Montag, 22. Juni 2026

33. Der große Bahnhof (2)

Ich streife durch den großen Bahnhof. Und wenn ich sage „groß“, dann meine ich das auch: 430 Meter im Quadrat, mehrere übereinander liegende Ebenen, acht Gleise in den beiden Tiefgeschossen, sechs im Obergeschoss, dazu noch mehrere Gleise für S- und U-Bahn. Von Außen sieht man halbtransparent spiegelndes Glas, Stahl und Aluminium. Kuben, Kuppeln, Glasdächer. Geil! Ich stehe auf hypermoderne Architektur.

Leider riecht es an meiner Bank an Gleis sieben des Berliner Hauptbahnhofs etwas nach Kanalisation. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wie Kanalisation riecht. Da hängt man ja auch nicht alle Tage ab. Stellen Sie sich vor, Sie lassen in Badewanne und Toilette die Siphone austrocknen, zum Beispiel während einer längeren Reise. Dann steigt der Geruch aus dem Abflussrohr ins Badezimmer auf. So riecht das.

Ich sitze auf der seitlich neben der Bank aufgehängten Gepäckablage, futtere meinen Obstsalat mit tropischen Früchten aus dem hiesigen Lebensmittelmarkt und denke über die vergangenen Tage nach: Himmel, war das schön! Bin schon lange nicht mehr in Berlin gewesen, zuletzt im Oktober 1989, also vor 37 Jahren. Wenige Wochen später ist die Mauer gefallen und Deutschland befand sich auf dem Weg zur Wiedervereinigung. Ich bekomme heute noch feuchte Augen, wenn ich darüber nachdenke. Was Andere aus ihren Geschichtsbüchern kennen, habe ich noch live in den Tagesthemen gesehen.

Doch der Reihe nach: Ich bin unter Anderem deshalb an einem ziemlich heißen Tag nach Berlin gefahren, weil ich eine befreundete Familie besuchen wollte. ER spielte um 19.00 Uhr in einem Theaterstück, das ich mir gerne angesehen hätte. Natürlich wollte ich auch nachsehen, was sich in den letzten Jahrzehnten in „meinem“ Berlin geändert hat, dazu aber später mehr.

Um dem geneigten Leser die Turbulenzen während der Fahrt zu veranschaulichen, gebe ich hier einfach mal den nur unwesentlich bearbeiteten WhatsApp-Chatverlauf wieder der zwischen IHM und MIR während der Fahrt entstanden ist:  

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(Die Zugprotokolle - Anfang)  

ER (9.38): Wir können dich auch vom Hotel abholen.

ICH (10.15): Schwierig: ich sitze noch nicht im ICE, und der hat schon zwei Stunden Verspätung. Ob ich den reservierten Sitzplatz bekomme, ist auch ungewiss, denn es wird ein anderes (kleineres) Fahrzeug kommen als geplant. Stand jetzt: Ankunft 18.10 Berlin Hbf. Ich halte euch auf dem Laufenden, sobald ich mehr weiß.

ER (10.31): Wir können dich auch vom Hbf abholen. Du hältst uns auf dem Laufenden.

ICH (11.10): Die DB-App redet z. Zt. wirres Zeug. Ich melde mich wieder, wenn ich im ICE sitze.

ICH (13.18): Ich sitze jetzt in einem 30 Min. verspäteten ICE, der trotzdem 17.36 im HBF einlaufen soll. Wenn ihr Lust, Zeit und ein Auto habt, wäre eine Abholung natürlich angenehm, ich kann aber genauso auch ein  Taxi nehmen.

ER (13.20): Klasse wir holen dich ab! Sag welches Gleis.

ICH (13.23): Angeblich Gleis 3. Aber das ist die Deutsch Bahn! Die bringen ohne rot zu werden Dinger, für die sich ein Japanischer Lokführer unaufgefordert einem Seppuku unterziehen würde.

ICH: (14.17): Aktuelle Prognose: 17.58 Uhr. Wer sagt‘s denn…

ICH (14.32): Und es geht weiter: Kaputte Weiche! Wir stehen.

ICH (15.03): Wir stehen immer noch. Die Weichentechniker müssen wohl erst herbeigeschafft werde. Hoffentlich fahren die nicht mit dem Zug….

ICH (15.10): Plan „B“ wird gerade erklärt, denn die Weiche ist nicht zu reparieren: Der Lokführer wechselt in den hinteren Führerstand und fährt fünf Kilometer zurück. Daselbst wechseln wir auf das parallele Gleis und versuchen es erneut. 

Hoffentlich verfahren wir uns nicht. 

Ironischerweise wurden wir eben von einem anderen ICE überholt.

Das mit dem Abholen können wir, glaube ich, vergessen, denn sonst verpasst du heute das Theaterstück. Und da wolltest du doch unbedingt hin.

ICH (15.17): Ein weiterer ICE überholt gerade, wir stehen immer noch. Vermutlich ist der Lokführer nicht so gut zu Fuß.

ICH (15.20): Die Auflösung kommt über Lautsprecher: Hinter uns steht noch ein Regionalexpress. Der kann sich natürlich nicht in Luft auflösen und muss ebenfalls zurücksetzen.

ICH (15.21): Noch ein ICE fährt vorbei…

ICH (15.31): Die Zugführerin dreht gerade völlig ab: Die Weiche hinter uns ist auch defekt. Sie musste noch leicht irre kichern, bevor sie das Mikro ausgeschaltet hat.

ICH (15.49): Der Lokführer ist gerade ausgestiegen. Offenbar hat er die Nase voll.

ICH: (16.14): Angeblich konnte die Weiche nun doch noch irgendwie hingedengelt werden Wir warten jetzt noch auf die neuen Streckenpläne und die Freigabe. Und dann kann’s schon losgehen. Bis zur nächsten Panne.

ICH (16.18): Die Bahn: Und sie bewegt sich doch… Augenblick mal… Wo ist eigentlich der Lokführer?

ICH (16.20): Neue Prognose: 19.28 Uhr.

Ich geh’ dann direkt ins Hotel und hoffe auf die Sonntagsvorstellung. Oder ich freue mich einfach auf einen Kaffee mit euch.

ER (17.28): Alles klar mein Guter, dann frühstücken wir morgen um 10:00 in der neuen Liebe! Morgen Abend die Vorstellung findet statt.

(Die Zugprotokolle - Ende)

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Angekommen bin ich dann ziemlich genau um 20.00 Uhr.  

Sie ahnen: Ich war ziemlich gebügelt, als ich mit mehreren Stunden Verspätung im Hauptbahnhof der Bundeshauptstadt angekommen bin. Diesen Bahnhof gab es übrigens vor 37 Jahren noch nicht, hier standen Trümmer und Ruinen. (West-)Berlin war noch kuschelig eingemauert, eine Insel im Ozean des totalitären Sozialismus. Hier lebten viele Junge Menschen, die sich aus der Bundesrepublik abgesetzt hatten. Berlin stand nämlich noch unter Vier-Mächte-Status, wer hier mit dem Hauptwohnsitz gemeldet war, musste weder seinen damals noch obligatorischen Wehrdienst ableisten, noch ersatzweise seinen Zivildienst. Durch die zugezogenen „Bundis“, die vielen Studenten und nicht zuletzt durch die seinerzeit schon recht große türkische Gemeinde, entstand eine schillernde kulturelle Gemengelage, die in manchen Vierteln schon einem Paralleluniversum ähnelte. Außerdem gab es in Berlin keine Sperrstunde wie in Westdeutschland: Clubs, Kneipen und Cafés durften rund um die Uhr geöffnet bleiben. So war auch das Nachtleben knallbunt. Ich habe seinerzeit mal mit einem US-Amerikaner gesprochen. Er war von New York ins eingemauerte West-Berlin gezogen, denn er war der Überzeugung, dass hier deutlich mehr los sei als im Big Apple. 

Andererseits gab es auch viele schmuddelige Ecken, heruntergekommene Mietskasernen mit Klo im Treppenhaus (das im Winter einfror), Trümmergrundstücke, die fucking Mauer mit Todesstreifen und bis an die Zähne bewaffneten Wachposten, an den Straßenrändern auftauender Hundekot im Frühling und, und, und... Das Berlin des kalten Kriegs war nicht schön. Der Zeitgeist damals war Angst. "Angst" war so präsent, dass es das meistverwendete Lehnwort in vielen Sprachen der Welt war: "The German angst" oder "l'angst" oder so. Aber Berlin war aufregend. Niemand investierte freiwillig hier, dennoch war Berlin „the place to be“. Berlin war bunt und kaputt, Berlin nahm Drogen und soff wie ein Loch. Berlin war kreativ. Berlin war Kultur und Innovation. Einerseits wie ein ungezogenes Kind, andererseits eine richtige kleine Schlampe. Ich liebte Berlin, bis die Mauer fiel. Bin oft hingepilgert, einmal sogar im Winter bei Schnee und Eis hingetrampt - macht heute kein Mensch mehr: Man stellt sich an die Straße, hält den Daumen und ein Pappschild mit dem Reiseziel hoch, und irgendein Auto hält dann schon und nimmt einen ein Stück mit. Und dann fängt das Spiel von Vorne an.  

Nach dem Mauerfall hatte ich irgendwie keine Zeit mehr für Berlin. Oder ich habe mich nicht getraut.

Achtung: Gleich erzählt der alte Mann wieder vom Krieg!

Nach der anstrengenden und viel zu langen Fahrt im Zug habe ich mir ein Taxi zum Hotel gegönnt. Friedrichstadtpalast mit riesigen, leuchtenden und zappeligen Bildwänden, Fernsehturm, Reichstagkuppel und Straßenverkehr, als gäbe es kein Morgen mehr. Mit Hupen, zu schnell fahren, Radfahrer zwischendrin und Elektrotretroller und „ROOOT!“ - Quiiiietsch! Uff - gerade noch mal gut gegangen!  

Mir schoss durch den Kopf: „Ganz schön erwachsen geworden, die kleine Schlampe!“

Nach dem verunglückten Start wurde dann aber alles doch noch sehr schön. Das Wichtigste zuerst: Das Theaterstück habe ich einen Tag später doch noch gesehen. Kurz vorher habe ich noch einen ehemaligen Mitschüler erreicht, der inzwischen als bildender Künstler (und Performance-Artist, Musiker, Fotokünstler, Autor für die TAZ und, und, und) in Berlin lebt. Spontan hat er sich entschlossen, mit seiner Partnerin ebenfalls zu dem Theaterstück zu kommen, und es schien ihm gefallen zu haben. Vielleicht ist so die Keimzelle einer möglichen Kooperation entstanden: Schauspiel und Literatur kooperieren mit bildender Kunst, Performance und Musik. Vielleicht können die beiden Parteien sich aber auch einfach nur vernetzen, um sich gegenseitig bei der Suche nach Spielstätten oder anderen Ressourcen zu unterstützen. Dann wäre mein Besuch in der Bundeshauptstadt wenigstens noch zu etwas nützlich gewesen.

Ich möchte nicht alle weiteren Abenteuer aufzählen, aber meine Freunde habe sich wirklich rührend um den kleinen Adolf gekümmert. Wir haben zusammen gefrühstückt und zu Abend gegessen, Ausflüge gemacht, bei denen ER sehr kompetent Gebäude in den historischen Kontext setzen konnte. SIE hat uns unermüdlich durch die Gegend kutschiert, der wohlriechende Sohn und die liebe Schwiegermutter (aus NW) waren auch mit dabei. Wir haben die geradezu spektakuläre alte Nationalgalerie besichtigt - da könnte ich glatt eine ganze Woche verbringen und hätte immer noch nur knapp 10% gesehen. Und dann bräuchte ich noch Monate für die neue Nationalgalerie und die zahlreichen Außenstellen. Wir haben sogar eine klassische Touristenrundfahrt mit dem Boot unternommen, das wollten wir uns dann doch noch geben. 

