. Ich küsse den Boden, auf dem der Architekt gelaufen ist! Ich wusste nicht, dass das Gebäude so schön ist. Hier bekommt man als Steuerzahler noch etwas geboten für sein Geld. Man muss schon davor stehen, sonst erfährt man es nie. Schaut auf diese Stadt!

Ich bezahle - das geht hier selbstverständlich überall mit Karte. Bankautomat? Ich weiß jetzt schon nicht mehr, wie das geht. Mal schauen, ob im Fleetschlößchen noch ein Platz frei ist. Wir lesen uns später. (Denken Sie sich jetzt einfach 15 Minuten Pause.)

Es waren noch Plätze zu haben. Das ist selten, denn das Fleetschlößchen ist winzig. In seiner wechselvollen Geschichte war es einst eine Dienststelle des Zolls - die Speicherstadt war damals noch Teil des Freihafens. Später wurde es Feuerwache, dann Toilettenhäuschen und schließlich Kaffeebude für die Hafenarbeiter. Heute beherbergt es ein entzückendes Café, wo die Fischbrötchen noch besser sind als die im Barbarossa. Ich entscheide mich für Krabben. Das sind zwar eigentlich keine Fische, aber die sind auch lecker. Vom sprichwörtlichen „dürren Hering“ könnte ich jetzt nicht weiter entfernt sein. 

Kaum habe ich bestellt, wird der Laden überrannt. Ganze Touristengruppen fallen hier ein, es wird rappelvoll, in der offenen Küche zischt und brodelt es

„Räusper!“ Die innere Stimme quengelt wieder herum: „Du hast doch immer behauptet, dass du gerne unterrichtest. Dass du mit dem Lehrberuf deinen Traumjob gefunden hast. War das gelogen? Oder fehlt dir jetzt etwas?“ 

Mann! Versau’ mir doch nicht die Laune. Ja! Ich habe immer gerne unterrichtet. Mir fehlt etwas. Die Kinder fehlen mir. Auch die „Schwierigen“, die vielleicht sogar besonders. Die „Großen“ fehlen mir, diese fast erwachsenen, neugierigen Leute in der Oberstufe. Der Abschied von den Pubertanten aus der Mittelstufe reißen ein Loch in mein Herz. Es war immer so spannend, denen beim Erwachsenwerden zuzuschauen. Und die KollegInnen fehlen mir. Der Hausmeister, die Sekretärinnen, der Sozialarbeiter. Die netten Leute von der IT-Abteilung der Stadtverwaltung, mit denen ich gelegentlich dienstlich zu tun hatte. Mir fehlen sogar die Reinigungskräfte, die ich immer so gerne im Flur gegrüßt habe und die mir ihr Leid geklagt haben, wenn mal wieder eine neunte Klasse die Tische flächendeckend bemalt hatte. Danke für eure Arbeit. Was wären wir Lehrer in dem halb vergammelten Gebäude, wenn ihr nicht wenigstens für etwas Sauberkeit sorgen würdet?

Geld fehlt mir, denn die vorzeitige Pensionierung ist mit Abschlägen von den Pensionsbezügen verknüpft. Aber irgendwann habe ich mir die Frage gestellt: „Geld oder Leben?“ Willst du eine möglichst vollständige Pension, bist aber dann womöglich körperlich und psychisch so verschlissen, dass du davon nichts mehr hast? Oder verzichtest du auf ein paar Prozent, hast aber dann zwei Jahre mehr Zeit, noch etwas von Europa zu erkunden? Hamburg zum Beispiel. Oder Berlin. Oder Amsterdam, Paris, Gent, Straßburg, Montreux, Prag, Köln, Rom und, und, und. Es gibt noch so viel zu entdecken. Auch ohne Flugzeug. Der Lotse geht von Bord.

Morgen fahre ich wieder nach Neustadt. Ich bin noch so voller Eindrücke. Nach nur drei Tagen…

Das Herz geht einem über und man möchte weinen vor Glück!

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