Ich glaube, ich habe mich gerade in die gereifte Schlampe Berlin neu verliebt. (Sorry Hamburg - ich hab’ dich natürlich auch nicht weniger lieb! "...und Eifersucht, das ist eine Krankheit: Ich liebe alle, alles gut!" (Nina Hagen - New York, New York))

Nur das Hotel fand ich fast schon etwas drüber: Ich mag es nicht, mit „Der Herr,“ angesprochen zu werden, „darf ich Ihnen noch einen Crémant für den Start in den Tag kredenzen?“ Ich benötige keine devoten oder servilen Dienstboten um mich herum. Ich stehe auch nicht darauf, in einem Restaurant in Berlin eine Speisekarte vorzufinden, die ausschließlich in englischer Sprache verfasst ist. Mein Schulenglisch umfasste keine gastronomischen oder gar kulinarischen Termini. Ich mag es einfach nicht, wenn ich schon vor dem ersten Kaffee den Arsch geleckt bekomme. 

Trage ich etwa Reitstiefel und komme gerade von einem Ausritt über meine umfangreichen Latifundien zurück? Oder bin ich mit einem Vierspänner vorgefahren? Hat mir ein livrierter Chauffeur die Türe am Silver Shadow aufgehalten?

„Und weil der Mensch ein Mensch ist,
Drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern’.
Er will unter sich keinen Sklaven sehn’,
Und über sich keinen Herrn!“ (Brecht/Eisler, Einheitsfrontlied)

Oder um es mit Wolfgang Niedecken zu sagen: „JEDER möht enne Rolls Royce hann! Jeder!“

Mein vorläufig letzter Tag in Berlin ist angebrochen. Ich bin um halb sechs aufgestanden, habe im Hotel ausgecheckt und gefrühstückt. Jetzt ist es kurz vor acht und ich warte vor dem Besucherzentrum des Reichstagsgebäudes darauf, die berühmte, in einem langwierigen Dialog mit dem Bundestag von Norman Forster gestaltete Kuppel auf dem Gebäude zu besichtigen. Als ich schließlich in 24 Metern Höhe das Dach des hohen Hauses betrete, über dem die Kuppel dann noch einmal fast 24 Meter aufragt, beginnen meine Beine weich zu werden und meine Hände fangen an, zu zittern. Da war doch noch was…? 

Ach ja! Ich erinnere mich: Ich habe doch Höhenangst. Ich bin seit dem Ende meines Studiums ein Akrophobiker reinsten Wassers und habe hier sogar schon davon berichtet. Ich schlurfe langsam aber stetig eine der beiden spiralförmigen Rampen nach oben auf die Aussichtsplattform. Dabei achte ich stets darauf, nicht nach unten zu sehen und mich möglichst auf der Außenseite zu bewegen. Von dort kann man den Boden nicht in nächster Nähe sehen, so wird die Höhe etwas Abstraktes, vor dem man keine Angst haben muss. Die Strukturen im Inneren der Kuppel wirken etwas verstaubt. Da hätte man ja ruhig noch einmal durchfeudeln können, wenn ich mich schon auf die lange, beschwerliche Reise mache, um das Bauwerk zu inspizieren. Andererseits: In meinem Bad sieht es auch nicht besser aus. Dann will ich mal nicht so sein und nörgle nicht. Vermutlich bin ich von dem Etepetete-Hotel einfach zu verwöhnt, da war nämlich alles blitzblank. Schließlich komme ich oben an - als Erster! Die Aussicht ist atemberaubend: Tiergarten, Fernsehturm, die Silhouette der Stadt… Toll! Schaut auf diese Stadt!

Ihr Völker der Welt! Schaut auf diese Stadt!“   

Mit diesem Appell wandte sich 1948 der damalige Bürgermeister Ernst Reuter an die Welt, Berlin nicht im Stich zu lassen. Was war geschehen?  

Die Nazis hatten die Welt in Brand gesetzt, und die Welt hatte die Deutschen nicht im Stich gelassen. Die Alliierten kämpften, bis Nazi-Deutschland besiegt und die Deutschen von der Pest des Nationalsozialismus befreit waren. Aber Deutschland wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen, es lag am Ende des Krieges in Trümmern. 1945 hissten Soldaten der Roten Armee schließlich auf den Ruinen des Reichstags die Flagge der Sowjetunion. 1948 hatten sich die Spannungen zwischen den westlichen Alliierten und ihrem ehemaligen Verbündeten im Osten derart zugespitzt, dass dieser sich entschloss, die Versorgungskorridore Berlins zu blockieren. Berlin war damit abgeschnitten vom Nachschub an Lebensmitteln und Kohlen zum Heizen. Strom aus Ostdeutschen Kraftwerken wurde auch nicht mehr geliefert. Es drohte eine Katastrophe. Und wieder geschah Unglaubliches: Wieder ließen die Siegermächte uns Deutsche nicht fallen. Die Amerikanische und die Britische Luftwaffe errichteten eine Art fliegende Brücke, die „Luftbrücke“. Später beteiligten sich auch andere Nationen daran, Berlin und seine Bevölkerung mehr als ein Jahr lang aus der Luft zu versorgen. 

All das sehe ich, wenn ich über diese Stadt schaue. Das, und noch viel mehr. Und jetzt bricht eine neue Zeit an: Die USA unter dem Präsidenten mit dem Eichhörnchen auf dem Kopf möchten sich weniger in die NATO einbringen. Die Nutzung ihrer europäischen Basen und die Überflugrechte über Europäische Staaten möchten sie jedoch behalten und vertraglich absichern. Europa soll sich wieder selber und mehr um seine Verteidigung kümmern. Die Entscheidung, wie stark sich die Vereinigten Staaten von Amerika in der NATO engagieren, obliegt allein den USA, das können wir nicht mitbestimmen. Was Europa aber entscheiden kann ist, wie wir damit umgehen. 

Ich bin der Meinung, dass wir näher zusammenrücken müssen. Wir brauchen das Selbstbewusstsein, die strategische Bedeutung Europas, auch für die USA, bei Verhandlungen stärker in die Waagschale zu werfen. Und wir brauchen die Vereinigten Staaten von Europa. Gerne auch mit Island, wo man bereits mit den Hufen scharrt, auch mit der Ukraine und Moldawien. Und von mir aus dürfen Kanada und Kalifornien auch mitmachen. Und eines fernen Tages vielleicht auch ein Belarus ohne Lukaschenko oder ein Russland ohne Putin und die Oligarchen. Ich habe gehört, dass in diesen Ländern auch eine Menge kluger und netter Menschen leben sollen. Die würde ich wirklich gerne kennen lernen. Wir sind doch keine Feinde! Wir kommen doch alle aus demselben Topf!

Warum eigentlich nicht?



 

Dienstag, 19. Mai 2026

32. Die große Stadt

Ich streife durch die Straßen meines Viertels. Es ist noch früh am Morgen und die Sonne scheint. Die Temperaturen sind angenehm. Trotzdem schwitze ich im T-Shirt schon ganz ordentlich. Die Einheimischen hingegen tragen fast alle dünne Jacken oder leichte Mäntel. Dies ist sozusagen die Stadt der Übergangsjacken. Die werden schon wissen, warum. Mir ist das Latte, ich schwitze. Ging mir schon immer so. Andere frieren und frösteln, mir ist es zu warm. Selbst, als ich noch ein dürrer Hering war - darauf kommen wir später noch einmal zurück. Heutzutage verschärft sich die Situation durch meine inzwischen erhebliche, schwer auszukühlende Körpermasse. Dabei hat der Sommer noch nicht einmal angefangen. Wir schreiben das Jahr 2026, es ist Dienstag, der 19. Mai und ich bin schockverliebt. Ich bin völlig vernarrt in diese Stadt. Dabei habe ich die Speicherstadt und die Hafencity noch nicht ein einziges Mal verlassen. Himmel ist das zauberhaft hier. Hamburg: Du bist meine große Liebe.

„Augenblick mal!“ Eine innere Stimme meldet sich in fragendem und fast vorwurfsvollem Tonfall: „Ende Mai - kurz vor Pfingsten? Müsstest du da nicht in der Schule auf Hochtouren laufen? Kursarbeiten, HÜ’s und einzusammelnde Hausaufgaben korrigieren? Gruppenarbeiten bewerten? Nach Pfingsten bleibt nicht mehr viel Zeit bis zum Noteneintrag. Und dann kommt ja möglicherweise noch eine Hitzewelle mit Kurzstunden, die die weitere Planung ganz unzuverlässig macht. Dazu Arbeitskreise zur Planung des nächsten Schulfestes oder der nächsten Projektwoche am Nachmittag, pädagogische Konferenzen, Elterngespräche, Sprechstunde und so ein Zeug. Wie kannst du jetzt in Hamburg abhängen?“

Nun - es ist so: In den letzten Jahren leide ich zunehmend unter Rückenbeschwerden. Skoliose. Wurde bei mir viel zu spät diagnostiziert und kann nicht mehr behandelt werden. Hinzu kommt exorbitant hoher Blutdruck, den ich wohl auch der Zusatztätigkeit am Vertretungsplan zu verdanken habe: Sitzende Bürotätigkeit und Dauerstress fordern ihren Tribut. Zugegeben: Mein Übergewicht trägt sicher ebenfalls seinen Teil dazu bei. 

Und dann sind da noch die Kinder: Während der Coronazeit wurde mir zunehmend klar, dass sie den Regierenden und der Verwaltung offensichtlich weitgehend egal sind. Wie man die Kinder in der Coronazeit behandelt hat, war mehr als schäbig. Das werde ich den zuständigen Leuten nie verzeihen. Niemals! 

Ist man erst einmal in diese Richtung sensibilisiert, hört man irgendwann auf, Dinge in der Schule auszublenden, die man bisher ignoriert hat: Die seit Jahrzehnten undichten Fenster, die schlecht funktionierende Heizung, der ekelhafte Zustand der Toiletten, die Gleichgültigkeit der Verwaltung, wenn eine Baustelle mal wieder über zwei Jahre lang Teile des Schullebens lahmlegt oder den ohnehin schon viel zu kleinen Schulhof halbiert oder Lärm erzeugt, der Abiturklausuren stört. Material wird geliefert und steht dann monatelang herum, weil keine Kapazitäten für die Montage frei sind. Naturwissenschaftliche Räume in der obersten Etage werden komplett neu aufgebaut, aber das undichte Dach dabei nicht repariert. Räume fertig - Starkregen - alles wieder versaut. Mal fällt der Strom aus, mal das Internet, mal regnet es durchs Dach in mehrere Klassenräume, die dann wochen- oder monatelang nicht benutzt werden können und, und, und. Ich könnte noch unendlich lange davon erzählen!

Und anstatt dass sich irgendjemand mal um diese ganz elementaren Probleme kümmert, damit wir Lehrer einfach nur unsere Arbeit machen können und damit die Kinder mit der Schule einen Ort haben, in dem sie sich zurecht finden und sich geborgen und sicher fühlen, wird von Seiten des Ministeriums alle paar Jahre eine neue Sau durchs Dorf getrieben: NaWi, AQS, Stundentafel wird geändert, MINT und Informatik in der Mittelstufe: Alle Nase lang werden neue Fächer erfunden für die niemand ausgebildet ist, fehlende Lehrerstunden von einem Fach auf das Nächste verschoben, es wird der Mangel nur verwaltet und kaschiert anstatt ihn zu beheben. Und so gärte es in mir seit Jahren. 

Als Vertretungsplaner wurde ich täglich mit dieser Mangelverwaltung konfrontiert - ich war Teil dieses Systems. Ich war immer der Erste, der es mitbekommen hat, wenn KollegInnen an diesem System zerbrochen sind. Zunächst häufen sich die Krankmeldungen - immer nur für ein paar Tage. Dann trudelt auf einmal eine Krankschreibung über vier Wochen ein die dann alle vier Wochen verlängert wird. Diese kommt zunächst vom Hausarzt, die Verlängerung irgendwann von einem Neurologen oder Psychologen. Ich hatte selber schon Burnout, mehrere Jahre Depressionen mit Alles und viel scharf. Ich erkenne die Muster, denn sie spiegeln die Narben auf meinem Gehirn! Ich kann es riechen, wenn ein Kollege mit Vollgas auf den Abgrund zurast. Es ist wie bei den Protagonisten aus „Interview mit einem Vampir“: sie erkennen einander, als gäbe es ein geheimes Zeichen, ein Stigma das nur die Betroffenen wahrnehmen können. Wie dieser Zusammenbruch dann aussieht, ob jemand heulend auf dem Flur vor der Klasse hockt, ob jemand Monate- oder gar jahrelang ausfällt oder ob jemand hyperaktiv immer weiter auf Verschleiß fährt (das war eher so mein Ding), ist unterschiedlich. Aber gesund ist das nicht.

Ich habe dann einen Kassensturz gemacht: Die Besoldungsstelle hat mir meine Pensionsansprüche ausgerechnet, ich habe Lebens- und private Rentenversicherungen überschlagen und kam zu dem Schluß: Das tue ich mir nicht länger an. Um es kurz zu machen: Ende Juli 2025 wurde ich gemäß §39, Abs 1 Landesbeamtengesetz in den Ruhestand versetzt. Das war das schönste Papier meines Lebens und ich will es euch nicht vorenthalten.

Ich darf mich jetzt „Privatier“ nennen.

Zurück nach Hamburg: Ich sitze in der Cafébar „Barbarossa“. Es perlt leichter Jazz aus den Lautsprechern - „easy listening“ nennt man das wohl - also quasi Fahrstuhlmusik. Ich trinke eine Zitronenlimonade und esse ein Fischbrötchen. Ich kenne meine Pflichten als Tourist in der Hansestadt! Matjes - und damit sind wir wieder beim Hering. Durch die großen Fenster sehe ich Touristen und Einheimische. Autos, halb offene Doppeldeckerbusse auf Stadtrundfahrt, Fahrräder auf sehr breiten, durchgehenden und an kritischen Stellen auch baulich vom restlichen Verkehr getrennten Fahrradspuren - geht doch! Schülergruppen werden von ihren Lehrern durch die Speicherstadt getrieben und zugetextet. Dabei könnten die jetzt auch im Miniaturwunderland ihren Spaß haben. Oder im „Hamburg Dungeon“, einer Art Gruselwachsfigurenkabinett. Theater und Musical gibt es hier auch, große Kinos und natürlich die Elbphilharmonie. 

Boah! Ist die schön!  Die Formensprache dieses Gebäudes haut mich echt um. Aber es war ja auch recht kostspielig. Wäre schade, wenn es dann kacke aussehen würde. In Wirklichkeit ist die Elbphilharmonie überwältigend! Der Sockel wurde errichtet unter Einbeziehung der entkernten Fassade eines alten Speichers und passt sich deshalb harmonisch und organisch ins Ensemble der Backsteingotik der Speicherstadt ein. Der oben aufgesetzte Teil glitzert in der Sonne und spiegelt den Himmel wider, als sei er ein Teil davon. Das Ding ist riesig (110 Meter hoch), aber es stört nicht, es ist vielmehr ein Schmuckstück! Ein Edelstein, der aus der Speicherstadt herausragt. Ich küsse den Boden, auf dem der Architekt gelaufen ist! Ich wusste nicht, dass dieses Gebäude so schön ist, denn Bilder können das kaum einfangen. Man muss schon bei unterschiedlichen Beleuchtungsverhältnissen davor stehen, sonst erfährt man es nie. Hier bekommt man als Steuerzahler noch etwas geboten für sein Geld. 

Schaut auf diese Stadt!

Ich bezahle - das geht in Hamburg selbstverständlich überall mit Karte. Bankautomat? Ich weiß jetzt schon nicht mehr, wie das geht. Mal schauen, ob im Fleetschlößchen noch ein Platz frei ist. Wir lesen uns später. (Denken Sie sich hier einfach 15 Minuten Pause - ich muss kurz das Café wechseln.)


Es waren noch Plätze zu haben. Das ist selten, denn das Fleetschlößchen ist winzig. In seiner wechselvollen Geschichte war es einst eine Dienststelle des Zolls - die Speicherstadt war damals noch Teil des Freihafens. Später wurde es Feuerwache, dann Toilettenhäuschen und schließlich Kaffeebude für die Hafenarbeiter. Heute beherbergt es ein entzückendes Café, wo die Fischbrötchen noch einmal besser sind als die im Barbarossa. Ich entscheide mich für Krabben. Das sind zwar eigentlich keine Fische, aber die sind auch lecker. Vom sprichwörtlichen „dürren Hering“ könnte ich jetzt nicht weiter entfernt sein. 


Kaum habe ich bestellt, wird der Laden überrannt. Ganze Touristenhorden fallen hier ein, es wird rappelvoll, in der offenen Küche zischt und brodelt es.

„Räusper!“ Die innere Stimme quengelt wieder herum: „Du hast doch immer behauptet, dass du gerne unterrichtest. Dass du mit dem Lehrberuf deinen Traumjob gefunden hast. War das gelogen? Oder fehlt dir jetzt etwas?“ 

Mann! Versau’ mir doch nicht die Laune. Ja! Ich habe immer gerne unterrichtet. Mir fehlt etwas! 

Die Kinder fehlen mir. Auch die „Schwierigen“, die vielleicht sogar besonders. Die „Großen“ fehlen mir, diese fast erwachsenen, neugierigen Leute in der Oberstufe. Der Abschied von den Pubertanten aus der Mittelstufe reißen ein Loch in mein Herz. Es war immer so spannend, denen beim Erwachsenwerden zuzuschauen. Und die KollegInnen fehlen mir. Der Hausmeister, die Sekretärinnen, der Sozialarbeiter. Die netten Leute von der IT-Abteilung der Stadtverwaltung, mit denen ich gelegentlich dienstlich zu tun hatte. Mir fehlen sogar die Reinigungskräfte, die ich immer so gerne im Flur gegrüßt habe und die mir hin und wieder ihr Leid geklagt haben, wenn mal wieder eine neunte Klasse die Tische flächendeckend bemalt hatte. Danke für eure Arbeit. Was wären wir Lehrer in dem halb vergammelten Gebäude, wenn ihr nicht wenigstens für etwas Sauberkeit sorgen würdet?

Geld fehlt mir übrigens auch, denn die vorzeitige Pensionierung ist mit Abschlägen von den Ruhestandsbezügen verknüpft. Aber irgendwann habe ich mir die Frage gestellt: „Geld oder Leben?“ Willst du eine möglichst vollständige Pension, bist aber dann womöglich körperlich und psychisch so verschlissen, dass du davon nichts mehr hast? Mehrere KollegInnen haben mir das in den letzten Jahren vorgemacht: Kaum pensioniert: Zack - tot! Oder verzichtest du auf ein paar Prozent, hast aber dann zwei Jahre mehr Zeit, noch etwas von Europa zu erkunden? Hamburg zum Beispiel. Oder Berlin. Oder Amsterdam, Wien, Paris, Gent, Straßburg, Montreux, Prag, Köln, Rom und, und, und. Es gibt noch so viel zu entdecken. Auch ohne Flugzeug. 

Der Lotse geht von Bord.

Morgen fahre ich wieder nach Neustadt. Ich bin noch so voller Eindrücke von dieser schönen Stadt. Nach nur drei Tagen…

Das Herz geht einem über und man möchte weinen vor Glück!

Dienstag, 2. August 2022

31. Das Boot

Ich streife durch meine Gegend und freue mich darauf, meinen Lesern heute endlich das dritte Mopped vorzustellen. Ich habe es ja schon rund ein Jahr, aber wie das eben so ist mit einem neuen Mopped: Der kleine Adolf muss sich immer erst ganz langsam herantasten an das Gefährt. Er muss lernen, das Ding mit dem Kleinhirn zu steuern und nicht mit dem Großhirn. Oder wie man auch sagt: Aus dem Bauch heraus und nicht mit dem Kopf. So habe ich das mit der Guzzi gemacht und mit der BWM, und so mache ich es auch mit dem neuen Mopped. Aus Gründen, und zwar guten.

Die Tour beginnt in einer Tiefgarage in Neustadt. Ich muss das neue Mopped rückwärts die Rampe hochfahren, auf der es geparkt wird. Also: aufsitzen, Rückwärtsgang einlegen, und dann den noch kalten Motor richtig aufdrehen, sonst schafft sie das nicht. „Rückwärtsgang“ - Sie haben richtig gelesen! Mein neues Motorrad verfügt über einen Rückwärtsgang. Dann pöttere ich gemütlich am mit blühenden Wildkräutern bepflanzten Seitenstreifen vorbei nach Mußbach, wo mich eine liebe Kollegin auf einen Kaffee eingeladen hat. Wir plaudern eine Weile bis die Kinder mit Nahrung versorgt werden müssen. Zuviel Multitasking will ich ihr dann aber doch nicht zumuten: Als ihr Mann dazukommt um sie bei der Fütterung der Raubtiere zu unterstützen verdrücke ich mich schließlich. 

Und obwohl ich im letzten Jahr schon so manche Strecke mit dem kleinen Schwarzen zurückgelegt habe, fühlt es sich noch immer etwas fremd an. Die Motorisierung ist mit knapp über 40 PS weit weniger souverän als bei der Guzzi oder der GS. Aber das ist es nicht, was sich fremd anfühlt. Schließlich habe ich vor langer, langer Zeit in meiner Jugend mit Mofa und Mokick ja mal sehr viel kleiner angefangen. Es ist mit rund 350 kg das schwerste Mopped, das ich jemals gefahren bin. Aber auch das macht es nicht einzigartig. Auf der Guzzi bin ich schon mit einem ausgewachsenen Menschen als Sozius unterwegs gewesen, das war dann zusammen auch nicht ganz so leichtfüßig und alles Andere als gazellenhaft. Auch das ist es also nicht. Aber die völlig asymmetrische Gewichtsverteilung und das dritte Rad auf halber Strecke zwischen dem Vorder- und dem Hinterrad, die machen etwas aus. Man könnte es so ausdrücken: Das Russeneisen fährt sich wie eine Mischung aus Seifenkiste und Weinbergschlepper.

Das Russeneisen
Es geht weiter ins mondäne Deidesheim und am niedlichen Forst vorbei nach Wachenheim. Hier biege ich auf eine Nebenstraße ab und lande schließlich auf einer sehr engen Landstraße, die mich durch den Wald und am Kurpfalz-Park vorbei in Richtung Lambrecht führt. Der Plan: In Frankeneck abbiegen in das an Wochenenden für Moppeds gesperrte Elmsteiner Tal, und dann schauen, wo ich etwas zu Essen finde. Irgendein Ausflugslokal mit ordentlicher Küche wird ja wohl geöffnet sein. Dachte ich. Aber herausfinden kann ich das nicht, denn wegen einer Baustelle ist Frankeneck komplett gesperrt, zumindest in die für mich notwendige Richtung. Also fahre ich zurück an die nördliche Weinstraße, dieses mal weiter bis nach Bad Dürkheim.

Da ist zunächst einmal das Gefühl beim Lenken. Auf einspurigen Moppeds geht das mit einer leichten Gewichtsverlagerung. Man fährt sie sozusagen mit dem Hintern. Der Rest besteht aus einem intuitiv zu bewältigenden Tanz mit Schwerkraft und Fliehkraft. Auf einem Gespann muss der Fahrer jedoch beim Steuern deutlich und bewusst den Lenker einschlagen. Für einen Autofahrer klingt das vielleicht banal, aber als Moppedfahrer muss man sich tatsächlich erst einmal daran gewöhnen.

Hinter Bad Dürkheim zieht es mich wieder in Richtung Westen. Alles bekannte Strecken - mit dem neuen Mopped fahre ich zunächst nur solche Routen, bei denen ich jedes Schlagloch und jede Kurve mit Vornamen kenne: In Dürkheimer Ortsteil Grethen erfreue ich mich am Anblick des Herzogweihers, der die Luft spürbar herunterkühlt. Das Pfalzmuseum für Naturkunde würdige ich keines Blickes. Hier hatte ich vor vielen Jahren mal eine Fortbildung, die ich eher so mittel fand. Zwei Tage verlorener Lebenszeit und seitdem meine letzte fachliche Fortbildung. Ich bin jetzt so alt, dass ich keine Zeit mehr verschwende und das Thema Fortbildung in meinen Fächern lieber mit zwei guten Zeitschriften erledige, die ich seit Jahren regelmäßig beziehe. Die Hardenburg grüßt mich von einer Bergkuppe. Die Kurven sind zahlreich, aber nie besonders eng. Das habe ich mit Absicht so gewählt.

Die Wirkung der Fliehkraft in einer Rechtskurve

Gewichtsverlagerung in der Kurve ist beim Gespannfahren wichtig und alles Andere als intuitiv. Besonders in Rechtskurven. Ein Gespann liegt normalerweise auf der Straße wie ein Brett. In einer Linkskurve legt man sich als Fahrer trotzdem nach links, damit das Hinterrad nicht abhebt und das Gefährt sich überschlägt. Das macht man gerne auch übertrieben stark, denn es hängen ja rechts noch die 100 kg Beiboot als störrisches Gegengewicht. In einer Rechtskurve wird es ganz verrückt: Legt man sich hier als Fahrer nicht weit nach rechts, hebt der Seitenwagen ab. Und zwar umso wahrscheinlicher, je enger die Kurve ist. Verantwortlich sind einerseits die Fliehkräfte, die am Fahrer ziehen, und andererseits die Hebelgesetze: Je größer der Fahrer, desto länger der Hebel, an dem die Fliehkraft zerrt und desto größer ihre Wirkung. Lehnt der Fahrer sich also in einer Rechtskurve nach rechts, geht es weniger darum, Gewicht auf den Seitenwagen zu verlagern (obwohl das tatsächlich hilft), sondern vielmehr darum, den Hebel zu verkürzen, an dem die Fliehkraft sonst mitleidlos zerrt und den Seitenwagen abheben lässt.

Berechtigte Frage

Schließlich kullere ich von Frankenstein aus das Lambrechter Tal in Richtung Neustadt herunter. In Weidental bemerke ich noch ein merkwürdiges Graffito, das alle Fragen offen lässt. Die Kurven werden etwas enger und hinter mir bildet sich eine Schlange. Da kaum einer der Autofahrer mich überholt fahre ich ab und zu rechts ran, um die Autos vorbeizulassen. Die meisten Fahrer lächeln mich bzw. das Russeneisen an. Auch bei mir entgegenkommenden oder am Straßenrand stehende Menschen entdecke ich so manch wohlwollenden Gesichtsausdruck, nach oben gereckte Daumen oder höre sogar begeisterte „Ach wie schön!“-Ausrufe. Das geht runter!

Zufrieden stelle ich das Russeneisen am Ende meiner kleinen Lernfahrt im Hof meiner Wohnung ab.

Abb.2: Verändert aus: Franitza, M., Götz, B. et al. (2017): Das 1 x 1 für Gespannfahrer - Grundlagenwissen über Krafträder mit Beiwagen, Königswinter 2017

Samstag, 14. August 2021

30. Die große Flut

Ich streife durch die Einträge meiner Blogs und dabei stelle ich ein seltsames Jubiläum fest: Ich habe zwar mit dem „Zettelkasten“ endlich ein Projekt verwirklicht, das mir schon sehr lange vorschwebte. Was es damit auf sich hat, könnt ihr hier nachlesen. Aber in diesem Blog, eigentlich die Mutter meiner Blogs, ist seit ziemlich genau zwei Jahren tote Hose. Und das hat Gründe, und zwar gute: Zuerst war es die unglaubliche Hitze des Sommers 2019, die mich gelähmt hat. Gerade eine Geschichte habe ich noch verfassen können, aber dann war die Energie weg. Im darauf folgenden Winter überschlugen sich dann die Ereignisse in der bekannten Weise: Zoonose in China, Epidemie und schließlich Pandemie. Lockdown, Wechselunterricht, Lockdown, Wechselunterricht und so weiter. Das frustriert, das schränkt die Möglichkeiten für Streifzüge radikal ein und die Lust, darüber zu schreiben auch. Deprimiert und paralysiert sitzt man in der Wohnung und schaut den Balkonpflanzen beim Verwelken zu.  Man könnte etwas dagegen tun, aber es ist einem scheißegal. Es ist Corona. 


Aber darüber schreibe ich heute nicht. Das ist Thema einer eigenen, einer anderen Geschichte. Heute geht es um die Ereignisse in meiner alten Heimat, die mich zutiefst betroffen machen und erschrecken. Es geht um die Überschwemmungskatastrophen im Westen Deutschlands, also in der Umgebung von Trier (Kyll und Mosel), in Bad Münstereifel und in der Gegend um Erftstadt (wie der Name schon sagt: Erft) und im Ahrtal.

Aber der Reihe nach: 
Die Erft kenne ich von Kindesbeinen an. Meine Großeltern lebten in einem Stadtteil von Grevenbroich in einem prächtigen Haus mit großem Garten direkt an diesem Fluß. Topographisch gehört die Gegend zur Kölner Bucht, einem keilförmigen Ausläufer des Norddeutschen Tieflandes in das südlicher gelegene Rheinische Schiefergebirge. Da gibt es zum Beispiel das Phantasialand oder das Brühler Schloß als touristische Attraktionen, die ich schon als Kind gerne besucht habe. Ziemlich flach ist es dort. Schwemmland. Der Untergrund besteht aus Sedimenten wie Sand oder Kies, obendrauf eine mächtige Schicht Löss. Der aus diesem Löss entstehende Boden ist so fruchtbar, dass ein Bauer hier den Finger nur in die Erde stecken muss, schon wächst da etwas Grünes. Und Bodenschätze gibt es hier. Am bekanntesten ist sicher die Braunkohle, die hier in riesigen Tagebauten von majestätischen anmutenden Schaufelradbaggern geerntet wird. Mein Großvater hat mir den Tagebau in Garzweiler immer voller Stolz auf die menschliche Ingenieursleistung gezeigt. (Zu dem Zusammenhang zwischen der Braunkohle und dem heutigen Thema kommen wir später.) Aber auch der Kies und der Sand werden abgebaut, und zwar ebenfalls im Tagebau. Die Betonwerke in der Nähe der Millionenstadt Köln gieren nach diesen Rohstoffen. Die Kiesgruben sind in der Regel kleiner als die Braunkohlebergwerke, aber dafür auch zahlreicher. Und oft sehr nah an den Städten und Dörfern. 

So auch in Erftstadt-Blessem. Hier rutschte in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 ein Teil einer Straße mit angrenzenden Häusern und einem Pferdehof einfach weg. Das durchnässte Lockermaterial im Untergrund begann zu fließen und schob so Straße und Häuser in eine Kiesgrube. So las ich es in einer Quelle. In einer anderen Darstellung ist davon die Rede, dass die überfließende Erft sich den Weg in den tiefsten Punkt der Landschaft, hier die Kiesgrube, gesucht hat. Beim Abfließen in die Grube erodierte sie dann rückschreitend die Grubenwand. Das Ergebnis bleibt das Gleiche. Tote hat es in dieser Stadt glücklicherweise nicht gegeben.

Meinen Referendardienst habe ich in Trier absolviert. Trier ist als Wohnort wunderschön. Es ist zwar eine Großstadt mit allen kulturellen Vorzügen einer Großstadt. Aber man ist, wenn man das möchte, innerhalb weniger Minuten mitten im Wald. Das kulturelle Angebot ist reichhaltig, der geschichtliche Hintergrund überwältigend. Im nördlichsten Stadtteil Ehrang mündet das kleine Flüsschen Kyll in die Mosel. Hier habe ich als Referendar gelegentlich ein wirklich gutes italienisches Restaurant besucht. Am Mittellauf der Kyll habe ich als Junge gezeltet. Das Flüsschen ist dort normalerweise nicht einmal knietief.

Am Morgen des 15. Juli ergoss sich eine Flutwelle durch Ehrang, die die Bürger so noch nie gesehen haben. Im Ober- und Mittellauf der Kyll hatte diese Welle schon erhebliche Zerstörungen angerichtet, in der nahen Ortsgemeinde Kordel hatte sie einen Rekordpegel von 7,85 Metern. Jetzt bahnte sie sich den Weg durch den Trierer Stadtteil. 

Als Kind und Jugendlicher habe ich im Remagener Stadtteil Kripp gelebt. Mein Elternhaus stand direkt am Rhein, und die regelmäßigen Rheinhochwasser trafen uns mit voller Wucht, manchmal auch zweimal im Jahr. Aber wir hatten immer Vorlauf. Wir wussten immer mehrere Tage im Voraus, wann die Flut kommt und hatten einigermaßen sichere Prognosen über die Höhe des Flutereignisses. Wir konnten in Kripp die Autos in Sicherheit bringen, Möbel und andere Habseligkeiten in höhere Stockwerke retten oder, bei kleineren Hochwasserereignissen, Türen mit Sandsäcken oder Holzbohlen abdichten. Im Laufe der Jahre lernten wir, wie man Heizöltanks gegen die Flut sichern kann oder wie man Häuser nach und nach hochwassersicher umbaut. Der Dreck und der Schlamm waren trotzdem jedesmal unbeschreiblich. 

In Ehrang gab es keine Vorwarnzeit. Für die Verantwortlichen sah es lange Zeit so aus, als könne die Kyll die Deiche nicht überwinden. Erst im Laufe des Vormittags wurde klar, dass die für eine Prognose des Verlaufs der Flutwelle notwendigen Pegelmeldungen aus der Eifel aufgrund von Stromausfällen und weggeschwemmter Messeinrichtungen mit der Realität nichts, aber auch gar nichts zu tun hatten. Die Menschen wurden überrascht und konnten nur in größter Eile evakuiert werden. Es grenzt an ein Wunder, das in Ehrang nicht noch viel mehr Schaden angerichtet wurde.

Hatte ich schon erwähnt, dass der Remagener Stadtteil Kripp, in dem ich meine Kindheit verbracht habe, direkt an der Mündung der Ahr in den Rhein liegt? Meine Eltern hatten dort ein Hotel mit Rheinblick. Nichts tolles. Eher eine Anlaufpunkt für Niederländische und Britische Bustouristen älteren Semesters. Diese Klientel ist übrigens der Grund, warum ich bis heute keinen Dialekt spreche: Wenn die Gäste aus fremden Ländern sich schon die Mühe machen, eine Handvoll deutsche Vokabeln zu lernen, dann soll ihnen die Kommunikation nicht noch durch Kinder erschwert werden, die rheinische Mundart benutzen. Als sprach man in der Casa Kluth Hochdeutsch. Und zwar immer. Gerade die Niederländischen Gäste, die ja zum Teil noch im zweiten Weltkrieg unter der deutschen Besatzung gelitten haben, waren immer ganz besonders freundlich, höflich und interessiert. Die Ironie bzw. den Sarkasmus beim Bestaunen meines Vornamens („DAS ist aber ein schöner Name!“) habe ich als Fünfjähriger nicht verstanden. Für mich waren die „Holländer“ als Kind einfach nur rundrum nette und tiefenentspannte Leute, die eine irgendwie lustige Sprache sprechen. Deshalb habe ich in den ersten Semestern meines Studiums auch die Gelegenheit ergriffen, mich im Rahmen des Studium Universale näher mit dieser Sprache zu beschäftigen. 

Gerne haben ich als Kind die holländischen Gäste bei ihren Tagesausflügen begleitet. Ich durfte ganz vorne im Bus sitzen, auf dem Platz des Reiseleiters. Wir fuhren den Rhein rauf und runter, um Orte mit wohlklingenden Namen wie Bacharach oder Rüdesheim zu erkunden. Auch die Orte an der Ahr waren beliebte Ausflugsziele: Dernau oder Altenburg. Der Weinkeller der Winzergenossenschaft in Mayschoß hat sich mir bis heute im Gedächtnis eingebrannt. Nicht zuletzt deshalb, weil ich Jahrzehnte später eine besonders netten Kollegin auf einer Exkursion ihres Leistungskurses dorthin begleiten durfte. Aber das ist eine andere Geschichte. Auch das Restaurant „Lochmühle“ ist mir ein Begriff. Es wurde von meinem Vater bewundert, weil dort regelmäßig Bonner Politpromis zum Abendessen aufschlugen. An die „Bunte Kuh“ kann ich mich gut erinnern: Ein vorspringender Felsen, wo dereinst ein Raubritter ein Glöckchen vernahm und fromme Gefühle ihn deshalb zum Niederknien nötigten. Dass das Glöckchen nur an einem Stück Milchvieh hing, erzürnte ihn sehr. Die Kuh überlebte das nicht.

Ich schweife ab. Wir sind im Ahrtal, und damit bei dem Teil des Themas, der zu erzählen mir am schwersten fällt:

An dieser Stelle möchte ich zunächst kurz auf den Ursachenkomplex für die Ereignisse eingehen. So kann man besser verstehen, was an der Ahr so anders war als bei vergangenen Rekordhochwasserereignissen. Da kommt tatsächlich Einiges zusammen: Der Klimawandel spielt eine Rolle, wenn auch nicht die einzige: Tief Bernd hatte sich über Mitteleuropa festgesetzt. Der Jetstream hatte sich soweit abgeschwächt, dass Tiefs und Hochs einfach viel länger ortsfest blieben als in der Zeit meiner Kindheit. Das hatte uns in den vergangenen Jahren immer wieder mal ungewöhnlich lange Trockenperioden beschert, oder eben auch ungewöhnlich feuchte Phasen. Und wenn die Atmosphäre im Schnitt 1°C wärmer ist, kann sie etwa 7% mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Die muss sich irgendwann und irgendwo auch wieder abregnen. Und das ist in diesem Jahr über der Eifel geschehen. An manchen Orten waren das 150mm Niederschlag in 24 Stunden. Bitte machen Sie sich klar: Das sind 15 große Putzeimer voll Wasser pro Quadratmeter. Oder eine nicht ganz volle Badewanne. Pro Quadratmeter. 

Die Böden waren nach einer langen Regenperiode schon weitgehend mit Wasser vollgesogen und konnten die Wassermengen die der Starkregen brachte nicht mehr aufnehmen. In den Einzugsgebieten der Flüsse waren in den vergangenen Jahrzehnten viele Flächen versiegelt worden. Auch hier versickerte nichts mehr. Bäche und Flüsse im Einzugsgebiet der Ahr waren befestigt und begradigt worden. Die Fließgeschwindigkeit dieser Gewässer hat sich so stark erhöht. In den Weinbergen war in den vergangenen Jahrzehnten eine Flurbereinigung durchgeführt worden. Dabei wurde auch dergestalt umgebaut, dass man hier jetzt auch Maschinen an Seilwinden den Berg hinaufziehen kann. Wo noch in meiner Kindheit die Steillagen stark terrassiert waren und wo die Terrassen abfließendes Wasser bremsten, rauschte es nun ungebremst zu Tal. Seit Jahrhunderten forstete man die Eifel mit standortfremden Nadelgehölzen auf. Die Böden in Nadelwäldern nehmen viel weniger Wasser auf, als die in Laubwäldern. 

In der Land- und Forstwirtschaft benutzte man seit Jahrzehnten immer schwerere Maschinen, die die Böden verdichteten. Auch wenn man glaubte, das mit immer breiteren ballonartigen Reifen verhindern zu können. Klingt ja auch logisch: Das Gewicht der Maschinen wird auf eine größere Fläche verteilt. Aber leider entstehen bei diesen Maschinen Druckwellen im Boden, die denselben dann weiter im Untergrund doch verdichten. Doch dieser Punkt ist umstritten: Während die Einen die Druckwellen im Unterboden beklagen, weisen die Anderen darauf hin, dass man bei den Ballonreifen moderner Schlepper während der Fahrt die Luft entweichen lassen kann, um die Auflagefläche zu vergrößern und so den Druck zu verringern. Solche Systeme habe ich vor Jahrzehnten auf Isländischen Gletschern bewundern dürfen, hier hat man mit diesem Trick v. A. den Gripp der Pneus auf rutschigem Untergrund erhöht. Dass sie heute auch in der Landwirtschaft üblich sind, wusste ich bisher nicht. Da ich in diesem Punkt kein Spezialist bin, und mir hier auch keine entsprechende Fachliteratur zugänglich ist, unterlasse ich eine Bewertung. 

Der schlimmste Fehler aber war das Ausweisen von Baugebieten an Stellen, die viel zu nah an den Flüssen liegen. Die Topographie des Ahrtals tut ein Übriges: Das Ahrtal ist ungewöhnlich steilwandig und eng. Eine Flutwelle kann hier weder nach links noch nach rechts ausweichen, sondern nur in eine Richtung: nach oben. Und so schaukelte sich der Pegel in Altenahr auf über sieben Meter auf, an besonders engen Stellen im Tal muß man noch von weit höheren Pegelständen ausgehen. Auch hier wurden die Messgeräte fortgerissen, sodass kein genaues Zahlenmaterial vorliegt. 

Bäume wurden geknickt wie Streichhölzer. Vor Brücken staute sich Treibgut. Dadurch entstanden dann regelrechte Staudämme. Wenn diese nachgaben und brachen ergoss sich eine Art Tsunami auf die darunterlegenden Dörfer. Die nächste Brücke wurde durch das Treibgut ebenfalls blockiert und das Spiel begann von neuem. Autos, Wohnwagen und Lieferwagen wurden weggeschwemmt und an den Brücken wie von einer Riesenfaust zerquetscht. 

Ein Heizöltank an einem älteren Einfamilienhaus fasst um die 2500 bis 3000 Liter. Man füllt diese Tanks üblicherweise im Sommer, weil die Heizölpreise dann niedriger sind als im Winter. Wollte man einen solchen vollen Tank bewegen, bräuchte man vermutlich einen Autokran von beachtlicher Leistungsfähigkeit. Oder eine große Menge Wasser. Öl ist nämlich spezifisch leichter als Wasser, weshalb ein voller Öltank, so schwer er auch sein mag, einen Schwimmkörper mit erstaunlichem Auftrieb darstellt. Er schwimmt auf, löst sich dabei aus seiner Verankerung und dabei reißen die Leitungen ab. Sein Inhalt ergießt sich nach und nach in die Umgebung und vermischt sich dabei mit den Treibstoffen der weggeschwemmten Kraftfahrzeuge. 

Menschen wurden im Schlaf überrascht, als das Wasser bereits so hoch stand, dass sie sich nur noch auf die Dachböden oder auf die Dächer retten konnten. Viele konnten mit Hubschraubern gerettet werden, aber nicht alle. Mehr als 130 Menschen kamen allein im Landkreis Ahrweiler ums Leben, noch immer gibt es Vermisste. Viele  Häuser wurden zerstört, ebenso Straßen, Brücken und Eisenbahnstrecken. Die Häuser, die nicht weggerissen sondern nur überflutet wurden, müssen vollständig entkernt werden. Das bedeutet, dass man sie in den Zustand eines Rohbaus zurückversetzt, vollständig trocknet und dann wieder ausbaut. Viele Häuser sind jedoch so stark unterspült und destabilisiert worden, dass nur noch der Abriss bleibt. Existenzen wurden vernichtet: Winzer verloren mehrere eingelagerte Jahrgänge, sämtliche Maschinen sowie die Rebstöcke in den tieferen Lagen. Gaststätten wie zum Beispiel die oben angesprochene Lochmühle wurden vollständig zerstört. Handwerker verloren Werkstätten und Werkzeug. Heizöl, Kraftstoffe, Chemikalien, Leichen und Tierkadaver verseuchen das Grundwasser und die Seuchengefahr ist bis heute nicht gebannt. In den Straßen türmen sich mehrere Meter hoch Autowracks, abgeknickte Bäume und Schutt- und Sperrmüllberge. Ratten vermehren sich rasend schnell. Nach dem zweiten Weltkrieg hat das Ahrtal längst nicht so schlimm ausgesehen wie heute.

   

In den folgenden Wochen machten sich freiwillige Helfer, Landwirte, Bau- und Lohnunternehmer aus ganz Deutschland auf den Weg, um ihre Hilfe anzubieten. Eine unfassbare Welle der Hilfsbereitschaft generierte Spenden und Menschen, die mit anpacken wollen. Und wer keinen Radlader fahren kann, nimmt eben Besen und Eimer und hilft beim Aufräumen. 

Aber wir wollen realistisch bleiben: Das Tal wieder aufzubauen wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern. Und es wird Unsummen verschlingen. 

Die Frage ist nicht, ob der Klimawandel kommt (er ist längst da!), die Frage ist vielmehr, wann wir Menschen es verstehen und endlich etwas dagegen tun.


Mittwoch, 3. Juli 2019

29. Der große Bahnhof

Schicker Zug der SBB. Wohl in Japan gekauft.
Ich streife durch meine Gegend. Heute benutze ich dafür ausnahmsweise einmal die Bahn und lasse den Boxer Zuhause. Ich möchte nach Stuttgart auf eine Comic-Messe. Das ist mir für die Fahrt mit dem Mopped zu weit, denn ich benutze ja bekanntlich keine Autobahnen. Ohne Autobahn ist der Weg von Neustadt nach Stuttgart aber eine richtige Reise von vielen Stunden. Und das bei dem Wetter! Dann doch lieber die Eisenbahn.
Man sollte ohnehin wieder öfter mit dem Zug reisen. Die Deutsche Bahn ist, von der Pünktlichkeit abgesehen, in der Regel viel besser als ihr Ruf. Die Züge sind oft klimatisiert und das Personal freundlich und wirklich bemüht, den Fahrgast zufrieden zu stellen. An Sauberkeit mangelt es in der Regel auch nicht. Ich muss jedoch zugeben, dass ich mir in der letzten Zeit immer häufiger den Luxus der ersten Klasse gönne. Mit etwas vorausschauender Planung ist das gar nicht mal so teuer. Insofern ist der Vergleich mit meinen früheren Erlebnissen etwas unfair.

Der Regionalexpress bringt mich bis Karlsruhe, dort steige ich in einen ICE und fahre bis Stuttgart HBF. Im ICE erklärt mir eine entzückende Zugbegleiterin noch den Weg vom ICE-Gleis zur Abfahrtsstelle der S-Bahn, mit der ich bis zum Messegelände am Flughafen fahren möchte. Im Grunde genommen ist das nicht notwendig, denn innerhalb von Bahnhöfen sind die Wegstrecken immer ausgezeichnet beschildert. Außerdem könnte ich das ganze Apfelzeug an meinem Körper auch als Fußgängernavi benutzen. Aber sie meint, dass man sicherer den Weg findet, wenn man schon einmal eine ungefähre Richtung im Kopf hat. Da hat sie natürlich auch wieder Recht. Also lasse ich sie weiterplappern. Ich bin geradezu hypnotisiert von ihrem bezaubernden Akzent, dessen Herkunft ich irgendwo im westlicher Erzgebirge verorte. Es ist wirklich nur der Hauch eines Zungenschlags, eine ganz leicht eingefärbte Sprachmelodie. Aber seitdem ich fünf Jahre am Erzgebirgsrand gelebt und gearbeitet habe, empfinde ich diesen Akzent als äusserst angenehm, fast schon als erotisch. Die arme Zugbegleiterin denkt vermutlich, dass der debil grinsende ältere Herr vor ihr versucht, sie anzubaggern. Aber danach steht mir wirklich nicht der Sinn. Die junge Frau könnte mit ihren geschätzt Anfang 30 Lenzen locker meine Tochter sein und so junge Dinger fasse ich nicht an. Also reiße ich mich los und verlasse den klimatisierten Zug. Die Hitze im Bahnhof trifft mich wie ein Vorschlaghammer. Draußen müssen es jetzt schon über 30 Grad sein - so zeigt es mir zumindest das virtuelle Thermometer an der Apfeluhr. Und das im Juni. Um 10 Uhr morgens. Also nichts wie zur S-Bahn.

In der S-Bahn-Station
Den Weg finde ich leicht, auch wenn er sich bei dieser Hitze zieht wie Kaugummi. Ein junger Mann fällt mir wegen seines ungewöhnlichen Haarschnitts auf. Er trägt einen klassischen Afro-Look wie aus den frühen Siebzigern kombiniert mit einem modischen Undercut an den Seiten und am Hinterkopf. Merkwürdig! An der S-Bahn angekommen stelle ich fest, dass überhaupt keine Züge fahren. Die Anzeigetafel gibt erstaunlich detailliert Auskunft: Wegen polizeilicher Ermittlungen auf dem Bahnhof Bad Cannstatt ist die gesamte Strecke b. a. W. gesperrt. Diese Erklärung für einen Zugausfall ist tatsächlich neu. Deshalb lasse ich das mal gelten und verlasse den Bahnhof, um mir ein Taxi zu suchen. Empfand ich die Hitze beim Aussteigen aus dem klimatisierten ICE noch wie einen Schlag mit dem Vorschlaghammer, trifft sie mich jetzt wie eine Abrissbirne. Laut meiner Wetter-App beträgt die Lufttemperatur zwar „lediglich“ 30°C. Aber diese Werte gelten für Messungen im Schatten. Auf dem Bahnhofsvorplatz von Stuttgart gibt es jedoch keinen Schatten. Der Asphalt der Großstadt, die Betonwände, überhaupt alles hat sich in der prallen Sonne trefflich aufgeheizt und diese Hitze wird jetzt auf mich abgestrahlt als gälte es, mich zu garen. Und ich rede nicht vom fast zärtlichen Niedrigtemperaturgaren, wie ich es bisweilen mit einem Stückchen Lachs in meinem Backofen mache. Ich meine Oberhitze plus Unterhitze plus Grill und alles auf höchster Stufe. Der kleine Adolf: außen knusprig - innen Geschmack.

Wir müssen über das sich verändernde Klima reden, Leute. Damit habe ich mich im letzten Jahr noch zurückgehalten, obwohl es von den Temperaturen her ein Rekordjahr war. Aber es hilft ja nichts! Da müssen wir jetzt durch. Müssen wir uns ängstigen? Es hat natürlich immer wieder heiße Tage gegeben, auch ungewöhnlich warme Sommer oder besonders milde Winter. Das sind alles noch keine Gründe, Alarm zu schlagen. Der Unterschied ergibt sich aus einer mathematischen Betrachtung heraus, genauer gesagt aus einer statistischen. Ein heißer Tag macht noch keine Hitzewelle. Folgen aber mehrere Dutzend ungewöhnlich heiße Tage aufeinander, spricht man ganz selbstverständlich von einer Hitzewelle. Das würde man selbst dann noch tun, wenn die Folge sehr heißer Tage von einem oder zwei kühlen Tagen unterbrochen würde.
Ein heißes Jahr macht noch kein erwärmtes Klima. Aber eine Folge von einem Dutzend oder oder gar mehreren Dutzend heißen Jahren wäre ganz ohne Zweifel eine messbare Klimaerwärmung. Das gilt ganz besonders dann, wenn hier zusätzlich ein stetiger Trend nach oben erkennbar ist.

Def.: Klima ist der langjährige Mittelwert (i. d. R. über 30 Jahre gemittelt) der Klimaelemente Temperatur, Niederschlag, Wind, Luftfeuchte usw.

Das bedeutet, dass ein seriöser Klimaforscher niemals von einer Klimaveränderung sprechen würde, weil das Wetter mal für ein paar Tage oder Wochen verrückt spielt. Und genau das machte lange Zeit die Argumente derer, die einen Klimawandel befürchten, so angreifbar. Es gab einfach noch nicht genug vom langjährigen Mittelwert abweichende Daten. Das ist inzwischen anders. Schon in den späten 90er Jahren warnte das MPI für Meteorologie in Hamburg, dass alle statistischen Daten darauf hinweisen, dass es tatsächlich zu einer Veränderung des Klimas kommt. Das sehen alle seriösen Klimaforscher (damit meine ich jetzt die, die nicht von irgendeinem Interessensverband der Industrie bezahlt werden) schon seit einigen Jahren so und setzen aktuell sogar noch eins drauf: Diese Veränderung, da ist man sich inzwischen ebenfalls einig, ist vom Menschen verursacht und sie beschleunigt sich.

Der Taxifahrer tippt während der Fahrt fast ohne Pause auf seinem Telefon herum. Im Normalfall würde ich ihn jetzt bitten, rechts ranzufahren. Dann würde ich aussteigen und mir ohne Kommentar ein neues Taxi suchen. Aber bei diesen Außentemperaturen ist diese Vorgehensweise keine Option. Wer möchte schon als Trockenmumie enden? Am Straßenrand in Stuttgart. Trotz seines verkehrswidrigen Verhaltens bringt der Fahrer mich relativ sicher und nur mäßig zu schnell zum Messegelände am Flughafen. Am Eingang wird mein Rucksack durchsucht, wobei die Dame vom Sicherheitsdienst mit meiner Kamera sichtlich überfordert ist. Statt der geradezu zierlichen und leicht zu transportierenden D810 habe ich nämlich die vergleichsweise klobige D3 eingesteckt und das dicke Telezoom angeflanscht, mit dem ich immer bei der Schauspielgruppe Bilder mache. Die D3 ist zwar laut und hat eine viel kleinere Auflösung als die D810, aber sie ist brutal schnell und extrem zuverlässig. Noch nie hat sie die Auslösung verweigert, wenn es darauf ankam. In dieser Beziehung ist die D810 eine kleine Zicke die ich schon mehrfach während einer Fotositzung neu starten musste, indem ich den Akku herausgenommen habe. Die Dame schaut in meinen Rucksack und hat keine Vorstellung davon, wie sie den Anblick eines dicken, schwarzen Rohres deuten soll, das da aus dem Rucksack heraus auf sie gerichtet ist. Die bei mir wie immer mit schwarzem Klebeband abgedeckten Herstellerlogos und das hohe Gewicht des rätselhaften Objekts machen ihr die Interpretation des Anblicks auch nicht gerade leichter. Schließlich fragt sie, ich sage nur „Kamera“ und jetzt scheint ihr alles klar zu sein. Vielleicht auch nicht, schließlich hat sie heute schon dutzende der bizarren Waffenattrappen der Cosplayer inspiziert, wer weiß also, was sie wirklich denkt. Ist mir jetzt aber auch egal. Hauptsache, ich darf rein.

Ich fasse noch einmal zusammen:
Die Erde erwärmt sich immer schneller.
Diese Erwärmung wird vom Menschen verursacht.

Das sind die Fakten. Ich gehe davon aus, dass die Leser dieses Blogs den Erkenntnissen zustimmen, bei denen sich die überwiegende Mehrheit der zuständigen Wissenschaftler einig sind. Hier geht es nicht mehr um Meinungen, es geht hier um wissenschaftlich untermauerte Fakten. Darüber diskutiere ich nicht mehr und erkläre es auch nicht, denn wir reden hier über Schulbuchwissen. Wer das leugnet, sei gewarnt: Sie können JETZT aufhören diesen Blog zu lesen. Oder Sie müssen es ertragen, dass Sie sich möglicherweise im weiteren Verlauf dieser Episode meines Blogs brüskiert oder gar übel beschimpft fühlen. Vielleicht lernen Sie ja auch noch etwas dazu, aber ich wage das zu bezweifeln. Wenn Sie die oben genannten Fakten leugnen ist jede weitere Diskussion an dieser Stelle Zeitverschwendung. Kaufen Sie sich ein gutes, wissenschaftliches Lehrbuch der Klimatologie oder wenigstens ein Erdkundebuch für die gymnasiale Oberstufe und melden Sie sich wieder, wenn Sie es gelesen und verstanden haben. Oder kaufen Sie sich eine Rolle Aluminiumfolie und falten Sie sich einen lustigen Hut daraus. Das ist allein Ihre Entscheidung!

Noch ein kurzer Plausch mit dem Mann an der Kasse, 29 Euronen wechseln den Besitzer und dann bin ich endlich drin. Genauer gesagt bin ich nur fast drin, denn jetzt steht Boba Fett, der Kopfgeldjäger aus dem Star-Wars-Universum, vor mir und unverrückbar im Weg herum. Wir schweigen uns an, ausweichen ist keine Option. Er zückt seine futuristische Strahlenpistole, ich die D3. Er gibt auf und ich gewinne das Duell. Leider vergesse ich in der Aufregung völlig, ein Bild von ihm zu machen. Ein unverzeihlicher Fehler, aber da muss ich jetzt wohl durch. Schon jetzt wird mir klar, dass ich im nächsten Jahr auf ein weiteres Duell mit Boba Fett wiederkommen muss.

In den Messehallen ist es dank einer gigantischen Klimaanlage angenehm kühl.

Klimaanlage liefert das Stichwort. Die Klimamaschine Erde ist viel zu kompliziert, als dass wir sie in einfachen, linearen Zusammenhängen denken dürften. Deshalb kursieren ein paar gravierende Missverständnisse, die von Klimaleugnern (gemeint sind: Leugner der globalen, durch den Menschen verursachten Erwärmung) gerne für plakative Meme genutzt werden. Diese Meme kursieren dann in den einschlägigen Filterblasen und verfestigen dort die irrige Meinung, dass eine einzige knackig kalte Woche im Februar oder ein besonders schneereicher Monat in den Dolomiten im Widerspruch zur globalen Erwärmung stehen würden. Sogar der Mann mit dem Eichhörnchen auf dem Kopf entblödet sich nicht, dies so in seinen Twitter-Meldungen zu thematisieren.

Mit diesen Missverständnissen und Vereinfachungen möchte ich an dieser Stelle aufräumen, zumindest exemplarisch. „Globale Erwärmung“ bedeutet nämlich nicht zwingend, dass es auf dem gesamten Planeten gleichmäßig wärmer wird. Im Gegenteil. Die Erwärmung des Planeten kann regional sehr unterschiedlich erfolgen. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass sich einzelne Regionen im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung abkühlen könnten. Klingt komisch - ist aber so. Das zu verstehen ist gar nicht so schwierig. Benötigt werden ein paar grundlegende geographische und physikalische Kenntnisse aus der Mittelstufe. Und los gehts:


Dass unterschiedliche Regionen der Erde unterschiedlich auf globale Erwärmung reagieren hat, unter Anderem, mit ihrer Albedo zu tun, also mit der Fähigkeit von Oberflächen, elektromagnetische Strahlung (Eigentlich sind das Wellen, aber wir wollen nicht pingelig sein.) in den Weltraum zurück zu reflektieren. Diese Fähigkeit zu reflektieren ändert sich bei einigen Oberflächen kaum, ob sie nun kalt oder warm sind. Es gibt aber Oberflächen, bei denen sich die Albedo ziemlich radikal ändert, wenn sie erwärmt werden. Wasseroberflächen zum Beispiel. Die flüssige Oberfläche eines Meeres absorbiert deutlich über 90% der einfallenden Strahlung und reflektiert nicht einmal 10%. Die Energie der absorbierten Strahlung wird dabei auf die Wassermoleküle übertragen, die der reflektierten, vereinfacht gesagt, in den Weltraum zurückgeworfen. Die schneebedeckte Oberfläche von Eis (Ob Gletscher oder Meereis spielt dabei keine Rolle) reflektiert hingegen über 90% der einfallenden Strahlung, nur weniger als 10% werden absorbiert. Da Eisflächen auf diesem Planeten aber (noch) recht ungleichmäßig verteilt sind (in der Nähe der Pole sehr viel, in der Nähe des Äquators eher wenige) reagiert die Albedo der Erdoberfläche breitengradabhängig auf die globale Erwärmung: Am Äquator ändert sie sich wenig, an den Polen jedoch nimmt sie bei durch die schmelzenden Eisflächen dramatisch ab. Das führt dann zu einer weiteren Erwärmung dieser Flächen, denn plötzlich reflektieren sie nicht mehr 90% der einfallenden Energie, sondern absorbieren 90%. Deshalb schaukelt die die globale Erwärmung in der Nähe der Pole quasi selbst hoch und die Polarregionen erwärmen sich im Rahmen der Klimaänderung viel dramatischer als die Äquatorregionen. Von solchen Rückkopplungseffekten im Zusammenhang mit dem Thema werden wir noch öfter sprechen, jedoch nicht in dieser Folge des Blogs.

Man darf schon verrückt sein. Aber bitte mit Stil!
Nach dem Durchqueren des Foyers betrete ich die große Messehalle. Ich bin überwältigt: Comicstand reiht sich an Comicstand, Zeichner signieren ihre Werke mit kleinen Zeichnungen, Devotionalien werden gehandelt, futuristische oder mittelalterlich-martialische Waffenreplikate kann man ebenso erstehen wie Action-Figuren in Originalverpackung. In mobilen  Fotostudios kann sich jeder in seiner Verkleidung von Profis ablichten lassen, es wird geschminkt und tätowiert. Wo wir gerade beim Thema sind: am meisten beeindrucken mich die vielen aufwändig verkleideten Besucher. Täuschend echt stellen sie futuristische Cyborg-Soldaten mit klobigen Uniformen dar. Der Boden bebt, wenn sie mit den Füßen aufstampfen. Star-Wars Figuren, Vulkanier, Klingonen, Elfen, Trolle und andere Fantasiegestalten tummeln sich. Jonathan Frakes und Brent Spinner sollen übrigens auch kommen, Richard Dean Anderson ist schon da und scherzt auf der Bühne über seine etwas aus der Form geratene Figur. Eben überholt mich eine Mutter in Hobbitkostümierung. An ihrer Hand zieht sie einen etwa sechsjährigen Superboy hinter sich her. Ich bin so geflasht, dass ich wieder über einen längeren Zeitraum das Fotografieren vergesse.

"AAARARRRGWWWH."
Schließlich mache ich dann doch noch ein paar Bilder von Chewbacca, der für einen der Fotografen posiert. Chewie ist viel zu groß für die vorbereiteten Blitzreflektoren. Der Fotograf sieht die D3 und bittet mich sofort um kollegiale Hilfe. Die D3 als Bildjournalistenausweis? Gar als VIP-Pass? So habe ich das noch nie gesehen. Das würde natürlich ganz andere Möglichkeiten bei einer solchen Veranstaltung eröffnen.


Ein weiterer Grund für die regional unterschiedlichen Auswirkungen der globalen Erwärmung ist in den Meeresströmungen zu suchen, die gewaltige Wärmemengen um den Globus transportieren. Manche Regionen werden dadurch aufgeheizt wie mit einer Fußbodenheizung, andere werden abgekühlt wie mit einer Klimaanlage. Meeresströmungen können ihren Lauf ändern und damit auch die regionale Wärmeverteilung. So etwas geschieht zum Beispiel, wenn durch Vorgänge der Plattentektonik große Landmassen zusammenstoßen und so Meeresströmungen den Weg versperren. Ein solches Ereignis ist wohl in den nächsten Jahrzehnten nicht zu erwarten. Und wenn, dann wurde es mit Sicherheit nicht durch die globale Erwärmung hervorgerufen. Aber neben den Meeresströmungen an der Oberfläche gibt es auch noch die globalen Tiefenströmungen, die mit den oberflächennahen Strömungen in lebhaftem Austausch stehen. Bei diesem Austausch spielt die salzgehalt- und temperaturabhängige Dichte des Oberflächenwassers eine entscheidende Rolle. Und Temperatur und Salzgehalt von Meerwasser ändern sich durch einströmendes Wasser vom Festland. Schmelzwasser von abtauenden Gletschern zum Beispiel. So etwas kann dann eine Meeresströmung wie den Golfstrom abreißen lassen. Das ist in der Vergangenheit schon mehrfach geschehen, und die Auswirkungen waren fatal und werden es wieder sein. Ohne den Golfstrom, so schätzen Wissenschaftler, wird die Temperatur in Europa im Schnitt um 5 bis 10 Grad sinken. Selbst wenn wir davon die ca. 1,5°C abziehen, die sich die Pfalz seit dem Anfang der Industriealisierung bereits erwärmt hat, so wären es dann in meiner Wahlheimat knackige 8,5°C kühler, als im langjährigen Mittel. Und dann gute Nacht, Riesling! Vielleicht reicht es dann ja gerade noch für den Getreideanbau. Dann gäbe es wenigstens noch Bier.

Mein persönlicher Comic-Gott
Die beiden Höhepunkte meines Comic-Con-Besuchs habe ich mir bis zum Schluß aufgehoben:
Ralf König liest aus seinem neuesten Buch „Stehaufmännchen“. Er macht das, indem er die Bilder aus seinen Comics auf eine große Leinwand projiziert und dann die Sprechblasen seiner Protagonisten mit verschiedenen Stimmen vorliest. Gerne auch die der weiblichen Figuren. Da er auch die Geräusche „vorliest“ ist das sehr unterhaltsam für das Publikum und vermutlich sehr anstrengend für den Autor.

Squaredolf
Finale Furioso: Ich mache einem mir bekannten Comiczeichner meine Aufwartung. Der ist eigentlich Grafiker oder so, zeichnet aber in seiner Freizeit witzige, ganz aus dem Leben gegriffene Comics, die er dann kostenlos im Internet veröffentlicht. Markenzeichen sind die rechteckigen Köpfe seiner Comic-Charaktere, die Squareheads, die er auch nach meinem Vorbild schon gestrichelt hat. Kennengelernt habe ich ihn, wie sollte es anders sein, bei der Neustadter Schauspielgruppe. Ich freue mich sehr ihn zu sehen und er ist offensichtlich überrascht. Hoffentlich angenehm überrascht. Wir unterhalten uns eine Weile, dann kaufe ihm zwei seiner Heftchen ab (die heißen wirklich so!) und bekomme zum Dank wieder eine entzückende Karikatur meiner Person. Wie cool ist das denn? Von mir existiert eine Comic-Version!

Stuttgart 21
Reichlich verschwitzt, aber sehr glücklich mache ich mich auf den Heimweg. Inzwischen ist das Thermometer im Glutofen Stuttgart auf 36°C gestiegen. Ich bestaune noch die riesige Baugrube des Stuttgart21-Projektes, dann will ich aber unbedingt wieder in einen klimatisierten Zug. Man gönnt sich ja sonst nichts. In Neustadt sind es dann 38°C. Es bleibt schwierig.

Freitag, 24. Mai 2019

28. Der abgeworfene Ballast (2)

Gerne bestätigt ihr mir meinen Austritt?
Wie schade! Ich hätte viel lieber noch
einmal mit euch darüber geredet.
Und wieder streife ich. In diesem Fall aber nicht durch die unendlichen Weiten meiner Festplatte, denn was jetzt kommt, hätte ich euch schon viel früher zum Lesen anbieten sollen. Deshalb liegt es auch schon seit Monaten vor meiner Nase herum. Es sind vielmehr die Windungen meines schlechten Gewissens, durch die ich streife.

Wohlan denn - ans Werk:















SPD-Parteivorstand
Direktkommunikation
Wilhelmstr. 141
10963 Berlin

Betr. Austritt des Mitglieds 80153509

Neustadt, den 2. Dezember 2018


Liebe SPD,

wir müssen reden.

Du und ich, wir haben eine wechselvolle Zeit hinter uns. Ich kenne dich schon ganz lange und habe bei Bundes-, Landtags- und Kommunalwahlen fast immer wenigstens ein Kreuz bei dir gemacht. Ich war gelegentlich auch schon einmal gegen etwas, was du auf deiner politischen Agenda stehen hattest. Aber in der Summe hast du eigentlich immer ganz gut zu mir gepasst. Oder du warst zumindest das kleinere Übel - das ist ja auch schon etwas. Sogar den Schröder habe ich dir inzwischen verziehen, man will ja nicht ewig nachkarten.

Außerdem war ich immer der Überzeugung, dass global wichtige ökologische und ökonomische Ziele am ehesten zusammen mit einer großen Partei vorangetrieben werden können, die die internationale Solidarität in ihren Liedern besingt. Politisch engagiert habe ich mich, außer auf Demonstrationen, nie. Dazu fühlte ich mich nicht berufen. Lieber habe ich mich darauf konzentriert, meinen Schülerinnen und Schülern im Unterricht die ökologischen und wirtschaftlichen Kreisläufe, sowie die Zusammenhänge zwischen diesen beiden Systemen aufzuzeigen. Ich hegte immer die Hoffnung, dass ich damit einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Welt leisten kann. Deshalb war ich auch die längste Zeit meines Lebens in keiner Partei Mitglied, auch nicht bei dir.

Und dann kam diese gruselige Bundestagswahl. Auf einmal saßen im Reichstagsgebäude wieder Politiker, die offen mit rassistischen und diffamierenden Parolen provozierten und die in beängstigender Weise wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen. Die Parteienlandschaft ist inzwischen so zersplittert, dass einem angst und bang werden kann. Wenn man CDU und CSU als zwei Parteien rechnet, und sie beweisen in der letzten Zeit immer wieder, das sie das tatsächlich sind, dann kommt man im aktuellen Bundestag auf sieben Parteien. Das sind ja Zustände wie in der Weimarer Republik. Es kann doch nicht wahr sein, dass sich vor meinen Augen Geschichte wiederholt!

Immer häufiger schrie ich abends die Tagesthemen oder das Heute-Journal an. Dabei sind Frau Miosga, Frau Slomka oder Herr Zamperoni doch nur die Überbringer der schlechten Botschaften. Ein guter Freund erzählte mir vor einem Jahr mehrfach, dass es ihm genauso gehe. Wir diskutierten viel darüber und eines Tages bekam er, und damit indirekt auch ich, von seiner Frau die unbequeme Wahrheit auf’s Brot geschmiert: „Wenn dir nicht passt, was in der Politik geschieht, dann gibt es nur einen Weg, das zu ändern: Gehe in die Politik und mach es selbst besser.“ sagte sie ihm sinngemäß. Bald setzte er das in die Tat um und wurde SPD-Mitglied. Ich selbst brauchte noch ein paar Wochen länger, bis ich zu dem Ergebnis kam, dass es an der Zeit ist, eine der großen Volksparteien zu unterstützen und meinen Beitrag zu leisten, damit sich Geschichte eben nicht wiederholt. Und seit dem 1. 4. 2018 bin ich nun Genosse. So richtig mit Mitgliedsausweis und kleinem roten Buch.

Mein Vorsatz war: Ich schaue mir diese Partei erst einmal ganz genau an, bevor ich mich reinhänge. Von innen sieht man halt doch mehr als von außen, und dann werde ich schon merken, ob die SPD wirklich zu mir passt. Ich war vom Bauchgefühl her eher skeptisch. Und so schaute ich mich um. Ich betrachtete auch die Nachrichten aus einem anderen Blickwinkel, weil mich ja jetzt die SPD-Positionen besonders interessierten. Gerade neulich habe ich mir den Livestream vom Debattencamp in voller Länge angeschaut. Das klang alles sehr gut, erfreulich und nahe an meinen Zielen. Auch die Internetpräsentation der Partei wirkt jung, frisch und hip. In meinen Augen schon etwas zu jung, frisch und hip. Fast so, als habe eine Werbeagentur dieses Image verordnet und umgesetzt.

Doch da gibt es noch eine andere Seite der Medaille. Was hauen SPD-Politiker an Statements an anderer Stelle raus? Bei Ereignissen, die nicht so durchgestylt und - geplant sind wie das Debattencamp? Was tun sie tatsächlich in ihrer politischen Arbeit? „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ sagte Helmut Kohl 1984 auf einer Pressekonferenz und lieferte damit eine unfreiwillig komische Zitiervorlage. Immer wieder erschrecken mich Nachrichten aus deinem Umfeld, liebe SPD, wundern mich oder machen mich zornig.

Ich gebe dir ein paar Beispiele:

Die SPD erhält jetzt größere Summen aus dem Topf für die Parteienfinanzierung als vor der Wahl.
Warum?
Hat sie mit weniger Abgeordneten jetzt höhere Ausgaben? Muss sie, um mit der Zeit zu gehen, viele neue Computer anschaffen? Damit sie weniger abgängig von Parteispenden wird?
Nein!
Sie erhält größere Summen, weil die Groko das so beschlossen hat. Dass die CDU ebenfalls davon profitiert, macht es nicht besser.
Das Ganze hat nicht nur ein G’schmäckle. Es fördert auch die Politikverdrossenheit.

„Wir halten Wort: 19,3 Mio. Euro für das Panzermuseum Munster.“ 
Das sagte nicht irgendwer. Das sagte der SPD Generalsekretär Klingbeil höchstpersönlich. Da schüttelt man als Bürger den Kopf und wundert sich ein Loch in den Bauch. Ein Panzermuseum? Das liest sich wie ein schlechter Witz. Selbstverständlich habe ich nichts gegen eine den Tourismus unterstützende Investition in einem strukturschwachen Raum. Auch einer Auseinandersetzung mit unserer Geschichte möchte ich nicht im Weg stehen. Aber 19 Millionen? Für ein Panzermuseum? Haben wir nicht wichtigere Probleme?

Da vergammeln doch in den Kasernen Rüstungsgüter - auch Panzer. Bei allem was da im Argen liegt drängt sich der Eindruck auf, unsere Bundeswehr verkommt zu einer nicht einsatzfähigen Gurkentruppe. Und dann werden 19 Millionen in ein Museum von äußerst fragwürdiger Ausrichtung geblasen? Das ist nicht zu fassen! Ich selbst bin Wehrdienstverweigerer, denn ich kann und konnte mir nie vorstellen, dass ich den Beruf des Soldaten ausüben könnte, ohne ernsthaften Schaden an meiner Seele zu nehmen. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass diejenigen Frauen und Männer, die das können, die in der Bundeswehr den Kopf für uns - auch für mich - hinhalten, die beste Ausbildung und Ausrüstung verdient haben, die man für Geld kaufen kann. Da müssen einfach andere Prioritäten gesetzt werden. Das Leben unserer Soldaten ist doch letzten Endes wichtiger als ein fragwürdiges Museum. Könnte es eventuell sein, dass es sich hier um ein taktisches Geschenk des Herrn Klingbeil an seinen Wahlkreis handelt? Vielleicht kuschelt der Wehrdienstverweigerer Klingbeil auch einfach nur gerne mit der Waffenlobby. Ein Schurke, wer sich Böses dabei denkt.

Oder die Vorsitzende, die sich darüber beschwerte, dass die Grünen die Maghrebstaaten nicht als sichere Herkunftsländer anerkennen wollen. Liebe Andrea: Hast du schon einmal etwas von Amnesty International gehört? Dass die Grünen diese Haltung den Maghrebstaaten gegenüber haben, könnte vielleicht daran liegen, das die Mitglieder dieser Partei die Berichte von Amnesty International zur Menschenrechtssituation in den Maghrebstaaten nicht nur gelesen, sondern auch verstanden haben.

Wo wir gerade über die Vorsitzende sprechen: Andrea will sich für den Erhalt von Arbeitsplätzen in der Braunkohle einsetzen. Hat Ätschi-Bätschi-Andrea etwa Clown gefrühstückt? Die Menschheit rast in einem voll besetzten ICE auf einen Abgrund zu, und Andrea will, dass der Zug noch schneller fährt? Ja wo hat diese Frau eigentlich Abitur gemacht? Hat sie denn in der Schule kein Erdkunde gehabt? Gerade hatten wir - mal wieder - den heißesten und trockensten Sommer seit Beginn der Klimaaufzeichnungen, die UN-Klimakonferenz rastet völlig aus und gibt tiefroten Alarm aus, und Frau Nahles will Arbeitsplätze in der Braunkohle sichern, weil da ganze Regionen dranhängen? Ich glaube, die Leute in der Region, deren Dörfer man abbaggert, fänden eine Bremse für die Braunkohle ganz gut. Auch die Menschen, die zum Beispiel auf den Fidschi-Inseln beheimatet sind, würden eine Verringerung des CO2-Ausstoßes sehr wohl befürworten. Die haben nämlich keine Heimat mehr wenn der Meeresspiegel trotz Einhaltung der Pariser Klimaziele bis 2100 um 1,80 Meter ansteigt, wie erst kürzlich von Fachleuten prognostiziert. Ich dachte tatsächlich, dass die SPD für Werte wie „internationale Solidarität“ steht. Aber diese internationale Solidarität gilt offenbar nicht für die knapp 900.000 Menschen auf Fidschi. Und auch nicht für vielen Millionen anderer Menschen auf anderen Inselstaaten. Und nicht für die vielen 100 Millionen Küstenbewohner auf diesem Planeten. Nicht für die Leute in Bangladesch. Nicht für unsere lieben Nachbarn in den Niederlanden. Hat die große Vorsitzende denn noch nie davon gelesen, wieviele Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien in den letzten Jahren entstanden sind? Vielleicht sollte man ihr das einmal ganz vernünftig erklären.

Aber innerhalb und außerhalb der Partei scheint Andrea mit dieser Haltung nicht alleine zu sein. So wundert es nicht, dass sich in der mit dem Kohleausstieg betrauten Kohlekommission mehr Vertreter von Wirtschaftsverbänden als aus der Opposition finden. Es wundert nicht, dass sich diese Kommission eher mit Wirtschaftsförderung und Strukturwandel beschäftigt, ein Ausstiegsdatum aber noch nicht benannt hat. Mir fehlt da das Visionäre. Das konsequente und radikale Vorgehen, das angesichts der akuten Bedrohungslage notwendig wäre.

Ich beobachte Dinge, die mich daran zweifeln lassen, ob es den Funktionären der Partei wirklich um die Lösung von Sachproblemen geht. Ganz offensichtlich werden in der Groko Problemlösungen so lange mit Kompromissen verwässert, bis sie an den Problemen eben nichts mehr lösen. Der Eindruck, das Geschachere um Posten, Pöstchen und Pfründe könnte den Funktionären wichtiger sein als das Lösen von Sachproblemen, ist zumindest naheliegend. Vielleicht irre ich mich ja und tue meinen Genossinnen und Genossen hier Unrecht. Dann entschuldige ich mich hiermit und behaupte das Gegenteil.

Probleme haben wir mehr als genug. Bleiben wir ruhig noch bei dem oben angesprochenen Klimawandel: Es handelt sich dabei um die aktuell größte und gefährlichste vermeidbare Gefahr für den Fortbestand der menschlichen Zivilisation wie wir sie kennen. Und nein, liebe SPD, ich übertreibe nicht. Ich bin studierter Geograph und Biologe. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich davon mehr verstehe als die meisten Politiker. Weit über 99% der Klimaforscher sind sich einig: Der Klimawandel hat nicht nur begonnen, wir haben in einigen Teilsystemen des Klimas schon den sogenannten „point of no return“ erreicht. Diese Teilsysteme kippen irgendwann von einem ehemals stabilen Grundzustand in einen neuen, dann wieder sehr stabilen Zustand um, der die Erwärmung der Erde selbst dann noch beschleunigen wird, wenn wir die CO2-Emissionen wider Erwarten in der Griff bekommen sollten. Die Eiskappe des Nordpolarmeeres hat diesen Kipppunkt bereits erreicht, denn das Meerwasser darunter hat bereits viel mehr Wärme aufgenommen, als noch vor wenigen Monaten vermutet. Das grönländische Inlandeis ist ein wahrscheinlicher Kandidat für das nächste „point of no return“-Ereignis. Oder das Methanhydrat am Boden der Ozeane. Oder, oder, oder...

Ich könnte hier noch stundenlang so weitererzählen, lasse es aber bleiben. Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass du den Klimawandel als nur eines von vielen Problemen ansiehst, die irgendwie gleichberechtigt mit Kompromissen unter einen Hut gebracht werden müssen. Klimawandel, Arbeitsplätze in der Braunkohle, KiTa-Plätze und Pöstchen in der Partei... alles irgendwie gleich wichtig. Aber das stimmt so nicht. Natürlich sind neue Arbeitsplätze für die Bergleute wichtig, KiTa-Plätze ganz sicher auch. Vielleicht sogar die Pöstchen - man will ja auch in der nächsten Legislaturperiode noch aktiv mitgestalten.

Aber der Klimawandel ist das Problem Nummer eins, die Mutter aller Probleme. Die kompromisslose Bekämpfung des Klimawandels muss deshalb allerhöchste Priorität haben. Dazu gehören dramatische Umbaumaßnahmen. Es muss aus allen Rohren gefeuert werden:

  • Völlig neue Mobilitätskonzepte, jenseits vom SUV und Elektroauto müssen erarbeitet werden. Die Automobilkonzerne, die krampfhaft an der Technik von Vorgestern festhalten, besiegeln damit ihren Untergang. Hoffentlich nicht auch noch unseren.
  • Städtebau muss sich ändern, damit das Leben in den Städten wieder lebenswert wird und damit auch der Pendlerverkehr abnimmt. Der äußerst ungünstige ökologische Fußabdruck der Städte könnte so nach unten gedrückt werden. Schau‘ dir nur die tollen Beispiele an, die man in Europa schon bewundern kann: Kopenhagen, Delft oder Wien.
  • Die Energieversorgung muss zügig umgebaut werden: weg von Kohle und Öl, und zwar so schnell wie es geht. Nicht an alter Technik festhalten! Parallel dazu müssen Energiesparkonzepte weiter voran getrieben werden.
  • Der Rückgang der Artenvielfalt, insbesondere das Insektensterben, müssen mit schnellen, drastischen und sehr konsequenten Maßnahmen bekämpft werden. Wir müssen umgehend die Landwirtschaft umstrukturieren. Wir wissen heute, dass die „grüne Revolution“ der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein großer Fehler war. Alternative Methoden in der Landwirtschaft müssen weiter erforscht und flächendeckend eingeführt werden, denn die Pestizide vergiften das Grundwasser, die schweren Maschinen verdichten den Ackerboden, die Flurbereinigungen förderten die Erosion und den Rückgang der Biodiversität.

Auch hier könnte ich noch weiter ausholen, aber ich fasse es einfach mal ganz plakativ zusammen:

Uns fliegt gerade der Planet um die Ohren!

Aber das alles scheinst du, liebe SPD, nicht auf dem Schirm zu haben oder nur als ein kleineres Problem von vielen anzusehen.

Doch die Natur schachert nicht. Mit der Natur kann man auch keine Kompromisse aushandeln. Die Natur handelt einfach nach ihren Gesetzen, den Naturgesetzen. Sie schert sich nicht darum, ob es uns Menschen gibt.

Immer mehr Wähler verstehen das inzwischen. Finde dich damit ab, liebe SPD: Wenn du es nicht bald auch begreifst, dann wirst du untergehen. Dann ist deine mehr als 150- Jährige Geschichte zu Ende. Dann bist du Geschichte und du wirst zu Grabe getragen. Und ich, liebe SPD, werde nicht trauernd an deinem Grab stehen.
Denn wir trennen uns heute.

Ich trete aus.


Mit freundlichen Grüßen


(Adolf Kluth)

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Monate später stoße ich auf diese Video. Es bestätigt mich in meiner Entscheidung.